Hanno Loewy ist nicht mehr Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Anfang April übergab der langjährige Leiter den Schlüssel an seine Nachfolgerin Irene Aue-Ben-David. Doch der 65-Jährige bleibt dem Haus verbunden – was bei einem Besuch der Jüdischen Allgemeinen in Hohenems deutlich spürbar wird.
Ohnehin war Loewy nie jemand, der seine Arbeit aus sicherer Distanz betrieb. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Er verstand dieses Museum nicht als Ort der Aufbewahrung, sondern als lebendigen Raum des Streits, der Fragen und Zumutungen. 22 Jahre und drei Monate hat er das Haus im österreichischen Bundesland Vorarlberg geprägt – eine lange Zeit, in der sich nicht nur das Museum, sondern auch die Welt um es herum fundamental verändert hat. Durch seine Arbeit zog sich wie ein roter Faden die Überzeugung, dass ein Museum dann relevant ist, wenn es Unsicherheiten aushält.
Als der deutsche Literatur- und Medienwissenschaftler 2004 aus Frankfurt am Main nach Hohenems kam, war ihm das in der Villa Rosenthal untergebrachte Museum keineswegs fremd. »Ich kannte es bereits durch frühere Kooperationen und wusste um seine Krisen – aber auch um sein Potenzial. Was mich damals reizte, war dieser Möglichkeitsraum.« Loewy führt aus, dass das Museum in Hohenems ein Haus war, das schon früh den Anspruch hatte, »vor die Tür zu gehen«, um mit den Menschen der Stadt zusammenzuarbeiten und gesellschaftliche Fragen nicht nur abzubilden, sondern aktiv zu verhandeln.
Der Standort mit seiner Geschichte als Fluchtgrenze
Dazu kam die besondere Lage: Hohenems als »periphere Mitte« zwischen Österreich, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein, sah Loewy von Beginn an als großen Vorteil an. »Der Standort mit seiner Geschichte als Fluchtgrenze, das war für mich ein Treiber, aus dem Museum einen Ort zwischen Welten zu machen, wo es gelingen kann, Perspektiven zu verschieben.« Dass Grenzen hier ein zentrales Thema sein würden, war ihm früh klar – auch wenn sich das volle Potenzial, etwa im Hinblick auf Flucht und Migration, erst später entfalten sollte.
Aber der damals noch neue Museumsdirektor erkannte, dass die Auseinandersetzung mit Einwanderungsgesellschaft und Diversität von zentraler Bedeutung für den Standort Hohenems war. Das Museum hatte dieses Thema erstaunlich früh aufgegriffen, lange bevor es vielerorts selbstverständlich wurde. In einer Region mit einem hohen Anteil muslimischer Bevölkerung wurden hier bereits selbstbewusste Projekte realisiert. »Was sich mir jedoch erst im Bewerbungsprozess damals richtig erschloss, war, die weltweite Community der Nachkommen ehemaliger Hohenemser Jüdinnen und Juden. Was ich hier vorfand, unterschied sich grundlegend von anderen Kontexten, die ich kannte«, sagt Loewy im Gespräch.
Loewy sah das Museum vor allem als Ort der Begegnung.
Während in Städten wie Frankfurt, der Geburtsstadt Loewys, oder Wien der Kontakt zu Vertriebenen und ihren Nachkommen oft im Rahmen von »Wiedergutmachung« organisiert wurde, begegnete man in Hohenems einer selbstbewussten Gemeinschaft, für die der Ort eine zentrale Bedeutung hatte. »Diese Menschen kamen nicht, weil sie eingeladen wurden oder weil man ihnen die Reise finanzierte. Sie kamen aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten. Hohenems war für sie viel mehr als ein Erinnerungsort; es war ein Bezugspunkt ihrer Identität, ein Knotenpunkt ihrer Familiengeschichten.« Dieses Netzwerk wurde für Loewy zu einer tragenden Säule seiner Arbeit – und zugleich zu einer Art Wahlverwandtschaft, wie er andeutet.
Das Beharren darauf, dass komplexe Wirklichkeiten nicht in einfache Narrative passen
Aus dieser Konstellation entwickelte sich ein Museum, das bewusst Risiken eingegangen ist. Loewy spricht nicht gern von »mutigen« Ausstellungen im Sinne einer Rangliste, aber die Beispiele zeigen eine klare Haltung: Themen wie Jerusalem als umkämpfter religiöser Raum, die weibliche Dimension Gottes oder die widersprüchliche Realität Israels als jüdische und arabische Gesellschaft wurden nicht geglättet, sondern offengelegt. Dabei ging es ihm nie um Provokation um der Provokation willen. Vielmehr um das Beharren darauf, dass komplexe Wirklichkeiten nicht in einfache Narrative passen.
Auffällig ist, wie wenig dramatisch Loewy mit Kritik umgeht. Angriffe gab es – von Einzelpersonen, von politischen Rändern, gelegentlich auch aus dem jüdischen Umfeld. »Doch sie blieben«, wie er betont, »meist marginal«. Entscheidend war für ihn die Rückendeckung: durch das Team, durch die Träger, vor allem aber durch die Nachkommen-Community. Diese Unterstützung ermöglichte es, auch heikle Fragen zu stellen, ohne in Abwehrhaltung zu verfallen. Es ging ihm nicht darum, Wissen zu präsentieren, sondern Prozesse anzustoßen.
So entstand vor Jahren auch diese Idee des Museums als »kleine Akademie«: Netzwerke, Kooperationen, internationale Kontakte, langfristige Formate wie Sommeruniversitäten. Das Jüdische Museum Hohenems wurde zu einem Ort, an dem Menschen Zeit verbringen – diskutieren, lernen, streiten. Das »Kernbusiness«, also Ausstellungen mit Strahlkraft zu entwickeln, sollte jedoch nie zur Nebensache werden. Doch was zeichnet für Loewy eine gute Ausstellung aus? »Sie beantwortet nicht primär Fragen – sie stellt neue. Und sie tut das aus einer Haltung heraus, die auch die eigene Unsicherheit einschließt.«
Die zunehmende Polarisierung, verstärkt durch Debatten um Israel, Postkolonialismus und den 7. Oktober, erreichte auch das Museum.
Diese Haltung wurde auf die Probe gestellt. Die zunehmende Polarisierung, verstärkt durch Debatten um Israel, Postkolonialismus und den 7. Oktober 2023, hatte auch das Museum erreicht. Loewy beschreibt eine Atmosphäre wachsender Verhärtung, aber auch eine Diskrepanz zwischen lauten öffentlichen Stimmen und einer oft viel differenzierteren Realität in persönlichen Begegnungen.
Seine Erfahrung: Die meisten Menschen suchen nach Orientierung, ringen um Verständnis; nur ein kleiner Teil dominiert den Diskurs mit Lautstärke. Mit dem fokussierten Blick auf den Nahostkonflikt zeigt sich bei ihm eine Skepsis gegenüber einfachen Lösungen. »Die Zweistaatenlösung habe ich nie wirklich für realistisch gehalten. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, Formen des Zusammenlebens zu denken, die Widersprüche nicht auflösen, sondern organisieren.«
Seiner Nachfolgerin Irene Aue-Ben-David will (und kann) er keine Vorgaben machen
Was bleibt nach mehr als zwei Jahrzehnten? Loewy selbst formuliert es überraschend schlicht: Stolz darauf, dass in diesem Haus unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Dass sie bleiben, Zeit investieren, sich auf schwierige Fragen einlassen. In einer Zeit, in der Diskurse oft in geschlossenen Räumen stattfinden, erscheint ihm das als eigentliche Leistung.
Seiner Nachfolgerin Irene Aue-Ben-David will (und kann) er keine Vorgaben machen. Nur die Hoffnung äußert er, dass sie den »Spirit« des Ortes aufnimmt und weiterentwickelt. Aue-Ben-David hatte davor zehn Jahre lang das internationale Forschungsinstitut Leo Baeck für deutsch-jüdische Geschichte in Jerusalem geleitet.
Und Loewy? Der plant »jedenfalls keinen radikalen Bruch. Hohenems bleibt Teil meines Lebens, auch als Beobachter und Gast – und letztendlich als Nachbar«. Hanno Loewy wird weiterhin mit seiner Familie in Gehdistanz zum Museum leben – er lässt das Haus nicht aus den Augen.