Zeitzeuge

Hauptsache überlebt

Anatol Chari überlebte Ghetto und Lager dank »Findigkeit, Freunden und Glück«. Foto: Stephan Pramme

Seine schmalen Finger tasten sich zum Tisch vor. Anatol Chari zieht ein weißes Tablettenkästchen zu sich, schiebt die Plastikabdeckung vor und nimmt sieben Pillen heraus – längliche, runde, weiße und bunte. »Das ist meine Morgenration«, erklärt der kleine ältere Herr und schluckt die Medizin herunter. Ganz ohne Wasser. Für Chari kein Problem. »Alles eine Sache der Gewöhnung«, sagt er und zwinkert, so als habe er gerade einen Witz erzählt.

sonderkommando Gewöhnung ist das Leitmotiv, das sich durch sein Leben zieht, seit Anatol Chari 16 war. »Ich muss-te mich an Hunger gewöhnen, an Kälte und daran, täglich um das Überleben meiner Familie zu kämpfen.« 1923 in eine angesehene jüdische Familie im polnischen Lodz geboren, wurde Chari nach dem Einmarsch der Deutschen in das Ghetto der Stadt verfrachtet. Von einem Tag auf den anderen musste er erwachsen werden. Statt sich mit Pubertätsproblemen herumzuschlagen, war er mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert: »Wie überstehe ich das Ghetto, und woher bekomme ich genügend zu essen für meine Großeltern, meinen Vater und mich.« Die praktische Antwort darauf war, der Ghettopolizei, dem sogenannten Sonderkommando, beizutreten. Als »Sonder«, hatte man Vorteile. Es gab mehr und besseres Essen, sogar Zigaretten. Manchmal sagt der heute 87-Jährige, hatte er es »gar nicht so übel«. Und schaut dabei mit seinen kleinen Augen so ernst, als dulde er keine Widerrede.

galgenhumor Über seine Zeit im Ghetto und nach dessen Auflösung 1944 in den KZs Auschwitz, Groß-Rosen und Bergen-Belsen hat Anatol Chari zusammen mit dem jungen amerikanischen Historiker Timothy Braatz ein Buch geschrieben. Undermensch beschreibt unsentimental, mit schonungsloser Offenheit und einer gehörigen Portion Galgenhumor, wie der junge Anatol überlebte: »Man brauchte eine gewisse Findigkeit, Freunde, hier und da einen Akt der Güte und vor allem – Glück.« Chari macht keinen Hehl daraus, dass er, so gut es unter den Umständen ging, der eigene Schmied dieses Glücks war. Moralische Kritik daran lässt er nicht gelten. »Ich ärgere mich sehr darüber, wenn ich höre, wie Überlebende behaupten, sie hätten ohne Privilegien überlebt oder seien frei von Egoismus gewesen«, schreibt er in seinen Erinnerungen. Den Vorwurf, als Ghettopolizist Werkzeug der Nazis gewesen zu sein, lässt er nicht gelten. »Jeder, der überlebt hat, war Kollaborateur.« In der Hackordnung des Lagerlebens war ein Bissen Brot wichtiger als alle moralischen Skrupel. »Ich hatte es im Konzentrationslager nicht so schlecht. Die, die es wirklich schlecht hatten, sind nicht mehr hier, um es zu erzählen.«

lebenslust Chari trägt um den Hals einen unübersehbaren goldenen Chai-Anhänger. »Den habe ich von meiner Cousine aus Israel. Aber religiös bin ich nicht.« Vor den rabbinischen Gelehrten allerdings habe er großen Respekt, schiebt er schnell nach. Der 87-Jährige mit der heiseren Stimme spricht deutsch mit amerikanischem Akzent. »Ich lebe schon fast 60 Jahre in den USA, aber die deutsche Kultur und die Sprache waren und sind mir immer sehr nah.« Tony, wie ihn seine Freunde nennen, zitiert gern Goethe und bewegt dabei die Hände im Rhythmus des Reims. Dann sieht er aus, als sei er selbst ein Lyriker. Tatsächlich ist Anatol Chari Zahnarzt. Sofort nach der Befreiung 1945 begann er, in Frankfurt am Main Zahnmedizin zu studieren und schloss 1951 mit der Promotion ab. »Eigentlich wäre ich viel lieber Journalist oder Rechtsanwalt geworden, denn beide Berufe haben etwas mit Nachdenken zu tun.« Der Vorteil des prosaischeren Berufs des Zahnarztes war allerdings, dass der damals 28-Jährige problemlos ein Visum für die USA bekam. Dort baute er eine erfolgreiche Praxis als Paradontologe auf.

Seit seiner Pensionierung hält Chari Vorträge vor Teenagern. »Ich gehe in Schulen und erzähle von meinem Leben.« Das hat er zum ersten Mal für seine damals 11-jährige Tochter getan. Psychische Barrieren, sich zu erinnern, wie andere Überlebende sie oft haben, kennt Chari nicht. »Das gehört nun mal zu mir.« Die Erinnerung an das Ghetto und an die drei Konzentrationslager, die er überlebte, kann er nicht abschütteln. »Ich schlafe nicht besonders gut. Aber im Großen und Ganzen ist mein Leben jetzt wunderschön.« Anatol Chari hat ein Haus in Laguna Beach in Kalifornien, nah am Strand. Seine Familie ist bei ihm, er hat viele Freunde und ein neues Hobby, seine große Weinsammlung. »Eine gute Chardonnay-Auslese passt immer«, schwärmt er. »Damals im Ghetto war die Zukunft die Suppe am Abend. Deswegen genieße ich heute mein Leben.«

Anatol Chari: Undermensch: Mein Überleben durch Glück und Privilegien. Übersetzt von Franka Reinhart. dtv, München 2010, 240 S., 14,90 €

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 29.11.2025 Aktualisiert

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025