Die Känguru-Chroniken

»Gut, ein zweites Ego zu haben«

Der Regisseur Dani Levy Foto: Stephan Pramme

Die Känguru-Chroniken

»Gut, ein zweites Ego zu haben«

Der Regisseur Dani Levy über Gentrifizierung in Berlin, ein Beuteltier-Universum und Rassismus

von Cordula Dieckmann  05.03.2020 08:04 Uhr

Herr Levy, wie war es, mit Marc-Uwe Kling zu drehen? Er hängt ja sehr an dem Känguru.
Das ist sein Baby, das stimmt. Er hat einen fast väterlichen Reflex, es zu beschützen und zu bewahren. Er lebt seit 15 Jahren in diesem Känguru-Universum. Er hätte den Film vielleicht sogar gerne selber gemacht. Aber da er kein Filmemacher ist, war es für ihn wichtig, so nah wie möglich dran zu sein und alle Entscheidungen mit treffen zu können. Am Set war er aber nicht dabei.

Die Bücher sind ja in kurzen Episoden erzählt. Wie haben Sie das zu einem Film verarbeitet?
Uns war klar, dass es nicht einfach sein würde, aus den Hörbüchern einen Film zu machen. Man braucht ja im Film eine Art von Geschichte oder Entwicklung. Wir haben lange Ideen gewälzt, bis wir dann etwas gefunden haben, was dem Film eine Handlung gibt, ohne den Spirit der Bücher zu verraten. Für mich als Autor war es in dieser Phase nicht einfach, mit dem Buchautor zusammen zu arbeiten, der so genau wusste, was er wollte. Andererseits fühlte ich mich sehr sicher, dass er dabei war. Er war für mich der Garant, dass wir der Marke treu bleiben.

Sie greifen in der Geschichte den Rechtspopulismus auf.
Es gibt in den Büchern schon Figuren, die mehr oder weniger explizit im rechten Lager sind. Aber das erste Thema, das wir im Drehbuch aufgegriffen haben, war die Gentrifizierung von Berlin. Der Raum für Subkultur wird immer kleiner. Geld dominiert den Städtebau, den Kiez, die Kultur. Alles wird teurer. Was nicht sofort erfolgreich ist, wird vertrieben.

Gibt es denn in Berlin-Kreuzberg noch eine Subkultur oder ist das nicht alles schon gentrifiziert?
So genau kann ich das nicht beurteilen, ich wohne in Schöneberg. Aber wir haben unser Kreuzberg im Wedding kreiert. Im Moment ziehen eine ganze Menge Leute dorthin, die sich Kreuzberg oder Neukölln nicht leisten können und denen der Prenzlauer Berg und Schöneberg zu spießig sind. Im Wedding gibt es tatsächlich noch eine ganze Menge nichtsanierte Häuser, es gibt noch billigen Wohnraum, der aber auch rapide teurer wird. Der Wedding hat an einigen Stellen tatsächlich noch den Look von Kreuzberg vor 20 Jahren. Aber das wird nicht mehr lange dauern. In einer vergnügungs-strebsamen Gesellschaft wie der unseren wird keine subkulturelle Schönheit lange bleiben, das wird alles überrollt werden.

Sollte jeder so ein Känguru haben?
Keine Ahnung. Vielleicht ist das Känguru die unausgelebte Persönlichkeit des braven Bürgers, der sich bestimmte Dinge nicht traut. Der sich nicht traut, aktionistisch zu sein, zu sagen, was er denkt. Der sich nicht traut, bestimmte Sachen zu machen, weil er zu schüchtern oder guterzogen ist. Auch wenn man kein Känguru hat, wäre es vielleicht gut, ein zweites Ego zu haben, das einen manchmal schubst und sagt, mach doch, sei nicht so feige. Aber haben wir diese Stimmen nicht eh in uns?

Also ist das Känguru nur ein Gedankenspiel?
Marc Uwe will davon nichts hören. Für ihn ist das Känguru real und er hat mit ihm gelebt. Als ich angefangen habe, mich mit ihm zu beschäftigen, war es für mich schon bald auch ein zweites Ich. Inzwischen ist das Känguru für mich tatsächlich real. Ich sehe es als eine eigenständige Figur. Das Känguru ist eigentlich wie im Zirkus der Dumme August. Es darf alles machen, es hat Narrenfreiheit. Früher im Mittelalter gab es den Hofnarren.

Es gibt vier Bücher. Planen Sie bereits einen zweiten Film?
Ich denke, das hängt vom Erfolg ab. Aber man wäre ja blöd, wenn man nicht weitermacht. Es gibt noch so viele gute Geschichten in den Büchern. Ich hoffe einfach, dass die Leute spüren, dass es eine kräftige Stimme gibt, die sich für kulturelle Freiheit ausspricht und nicht für Konformismus. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass Rassismus oder kulturelle Ausgrenzung zum guten Ton werden, und dass wir uns irgendwann mal daran gewöhnen.

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