Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Péter Nádas (1942-2026) Foto: picture alliance/dpa

Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Tod traf ihn in seinem Haus in der südwestungarischen Gemeinde Gombosszeg (Bezirk Zala), sagte die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiterin des Budapester Verlags Sarközy es tarsai der Deutschen Presse-Agentur. Der Verlag gibt das literarische Werk des Schriftstellers heraus. Sie berief sich auf die Familie des Verstorbenen.

Nadas galt als Großmeister der weit ausgreifenden und monumentalen Erzählung. Seine auch auf Deutsch erschienenen Werke »Buch der Erinnerung«, »Parallelgeschichten« und »Aufleuchtende Details« sind Epochenromane, die das europäische 20. Jahrhundert mit seinen Gräueln und Absurditäten vermessen.

Holocaust-Überlebender

Nadas wurde am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren. Den Holocaust überlebte er mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. In der Familie des Heranwachsenden war die jüdische Herkunft dennoch kein Thema. Die Eltern waren überzeugte und dann enttäuschte Kommunisten. Die Mutter erlag früh einer Krankheit, als Nadas 13 war. Drei Jahre danach verübte der Vater Suizid.

Von 1965 bis 1969 arbeitete Nadas bei diversen Zeitungen, seitdem ist er freier Schriftsteller. Seine Schreibweise fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung. Fast zwölf Jahre arbeitete er am »Buch der Erinnerung« (dt. 1991), einem Opus von 1.300 Seiten, das ihm zum Durchbruch im deutschen Sprachraum verhalf.

17 Jahre für ein Meisterwerk

Lange Schaffensprozesse kennzeichnen etliche seiner Großwerke. 17 Jahre widmete Nadas dem Roman »Parallelgeschichten« (dt. 2012). Auf den 1700 Seiten der deutschen Fassung verwebt er scheinbar zusammenhanglos Personen, Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Minutiös seziert der Autor die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen.

Holocaust und stalinistischer Terror kommen darin nicht direkt vor. »Aufleuchtende Details« (dt. 2017), ein weiteres Monumentalwerk von fast 1300 Seiten, handelt wiederum genau von dieser Zeit und ergänzt somit die »Parallelgeschichten«.

Jahrzehnte im ländlichen Refugium

Nadas lebte seit 1984 zurückgezogen in Gombosszeg, einem winzigen Dorf an den malerischen Hängen des Göcsej-Hügellandes im Südwesten Ungarns. Zusammen mit seiner Ehefrau Magda Salamon bewohnte er ein traditionelles Bauernhaus, das aus Lehm und Holz errichtet wurde. In den letzten Jahren wurde er mehrfach als chancenreicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Im vorigen Jahr gewann ihn aber sein Landsmann Laszlo Krasznahorkai.

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