Rezension

Großer Stilist und streitbarer Linker

Hermann L. Gremliza (1940–2019) Foto: dpa

Diese Rezension sollte mit einem Geständnis beginnen. Als ich hörte, dass eine 18-bändige Ausgabe der »Gesammelten Schriften« von Hermann L. Gremliza angekündigt ist, schien es mir überkandidelt zu sein. Ich vermutete, dass hier ein Autor zu wichtig genommen würde. Gremliza, geboren 1940, gestorben 2019, war ein deutscher Journalist, er war Herausgeber und Verleger der linken Monatszeitschrift »Konkret«, deren Auflage im nicht nennenswerten Bereich liegt.

Warum also 18 Bände, die mit Schriften aus dem Jahr 1963 beginnen? Vielleicht weil es nicht etwa bloß aus vielen, sondern ausschließlich aus lesenswerten Texten besteht. Der Autor gilt schließlich als einer der größten Stilisten der bundesdeutschen Publizistik. Zu Beginn, in Gremlizas Studentenzeit, steht die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Universität Tübingen. Empörung über Nazis, die sich nach 1945 einfach wieder auf ihre Lehrstühle hockten, bildeten Gremlizas Antrieb, sich publizistisch zu äußern. Danach weitete sich das Spektrum.

Wir lesen uns also durch ein linkes Leben, in dem es nicht nur um zeithistorische Themen von Vietnam und Portugal, von DDR-Anerkennung und Franz-Josef Strauß geht, sondern das oft von Antisemitismus, von Israel und seiner Politik und von respektvollem oder respektlosem Umgang mit jüdischem Leben handelt.

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Wir lesen uns, das gehört dazu, durch eine beträchtliche Menge von irritierenden Einschätzungen und Fehlurteilen. Etwas konkreter: Wir erleben und erlesen beispielsweise, wie sich bei Gremliza erst langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass Antisemitismus – gleich, ob er sich etwa gegen deutsche Juden oder gegen den Staat Israel richtet – auch ein linkes, auch ein eigenes Phänomen ist.

»Israel ist auch das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten« – ein Satz, den der Autor später bereute

Ende 1982, Anfang 1983 formulierte er etwa: »Israel ist auch das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten.« Im Satz zuvor hatte er notiert, Israel sei »nicht nur der Ort, an dem Juden endlich frei von der Angst vor Pogromen leben können«. Jahrelang hatte er behauptet, das Wörtchen »auch« das viele Kritiker nicht mit zitierten, mache doch klar, dass sein Satz nicht antisemitisch zu verstehen sei. Erst über 20 Jahre später schrieb er: »Kein Fehler der letzten Jahrzehnte reicht an den heran, den ›Konkret‹ (und in dem Fall leider ich) 1982 machte.«

Wir erleben also auch die Entwicklung dieses Autors, der trotz vergleichsweise geringer Auflagen doch zu den wirkmächtigsten Kritikern der Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands zählen dürfte. (Nur so zum Vergleich: Wie groß war eigentlich in den 1920er-Jahren die Bekanntheit von heute zu Recht als bedeutend eingeschätzten Autoren wie Kurt Tucholsky, Karl Kraus oder Carl von Ossietzky? Eben.)

Gremliza setzte sich stets besonders mit denen auseinander, die vorschnell als Intelligenz tituliert werden: mit Leitartiklern von »Zeit«, »FAZ, und «Welt», mit Politologen und Historikern. Wie sein Vorbild Karl Kraus seziert er deren öffentliche Wortmeldungen. Legendär war die Konkret-Rubrik «express», in der er monatlich vermeintlich führende Intellektuelle des Landes schlicht dadurch lächerlich machte, in dem er sie zitierte. In diesen 18 Bänden sind tatsächlich sämtliche «express»-Rubriken komplett nachgedruckt, und freundlicherweise werden wir auf Gremlizas Fehler hingewiesen. Sehr wertvoll sind von den Herausgebern verfasste Kurzbiografien der erwähnten Personen.

Zum anfänglichen Geständnis gehört auch mein Bekenntnis nach Lektüre: Weil Gremliza so ein Stilist war und zudem ein streitbarer linker Kopf mit großen analytischen Fähigkeiten (und Fehlern!), lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. Wir lesen eine Geschichte von sechs Jahrzehnten dieses Landes, jeweils zeitgenössisch kommentiert.

Die Rezension beruht auf der Lektüre der ersten vier Bände.

Hermann L. Gremliza: Gesammelte Schriften in 18 Bänden. Konkret-Verlag, Hamburg 2025, Subskriptionspreis 540 €

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