Koscher Nostra

Glamouröser Gangster

Er war der Posterboy des organisierten Verbrechens in den USA: Benjamin »Bugsy« Siegel, geboren am 28. Februar 1906 in New York, erschossen – wahrscheinlich im Auftrag seiner Komplizen – vor 70 Jahren, am 20. Juni 1947 in Beverley Hills, war in Hollywood ebenso zu Hause wie im Milieu der Mafia.

Bis heute ist er eine Legende der amerikanischen Populärkultur. In Der Pate II taucht er als »Moe Greene« auf; in Fernsehserien wie Boardwalk Empire und Mob City gehört er zu den tragenden Figuren; 1991 widmete Barry Levinson ihm das Oscar-prämierte Biopic Bugsy mit Warren Beatty in der Hauptrolle.

»Bugsy« – übersetzt »Der Verrückte« – wurde Benjamin Siegel genannt, weil er offenkundig psychisch gestört war. Die Diagnose würde wahrscheinlich Borderline-Syndrom lauten. Seine Kumpane irritierte er mit ständigen unvermittelten Wutausbrüchen. Seine Opfer bekamen seinen Wahnsinn auch physisch zu spüren. Robert A. Rockaway zitiert in seinem Buch But He Was Good To His Mother. The Lives and Crimes of Jewish Gangsters (Gefen, Jerusalem 1993) einen altgedienten New Yorker Kriminalpolizisten, für den Siegel von sämtlichen Gangstern, die er kannte, der schlimmste war: »Es war ihm ein Vergnügen, seine Opfer leiden, stöhnen und sterben zu sehen.«

Teenager Aktenkundig in Erscheinung trat Bugsy Siegel schon als Teenager, unter anderem wegen Mord, Vergewaltigung und Raub. Sein Revier war die Lower East Side von Manhattan, ein damals weitgehend ostjüdisch geprägter Slum, wo der Sohn ukrainischstämmiger Immigranten in subproletarischen Verhältnissen aufgewachsen war. Noch vor seiner Barmizwa begann der Schulabbrecher dort seine kriminelle Karriere. Mit einer Bande von Altersgenossen erpresste er Schutzgeld von fliegenden Händlern. Sergio Leone hat diese Anfänge in seinem Film Es war einmal in Amerika eindrucksvoll nachgezeichnet.

Mit 15 tat Siegel sich dann mit dem vier Jahre älteren Meyer Lansky zusammen. Die »Bugs-Meyer-Gang« begann mit Autodiebstählen sowie illegalem Glücksspiel und arbeitete der im New Yorker kriminellen Milieu dominierenden sizilianischen Cosa Nostra zu. Dort lernten Lansky und Siegel Salvatore »Lucky« Luciano kennen. Es sollte eine der erfolgreichsten verbrecherischen Kooperationen des 20. Jahrhunderts werden.

Der 1897 geborene Luciano war, anders als viele seiner Landsleute, kein Antisemit. Schon als Jugendlicher hatte er für den jüdischen Gangsterboss Arnold Rothstein gearbeitet. Zusammen mit Lansky und Siegel schaltete Luciano gewaltsam die alte Garde der Cosa Nostra aus. Bugsy persönlich legte 1931 die bis dahin herrschenden Bosse Giuseppe Masseria und Salvatore Maranzano um. Luciano und Lansky übernahmen die Führung und modernisierten als italienisch-jüdisches Joint Venture das organisierte Verbrechen. Aus der bis dahin noch feudalistisch strukturierten Mafia wurde ein schlagkräftiger, lukrativer Verbrechenskonzern – »größer als US Steel«, wie Lansky später stolz bilanzierte.

Siegel spielte in dem neuen Syndikat nur in der zweiten Reihe mit. Für eine Führungsrolle fehlten ihm die strategische Intelligenz und Selbstdisziplin, die seinen Freund Meyer Lansky auszeichneten. Der setzte Bugsy als Mann fürs Grobe ein. Als einer der Topkiller der »Murder Incorporated« genannten Todesschwadron beseitigte Siegel Konkurrenten der Mafia genauso wie Mitglieder, die sich nicht an Lanskys und Lucianos Führungsanspruch hielten. In diesem Job war er einer der Besten.

Rache Der Erfolg freilich hatte seinen Preis: Ende der 30er-Jahre war nicht nur die Polizei Siegel auf der Spur, die ihm bis dahin keines seiner Verbrechen hatte nachweisen können. (Seine einzige Verurteilung handelte Bugsy sich 1932 in Miami ein. Wegen illegalen Glücksspiels musste er eine Geldstrafe von 100 Dollar berappen.) Gefährlicher noch als die Strafverfolgungsbehörden waren die Familienangehörigen und Ganggenossen seiner Opfer, die ihm blutige Rache geschworen hatten. Lansky und Luciano beschlossen, Siegel aus der Schusslinie zu nehmen. Sie schickten ihn von der Ostküste an die Westküste, als ihren Statthalter in Los Angeles.

Dort reüssierte Bugsy Siegel nicht nur beruflich mit illegalem Glücksspiel und Drogenschmuggel aus Mexiko. Er fand auch ein neues Zuhause in Hollywood. Sein Jugendfreund, der Schauspieler George Raft, führte ihn in die Gesellschaft der Filmmetropole ein. Stars wie Gary Cooper, Clark Gable, Cary Grant und Jean Harlow zählten bald zu Siegels Bekanntenkreis, ebenso wie die Studiobosse Louis B. Mayer und Jack Warner. Vor allem bei Schauspielerinnen kam der gut aussehende athletische 1,78-Meter-Mann mit den strahlend blauen Augen gut an. Nicht obwohl, sondern weil er ein Gangster war. Bad Boys haben Sex-Appeal.

In dieser Zeit hätte Bugsy Siegel einmal fast Weltgeschichte geschrieben. In Hollywood hatte er eine heftige Affäre mit der italienischen Gräfin Dorothy Di Frasso begonnen. 1938 besuchte er die Adlige in ihrer Villa in Rom. Siegel war nicht der einzige Eingeladene in dem gräflichen Haus. Zwei Besucher aus Deutschland genossen zur selben Zeit ebenfalls die Gastfreundschaft der Di Frassos: Joseph Goebbels und Hermann Göring. Von Politik verstand Bugsy zwar nicht viel. Aber er wusste, dass die beiden Nazigrößen brutale Antisemiten waren, und beschloss, sie umzubringen. Nur auf inständiges Bitten der Gräfin hin ließ er widerstrebend von seinem Plan ab, was er sich, wie Freunde berichteten, sein restliches Leben lang nie verzieh.

In die Historie eingegangen ist Siegel dennoch. Er schuf eine der großen Ikonen der amerikanischen Populärkultur: Las Vegas. Als Bugsy die heutige Zockermetropole entdeckte, war Vegas nichts als ein ödes Kaff in der Wüste von Nevada. Aber in diesem Bundesstaat war Glücksspiel, anders als fast überall sonst in den USA, gesetzlich erlaubt. Siegel hatte eine Vision: Er würde hier ein Mekka für Zocker aus dem ganzen Land errichten. Es gelang ihm, das Syndikat für seine Idee einzunehmen, nicht zuletzt mit dem Argument, dass in Spielcasinos schmutziges Geld leicht zu waschen ist.

Pleite 1945 begannen die Bauarbeiten für das »Flamingo Hotel and Casino«. Siegel war von seinem Projekt besessen bis zur Manie. Alles musste vom Teuersten und Luxuriösesten sein. Die Kosten explodierten. Immer wieder platzten Siegels Schecks, immer wieder musste das Syndikat neues Geld nachschießen.

Als das »Flamingo« schließlich Weihnachten 1946 eröffnete, hatte Bugsy Siegel über sechs Millionen Dollar – nach heutiger Kaufkraft 75 Millionen – verbaut. Man könnte auch sagen, in den Wüstensand gesetzt. Das Casino war ein Flop. Nicht nur kam zur Gala-Eröffnung kaum eine der angekündigten Hollywood-Celebritys. Auch die Zocker ließen sich nicht blicken. Das »Flamingo« machte Miese und musste wenige Wochen nach der Eröffnung schon wieder schließen.

Ein Geschäft kann auch mal daneben gehen. Das gehört zum Alltag in der Wirtschaft, auch der kriminellen. Dass Bugsy Siegel ihr Geld verpulvert hatte, hätten die Bosse des Syndikats ihm deshalb vielleicht auch verziehen. Aber, so munkelte man, er hatte nicht nur miserabel gewirtschaftet, sondern auch mit seiner Freundin Virginia Hill beträchtliche Summen abgezweigt und sich die eigenen Taschen gefüllt.

Darauf aber steht in der organisierten Kriminalität der Tod. In der Nacht des 20. Juni 1947 saß Siegel in Virginia Hills Haus in Beverley Hills, als von draußen durch das Fenster eine Salve aus einem M1-Karabiner auf ihn abgegeben wurde. Zwei der neun Kugeln trafen ihn im Kopf; eine trat durch das rechte Auge wieder aus. Benjamin »Bugsy« Siegel war sofort tot. Er wurde nur 41 Jahre alt.

umstritten Der Schütze wurde nie gefasst. Offiziell gilt die Tat bis heute als unaufgeklärt. Angeblich soll bei einem Treffen des Syndikats in Havanna 1946 Siegels Exekution beschlossen worden sein. Ob mit Zustimmung seines alten Freundes Meyer Lansky, ist umstritten.

In Der Pate II lässt Regisseur Francis Ford Coppola seine Lansky nachempfundene Figur Hyman Roth eine Art Nachruf auf Bugsy Siegel, der im Film Moe Greene heißt, sprechen: »Da war dieser Junge, mit dem ich zusammen aufwuchs. Ich liebte ihn und vertraute ihm. Wir haben uns zusammen von der Straße hochgearbeitet. Jemand hat ihm eine Kugel durchs Auge verpasst. Niemand weiß, wer den Befehl dazu gegeben hat. Als ich davon hörte, war ich nicht wütend. Ich kannte Moe, ich wusste, wie halsstarrig er war, wie laut er werden konnte, und dass er Blödsinn redete. Als er dann tot auftauchte, habe ich es gut sein lassen. Ich sagte mir: Das ist nun mal das Geschäft, das wir selbst gewählt haben.«

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026