Liebermann-Villa

Gärtnern nach Gemälden

»Guten Morgen, Astrid!«, ruft Kevin Kurz-Klar einer Frau mit pinken Gartenhandschuhen zu, die gerade durch das Tor der Liebermann-Villa am Berliner Wannsee gekommen ist. »Die Geranien?«, fragt Astrid und macht sich mit einer Verbeugung auf den Weg, um wie jeden Dienstag ihren Teil dazu beizutragen, das 6730 Quadratmeter große Künstlergrundstück zu pflegen.

Kevin Kurz-Klar und Astrid Belschner sind ein eingespieltes Team, obwohl der Gärtner erst Anfang Juni die Aufgabe übernommen hat, den denkmalgeschützten Garten des jüdischen Impressionisten Max Liebermann (1847–1935) so originalgetreu wie möglich zu erhalten und dennoch sicherzustellen, das die Besucher des Kunstmuseums sich in Zeiten des Klimawandels an einer Blütenpracht erfreuen können, wie Liebermann sie vor rund 100 Jahren zusammen mit dem Hamburger Kunstsammler Alfred Lichtwark geplant und in mehr als 200 Gemälden und Zeichnungen festgehalten hat.

Kevin Kurz-Klar ist seit Juni Gärtner in der Liebermann-Villa am Berliner Wannsee.Foto: Marco Limberg

Einmal pro Woche, während das Museum für die Öffentlichkeit geschlossen ist, geht ihm dabei eine Gruppe von Freiwilligen zur Hand. An diesem Morgen sind es 16 Rentnerinnen und Rentner, die nach und nach eintrudeln und Kurz-Klar um Anweisungen bitten.
»Hättest du Lust, den Rasen zu düngen, Peter? Ich habe das letzte Woche nicht geschafft«, fragt der Gärtner einen der Helfer, bevor er ihn mit einem Streuwagen auf die große Wiese zwischen Villa und See schickt. »Ich realisiere gerade, dass nicht alles allein machbar ist«, sagt Kurz-Klar.

Die drei von den Pelargonien: Bettina Walter, Astrid Belschner und Uschi Kluckert (v.l.)Foto: Marco Limberg

Die Ehrenamtlichen genießen es, den Garten für sich allein zu haben. »Wir kommen alle freiwillig, und wir kommen gern, weil wir es als Geschenk empfinden, hier arbeiten zu dürfen«, erzählt Astrid Belschner. Mit Mitte 70 gehört sie nach eigenen Angaben zu den Jüngeren. Für die Rentnerin ist Gärtnern auch ein Fitnessprogramm. »Ich gehe immer gleich in die Geranien, da kann ich mich bücken, das ist gut für meinen Rücken«, sagt sie. »Wir sind ein fröhliches Häufchen, und das ist auch ein Grund, warum ich so gern komme. Uns alle verbindet der Sinn für das Künstlerische.« Ihre Mühe wird an diesem Tag mit Möhren, Roter Bete und Fenchel belohnt, die im vorderen Garten in den Gemüsebeeten wachsen, die einst die Liebermanns vor allem mit Lagergemüse versorgt haben.

Allein drei Helferinnen sind an diesem Tag damit beschäftigt, das prächtige Blütenmeer im Vordergarten, eines der Hauptmotive Liebermanns, von Unkraut zu befreien und verwelkte Blüten zurückzuschneiden. Dass dort heute unter anderem Spinnenblumen, Bartfaden, Astern, Schafgarbe, Zinnien, Margeriten und Tithonien blühen, als hätten sie dort schon immer gestanden, ist keine Selbstverständlichkeit.

»Wir müssen immer eine Balance halten. In den Beeten stehen viele originalgetreue Pflanzen, aber was nicht mehr klimafest ist, müssen wir austauschen«

Kevin Kurz-klar

Als Max Liebermanns Witwe Martha 1940 gezwungen wurde, das nur 30 Jahre zuvor errichtete Landhaus an die Nationalsozialisten zu verkaufen, ließ die Reichspost den Vorplatz vor dem Haus asphaltieren. Nur die Lindenhochhecke, die Max Liebermann so pflanzen ließ, dass er seinen Garten aus seinem Atelier malen konnte, blieb erhalten.

Max Liebermanns Vordergarten wurde von der Reichspost eingeebnet und teilweise asphaltiert.Foto: Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e. V.
Die Bepflanzung wurde anhand von Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Briefen rekonstruiert.Foto: Marco Limberg

1971 wurde das Grundstück nach mehreren Zwischennutzungen und zeitweisem Leerstand an einen Tauchsportverein verpachtet. 25 Jahre später gründete sich die Max-Liebermann-Gesellschaft, die das Anwesen 2002 übernahm und den Garten innerhalb von vier Jahren fast wieder in seinen Originalzustand zurückversetzte. Einen Pflanzplan gab es nicht mehr. Der Garten wurde mithilfe des Briefwechsels zwischen Liebermann und Lichtwark sowie anhand von Zeichnungen und Fotografien rekonstruiert.

Doch nicht alle Stauden und Gewächse, die Liebermann zwischen 1910 und 1914 in seine Beete setzen ließ, gedeihen auch im heutigen Klima. »Wir müssen immer eine Balance halten. In den Beeten stehen viele originalgetreue Pflanzen, aber was nicht mehr klimafest ist, müssen wir austauschen«, erklärt Kevin Kurz-Klar.

»Blick aus dem Nutzgarten nach Osten«: Liebermann hat seinen Garten in mehr als 200 Zeichnungen und Gemälden verewigt.Foto: Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e. V.
Der Bartfaden taucht bereits in Liebermanns Garten-Gemälden auf, ebenso wie die Sumpfschafgarbe. Nur die originale Salbei-Sorte wurde durch Salvia Nemorosa ersetzt.Foto: Marco Limberg

»Den Buchsbaum etwa mussten wir durch Euonymus Japonicus der Sorte ›Green Spire‹ ersetzen, weil die Raupen des Buchsbaumzünslers, eine invasive Schmetterlingsart aus Ostasien, ihnen zugesetzt hat«, erzählt er. »Auch die Rudbeckia Hirta hatte immer Probleme mit der Hitze und der Wechselfeuchtigkeit, deshalb mussten wir sie durch Tagetes Erecta ersetzen.«

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Der studierte Landschaftsarchitekt hat sich vor seiner Arbeit in der Liebermann-Villa auf der Michelberger Farm, einem Agroforst, ausgiebig mit Methoden auseinandergesetzt, mit denen der Gemüseanbau dem Klimawandel trotzen kann. »Mich beschäftigt vor allem der Umgang mit dem Wasser und der Aufbau unserer Böden«, erzählt der 35-Jährige. Bei der letzten Probe bekamen die Beete 60 Bodenpunkte, was für eine gute Ertragsfähigkeit steht. Dennoch müssen Maßnahmen ergriffen werden, damit die Böden gegen die drohende Erosion durch Hitzewellen und Starkregen gewappnet sind.

Bereits seit einigen Jahren werden die Beete per Tröpfchenbewässerung versorgt. Dabei gelangt das Wasser über Schläuche direkt an die Pflanze. Kurz-Klar hat einige Ideen, wie der Boden klimaresistenter gemacht werden kann. »Ich habe auf der Michelberger Farm viel mit Pflanzenkohle gearbeitet, die die Wasserhaltekraft der Böden verbessert und auch dafür sorgt, dass unsere sandige Erde hier mehr Nährstoffe halten kann. Die wurde schon vor mehr als 2000 Jahren in Südamerika eingesetzt und hat dort für fruchtbare Böden gesorgt.« Kurz-Klar würde auch gern den Heckenschnitt liegen lassen, die Beete stärker mulchen und früher bepflanzen. Da der Garten denkmalgeschützt ist, muss der Gartenbeirat jeder Änderung zustimmen.

Unterdessen wird in den Niederlanden an einer Neuerung gearbeitet, über die in der Liebermann-Villa Aufregung herrscht: In Nordwijk, wo sich Max Liebermann zwischen 1905 und 1913 zum Impressionisten entwickelte, wird eine Tulpe zu Ehren des Malers gezüchtet. Vielleicht kann Kevin Kurz-Klar sie eines Tages im Garten am Wannsee pflanzen.

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