Mythos

Forscher widerlegen Spekulation über Olympia-Attentat 1972

Scharfschütze auf dem Dach in der Connollystrasse Foto: picture alliance / Sammy Minkoff

Die palästinensischen Terroristen des sogenannten Olympia-Attentats von 1972 hätten das Geschehen live im TV mitverfolgt: So lautet eine populäre Annahme über die damaligen Geschehnisse. Doch Forscher haben dies nun als Mythos entlarvt, wie das Institut für Zeitgeschichte München - Berlin am Mittwoch bekanntgab. Demnach gab es in dem Apartment in der Münchner Connollystraße 31, in dem die Terroristen israelische Sportler als Geiseln festhielten, gar keinen Fernseher. Dies habe die Auswertung mehrerer Quellen ergeben.

Zwar habe es im Olympischen Dorf Fernsehgeräte gegeben, heißt es. Diese hätten aber vor allem in den Gemeinschaftsräumen gestanden und nicht zur Standardausrüstung in den Schlaf- und Wohnräumen der Männer gehört. Grundrisse des Architekturbüros, das das Olympische Dorf entworfen hatte, zeigten, dass in der Connollystraße 31 keine Fernsehanschlüsse vorgesehen gewesen seien. Auch auf den Fotos, die die Polizei vom Tatort gemacht habe, sei kein TV- oder Radiogerät zu sehen. Mehr noch: Auch in einem 25 Seiten langen Bericht der Polizei, der alle Gegenstände im Apartment aufgelistet habe, seien weder Fernseher noch Radio erwähnt.

Woher kommt die verbreitete Annahme?

Die Forscher hätten zudem mehrere Hinweise darauf gefunden, wie diese Erzählung entstanden sei, heißt es weiter. So hätten sich schon damals Sportler, die selbst im Olympischen Dorf vor dem Fernseher gesessen hätten, gefragt, ob die Terroristen die Ereignisse wohl ebenso verfolgen könnten. Zudem hätten mehrere US-Journalisten von ABC-News berichtet, dass die Polizei in den Kontrollraum des Senders gestürmt sei und zur Abschaltung der Kameras aufgefordert habe. Etwa zeitgleich seien die Polizisten von den Dächern abgezogen worden.

Den Forschern zufolge war dieser zeitliche Zusammenhang nach Auswertung mehrerer Polizeiquellen allerdings Zufall. Demnach hatte die Polizei die ABC-Journalisten schon vorher mehrfach aufgefordert, die Kameras auszuschalten, da Live-Publikum bei einem solchen Einsatz nicht in ihrem Interesse gewesen sei. Die Polizisten von den Dächern waren demzufolge abgezogen worden, weil man verhindern wollte, dass die Terroristen diese bei Verhandlungen vor dem Apartment entdeckten.

»Jahrzehntelang nicht hinterfragt«

»Ob die Täter Fernseher hatten oder nicht, hatte vermutlich keinen direkten Einfluss auf die Abläufe«, sagte Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. »Dennoch ist es ein Beispiel für ein sehr populäres Narrativ, das jahrzehntelang schlicht nicht hinterfragt wurde. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, alles, auch vermeintliche Wahrheiten, zu prüfen und wo immer es geht, mit Quellen zu belegen oder zu widerlegen.«

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  03.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Kino und Literatur

»Holocaust im Film« - Eine Spurensuche von 1946 bis heute

Im November kommt der Essayfilm »Holofiction« ins Kino: Regisseur Michal Kosakowski untersucht die filmische Ikonografie des Holocaust. Zur Geschichte des Holocaust-Films gibt es auch schon das gleichnamige Sachbuch

von Marcus Stiglegger  03.11.2026

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026