Musikfest Berlin

Flehen um Erhörung

Beim Konzert in der Berliner Philharmonie: Lahav Shani und die Musiker des Israeli Philharmonic Orchestra Foto: Berliner Festspiele / Fabian Schellhorn

Musikfestivals, zumal an einer Spielstätte wie der Berliner Philharmonie, bieten einen ebenso beeindruckenden wie vielgestaltigen Einblick in die heutige Musikwelt: Von der ungekürzten, hinreißenden Aufführung von Berliozʼ Monster-Oper Les Troyens auf Originalinstrumenten durch ein französisches Orchester zu beeindruckenden Interpretation von Gegenwartskomponistinnen wie der Koreanerin Unsuk Chin, deren Cello-Konzert von der hiesigen Staatskapelle und der jüdisch-amerikanischen Cellistin Alisa Weilerstein interpretiert wird, tritt hier ein Querschnitt der internationalen Musikwelt vor das Berliner Publikum.

SPÄTWERK In den reihte sich am Montagabend auch das Israeli Philharmonic Orchestra selbstbewusst mit drei anspruchsvollen Kompositionen ein; mit zwei israelischen und damit »modernen« Musikstücken und einem schwierigen Spätwerk von Sergei Rachmaninow. Um es gleich zu verraten: Alle drei Werke wurden vom Publikum – darunter der israelische Botschafter Ron Prosor und der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim – gebührend gefeiert und so stark beklatscht, dass sich das Orchester zu zwei noch mehr beklatschten Zugaben veranlasst sah.

Der Abend begann mit Psalm (1939/40) von Paul Ben-Haim, der, 1897 als Paul Frankfurter in München geboren, nach seiner 1933 erfolgten Alija zu einem der Gründerväter der israelischen Gegenwartsmusik wurde, ein Werk, bei dem Orchester und Dirigent eine sich stetig steigernde Spannung aufbauen und weiterführen, was auf beeindruckende Weise gelang. Doch im Mittelpunkt des ersten Teils stand ein Werk der zeitgenössischen israelischen Komponistin Betty Olivero: Ma’im Rabim, Many Waters oder Viele Wasser – ein radikal modernes, nicht auf Publikumsfreundlichkeit angelegtes Werk.

KONZERT IN TEL AVIV Der Rezensent hatte die Möglichkeit, Ma’im Rabim vom selben Orchester und der selben Sängerin unter zwei völlig verschiedenen Bedingungen zu hören: im Abonnement-Konzert in Tel Aviv, als erstes Stück nach der Pause, nach einer hinreißenden Interpretation des 4. Klavierkonzerts von Beethoven durch Yefim Bronfman, und ein zweites Mal in der Berliner Philharmonie.

Die aus einer griechisch-sefardischen Familie stammende Betty Olivero ist auf eine beneidenswert selbstverständliche Weise in der jüdischen Geisteswelt zu Hause, insbesondere in deren sefardisch-kabbalistischen Ausprägung, was sie nicht daran hindert, sich mit ebenso viel Verve und Vergnügen in die aschkenasisch-jüdische Musiktradition einzubringen.

Sie ist von der Vorstellung fasziniert, die Wirkung – im Gegensatz zu »Melodie« oder »Klang« - von spiritueller Musik, wie etwa chassidischem Klezmer in Meron, oder eines Kantoralgesangs, durch den Einsatz moderner klanglicher und technischer Mittel im Konzertsaal »nachzubauen«. Das Werk soll den weltlichen Konzertbesucher auf vergleichbare Weise berühren und bewegen wie die religiöse Musik die Frommen in der Synagoge, selbst oder gerade weil es, selbstverständlich, ganz anders vorgetragen wird und klingt.

So auch bei ihrem in Berlin aufgeführten Werk Ma’im Rabim, dessen Lied-Text hauptsächlich den Sukkot-Hoshanot entnommen ist. Die Sukkot-Hoshanot sind zunächst ein Gebet um das lebensnotwendige Element Wasser, das sich zugleich schnell als fürchterlich und todbringend erweisen kann.

ECHO Von der Komponistin ursprünglich wegen der »Musikalität« der Versform – wegen deren inneren Reime, der Einfachheit ihrer Sprache - in Musik gesetzt, hat sie, zwanzig Jahre später, das eigene Werk überarbeitet, indem sie der Sängerin eine synthetisches, künstliches Echo zur Seite stellte, das deren Bemühungen zumindest hinterfragt, wenn nicht verspottet. Eine Herausforderung, die wiederum das Bestreben der Sängerin um Erhörung nur noch schärfer und stärker akzentuiert.

In Tel Aviv – nach dem Beethoven, nach der Pause –, ging, wie im dortigen Konzertsaal üblich, eine Leinwand nieder, auf der dann die Komponistin in Großaufnahme, unterstützt vom Dirigenten und ihrem elektronischen Mit-Komponisten, dem Tel Aviver Publikum ihr Werk nahezubringen versuchte, was mit lauem, knapp höflichem Beifall quittiert wurde. Ganz offensichtlich war der Mehrzahl der Zuhörer nicht nach moderner Gegenwartsmusik zumute.

ERLEBNIS Doch genau dies scheint Sängerin und Orchester zu einer Haltung des »dennoch« und »trotz allem« inspiriert zu haben, die dem Grundgedanken des Werks – Flehen um Erhörung, auch wenn dieselbe alles andere als gesichert ist – derart präzise entsprach, dass der Vortrag von Ma’im Rabim auf seine Weise zu einem ebenso unvergesslichen musikalischen Erlebnis wurde wie vorher das meisterhaft gespielte Klavierkonzert.

In Berlin nun, an passender Stelle nach dem ebenfalls zeitgenössischen Paul Ben-Haim angesetzt, blieben die beeindruckende Klangfülle und der Erfindungsreichtum der Komponistin, die Gestaltungsfähigkeit und starke Interpretation der Sängerin Hila Baggio erhalten; allein die schmerzhafte Schärfe, die fast todesmutige Verzweiflung der Sängerin und des Orchesters, haben diesmal wegen der Umstände gefehlt, was wiederum zeigt, wie wertvoll das einmalige Konzerterlebnis ist.

Nach der Pause wurden die von Lahav Shani schwungvoll dirigierten »Symphonischen Tänze« von Sergei Rachmaninow derart begeistert aufgenommen, dass sich das Publikum die erwähnten zwei Zugaben erklatschte.

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