Nachruf

Filmproduzent mit Werten

Arthur Cohn (1927–2025) in seinem Büro in Basel. Den sechsten Oscar bekam er im Jahr 2000 für die Dokumentation »One Day in September«. Foto: picture alliance/KEYSTONE

Es gibt Produzenten, die Filme ermöglichen. Arthur Cohn gehörte zu denen, die Schicksale sichtbar machen. Sein Werk – vom frühen Nur Himmel und Dreck über Der Garten der Finzi Contini, Sehnsucht nach Afrika und Gefährliche Züge bis zu American Dream und Ein Tag im September, später Central Station, Hinter der Sonne, Die Kinder des Monsieur Mathieu, Die Kinder der Seidenstraße, Das gelbe Segel und Das etruskische Lächeln – hat immer denselben Kern: Achtung vor dem einzelnen Menschen. Sechs Oscars waren kein Ziel, sondern eine Folge seiner Arbeit. Am 12. Dezember starb er im Alter von 98 Jahren in Jerusalem.

1927 in Basel geboren und verwurzelt, in der Welt zu Hause, hielt Cohn am Einfachen fest: Erst die Handlung, dann alles andere. Aus der Nähe zu seinen Großeltern und Eltern schöpfte er jene Ruhe, Wärme und Standhaftigkeit, die ihn sein Leben lang trugen. Was er später als Produzent an Verlässlichkeit, Klarheit und stiller Autorität ausstrahlte, hatte hier seinen Ursprung: im Ton der Ermutigung, in gelebten Maßstäben, in der Gewissheit, geliebt und zugleich gefordert zu sein. Die Erzählungen der Großeltern – von Herkunft, jüdischer Tradition und Religion, Verantwortung und der Kunst, Widrigkeiten mit Würde zu begegnen – schärften seinen Blick für das Wesentliche. Zu Hause lernte er, dass Bildung nicht nur Wissen bedeutet, sondern Haltung.

Seine Eltern gaben ihm das Geschenk des Zuhörens und das unbedingte Ernstnehmen des Gegenübers mit. Aus kleinen täglichen Gesten – einer Frage nach dem Tag, einem gemeinsamen Essen, einem ehrlichen Rat – erwuchs ein Fundament, auf das er bauen konnte, wenn die Welt draußen laut wurde. Strenge und Zuwendung waren dabei kein Widerspruch: Disziplin verstand er als Form der Liebe, Freiheit als Raum für Verantwortung.

Seine Familie lehrte ihn, dass Erfolg ohne Anstand leer bleibt

Die Familie lehrte ihn auch, dass Erfolg ohne Anstand leer bleibt. Großzügigkeit begann dort, wo man nicht nach dem Applaus fragt, Rückgrat dort, wo niemand zusieht. Das prägte seinen Umgang mit Macht und Öffentlichkeit: Er suchte nicht die Bühne um ihrer selbst willen, aber er wusste, wie man sie verantwortlich nutzt, für Menschen, die Unterstützung brauchen, für Geschichten, die Gehör verdienen. Wenn er half, geschah es oft leise; wenn er widersprach, dann klar. Dieser Ton – freundlich, aber bestimmt – war eine Erbschaft aus einem Haus, in dem man stritt, ohne zu verletzen, und gewann, ohne zu prahlen.

Die Nähe zu Großeltern und Eltern war für ihn keine Nostalgie, sondern Kompass. Sie bewahrte ihn davor, Herkunft als Abgrenzung zu verstehen; sie machte sie ihm zur Brücke zwischen Generationen, Milieus und Kulturen.

Er glaubte an das Drehbuch, an die richtige Besetzung – nicht unbedingt die berühmteste – und an Originalschauplätze, die Wahrheit atmen. Dieser Pragmatismus war keine Pose, sondern Fürsorge: für Figuren, die glaubwürdig bleiben; für Zuschauerinnen und Zuschauer, die ernst genommen werden; für Teams, die mit Geduld zu Ergebnissen kommen. Wer ihn im Schneideraum erlebte, sah einen stillen Antreiber. Nähe, nicht Druck. Präzision, nicht Prunk.

Er glaubte an das Drehbuch, an die richtige Besetzung und an Originalschauplätze, die Wahrheit atmen.

Seine Produktionen sind verschieden im Ton, aber verwandt in der Haltung. Der Garten der Finzi Contini schaut der Auflösung einer bürgerlichen Welt ins Auge — ohne Pathos, mit Menschlichkeit im Detail. Gefährliche Züge macht aus einem Schachbrett ein Feld innerer Konflikte. American Dream hört Arbeiterfamilien zu. Ein Tag im September rekonstruiert, was geschehen ist, damit Trauer Raum erhält und Erinnerung Bestand. Central Station zeigt Zuneigung, die langsam wächst; Die Kinder des Monsieur Mathieu lässt Fürsorge zu einem Neuanfang werden; Hinter der Sonne tastet sich an Vergebung heran; Das etruskische Lächeln findet Würde im Abschied. Immer wieder: Respekt, Zuwendung, Geduld.

Arthur Cohns Arbeitsweise war unaufgeregt, fast altmodisch: Er blieb vom ersten Skript bis zum letzten Schnitt dabei. Entscheidungen traf er spät — wenn der Film stand — und nicht, wenn der Markt rief. Er sagte gern, man müsse glauben und standhaft bleiben. Damit gab er seinen Regisseurinnen und Regisseuren Freiheit und übernahm gleichzeitig Verantwortung. Er war Produzent im Wortsinn: einer, der Möglich-Macht schafft.

Zu Cohns Gespür gehörte auch sein Blick für Rhythmus: Er mochte Filme, die atmen. Er vertraute auf leise Szenen, in denen ein Blick mehr trägt als eine Pointe. Darum sind seine Produktionen oft reich an Momenten ohne große Worte — ein Kind, das man an der Hand nimmt; ein Arbeiter, der schweigend durchhält; ein alter Mann, der lernt, sich zu öffnen. Diese kleinen Bewegungen sind es, die bleiben.

1992 erhielt er einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame

Dass Cohn 1992 einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame erhielt, würdigte nicht Macht, sondern Maß: die Beharrlichkeit eines Unabhängigen, der Qualität über Lärm stellte. Doch er selbst sah Anerkennung als Ermutigung, nicht als Endpunkt. Schon am nächsten Morgen, so erzählen Weggefährten, ging es weiter: nächste Geschichte, nächste Entscheidung, wieder derselbe Maßstab – Würde vor Wirkung.

Wer seine Filmografie durchgeht, erkennt eine stille Konsequenz: Er suchte nicht die lauteste Debatte, sondern die sichtbarste Menschlichkeit. Deshalb stehen neben historischen Stoffen auch intime Gegenwartsdramen; neben großen Konflikten die kleinen Gesten. Seine Produktionen bauen Brücken zwischen Generationen, Milieus, Ländern. Sie laden zum Mitfühlen ein, ohne zu überreden. Sie glauben daran, dass Empathie lernbar ist.

Diese Filme altern, ohne alt zu werden. Sie beruhen nicht auf technischen Tricks, sondern auf Vertrauen in ein Publikum, das Komplexität aushält.

Vielleicht erklärt das auch, warum diese Filme altern, ohne alt zu werden. Sie beruhen nicht auf technischen Tricks, sondern auf Vertrauen: Vertrauen in Autorinnen und Autoren, in Darstellerinnen und Darsteller, in ein Publikum, das Komplexität aushält. Und auf einer einfachen, großen Liebe – zur Arbeit, zu den Menschen, um die es geht, und zu jenen, die im Dunkel des Kinos Platz nehmen und sich berühren lassen wollen.

Arthur Cohn blieb zeitlebens fest in seiner jüdischen Herkunft verankert und in tiefer Loyalität verbunden. In seinen filmischen Arbeiten gab er jüdischen Erfahrungen eine weltweite Bühne, ohne sie zu verkürzen oder zu vereinnahmen. Statt Parolen wählte er die Kraft der Erzählung: menschliche Geschichten, die Schmerz und Hoffnung, Verlust und Neubeginn sichtbar machen. So trugen seine Produktionen dazu bei, Erinnerung lebendig zu halten – an die Schoa, an Flucht und Exil, an das fragile Wunder von Neuanfang und Heimat. Zugleich wiesen sie über das Jüdische hinaus und öffneten Räume der Empathie für alle, die nach Würde und Zugehörigkeit suchen.

Für viele wirkte Arthur Cohn glamourös. Er mochte den Auftritt vor Kameras, umgeben von vielen Großen dieser Welt, die oft zu seinen Freundinnen und Freunden zählten. Doch der Glanz war für ihn auch ein Mittel, Aufmerksamkeit auf seine oft leisen Filme zu lenken – selbst wenn sie mit Weltstars wie Al Pacino, Eddie Redmayne oder Kristen Stewart besetzt waren. Wer ihn näher kannte, wusste um seine eigentliche Priorität: helfen. Helfen, geben, spenden. Immer.Er liebte Menschen und wollte, dass andere an dem Glück teilhaben, das ihm zuteilgeworden war. So war auch die Familie – die Gattin Naomi und die Kinder Nurith, Marcus und Emanuel – seine größte Liebe.

Arthur Cohn hat dem Kino nichts aufgezwungen; er hat ihm zugehört. Er gab Geschichten Zeit, damit sie ihre Würde zeigen konnten. Wenn wir heute von ihm sprechen, dann nicht nur, weil sechs Statuen glänzen, sondern weil seine Filme leise weiterwirken: als Schule der Aufmerksamkeit, als Einladung zur Güte, als Erinnerung daran, wie viel in einem einzigen Menschenleben steckt.

Der Autor ist Schweizer Journalist und Medienunternehmer. Er war über 30 Jahre lang enger Mitarbeiter von Arthur Cohn.

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