»Imanuels Interpreten« (16)

Ethel Lindsey: Französisch und funky

Ethel Lindsey liefert Soul und Funk aus den guten, alten Zeiten. Foto: Promotion photo

Wir leben musikalisch gesehen in einem eher enttäuschenden Zeitalter. Selbst viele Soul-Alben werden überproduziert und basieren auf monotonen, elektronischen Beats. Die Motivation ihrer Produzenten ist weder Authentizität noch Qualität, sondern Kommerz. Wer dann auf ein Album stößt, das erfrischend anders ist und in vielerlei Hinsicht überzeugt, hat wahrscheinlich Pretty Close von Ethel Lindsey in der Hand.

Diese jüdische Multiinstrumentalistin, Sängerin und Komponistin aus Paris hat die späten 1970er Jahre in die Gegenwart zurückgeholt. Damals wurden Soul- und Funk-Songs mit vorzüglichen Arrangements garniert. Außerdem entstand das Genre, das heute als Adult-Oriented Rock (AOR) bekannt ist. Ethel Lindsey wurde von der Musik dieser Zeit stark beeinflusst.

Wer Pretty Close hört, wird Zeuge von Ethel Lindseys großem Vorrat an musikalischer Kreativität, ihrer Liebe zur Musik, ihrem Respekt für die Pioniere ihrer Musikgattungen und ihrem Know-How. Wer ein solches Album aufnimmt, hat im Leben viel Earth, Wind and Fire, Rufus and Chaka Khan sowie Teddy Pendergrass gehört, aber auch AOR-Künstler wie Steely Dan, Chicago oder Toto, diese Musik inkorporiert und zelebriert.

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»Together Again« ist Teil des neuen Albums von Ethel Lindsey.
Komponiert, arrangiert, gesungen und gespielt

Nun ist es Ethel Lindsey selbst, die die Faszination dieser Epoche mit ihrer eigenen Soul-Stimme, der Faszination des Funk, ihren gelungenen Kompositionen, Texten und ihrer Virtuosität vermengt. Seit 1982 klang ein Debüt-Album dieses Genres selten so frisch und zugleich traditionsbewusst wie das dieser begabten Trans-Frau aus Paris.

Alle Songs auf Pretty Close wurden nicht nur von Ethel Lindsey komponiert, arrangiert und gesungen, sondern auch eingespielt. Sie ist sowohl für den Bass als auch die Keyboards verantwortlich.

»Together Again« ist ein Soul-Song mit einer guten Portion AOR, der ebenso von einer im Jahr 1979 in Philadelphia oder an der amerikanischen Westküste aufgenommenen Schallplatte hätte kommen können. Die funky Rhythmusgitarre in dem Track »Your Winner« ist ebenso faszinierend wie Ethel Lindseys Gesangs-Performance. Mit dem Falsett ehrt sie Philipp Bailey.

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Sephardisch und aschkenasisch

Wer sich frühere Songs der Künstlerin anhört, wird zu dem Ergebnis kommen, dass die Richtung, die sie auf ihrem neuen Album geht, keine Überraschung ist. Unter anderem lieferte sie Reggae-Versionen von »What You Won’t Do for Love« von Bobby Caldwell und der AOR-Hymne »Baby Come Back« der Gruppe Player.

Das Album Pretty Close wird von Kritikern gefeiert. Zu ihnen gehört auch Brasiliens Soul-, Funk- und AOR-Papst Ed Motta, der als Interpret auch Música Popular Brasileira und sogar Jazz liefert. Er empfahl Ethel Lindseys Aufnahme in den sozialen Medien – mit dem Ergebnis, dass sie nun auch eine Fangemeinde in Brasilien hat. Andere »Real Music«-Vertreter loben die Platte ebenfalls in höchsten Tönen.

Über ihre jüdische Herkunft spricht Ethel Lindsey gern: »Ich habe sowohl sephardische als auch aschkenasische Wurzeln«, sagt sie gegenüber der Jüdischen Allgemeinen. »Mütterlicherseits habe ich einen spanischen Hintergrund – aus der Region um Sevilla und Almeria – sowie eine italienische Seite. Mein lieber Großvater väterlicherseits kam aus Warschau. Ich kannte ihn. Er war ein Holocaust-Überlebender.« Beide Großväter machten auf ihre Art Musik.

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In »Your Winner« taucht eine faszinierende Funk-Rhythmusgitarre auf.
»Ich bin Traditionalistin«

Ihr polnischer Großvater sollte Kantor werden, als er in jungen Jahren nach Frankreich kam. »Aber dann fing er sofort an, mit seinen Brüdern in der Kurzwarenhandlung seines Vaters zu arbeiten.«

Jüdische Traditionen sind Ethel Lindsey wichtig: »Ich bin Traditionalistin. Das heißt, ich begehe den Schabbat, Pessach, Rosh Haschana und Chanukka und ich hatte meine Bat Mitzvah.« Auch Israel steht die Französin sehr nah: »Der 7. Oktober beschäftigt mich sehr, auch da ein Teil meiner Familie in Haifa lebt und zwei meiner besten Freunde in Ramat Gan und Tel Aviv ansässig sind. Ich bete für sie und für das Gelobte Land.«

Ethel Lindsey ist ein Unikum. Wie viele französische Soul-Sängerinnen sind zugleich Multiinstrumentalistinnen und Komponistinnen? Welche jüdischen Traditionalistinnen sind zugleich so funky?

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Präferierte Genres

Die von ihr präferierten Genres tauchten seit Anfang der 1980er Jahre in Gestalt der britischen Acid-Jazz-Revolution wieder auf, in der Formationen wie Incognito, Jamiroquai oder The James Taylor Quartet federführend waren – und weiterhin sind. Die Band Young Gun Silver Fox hat der Welt wieder mehr AOR verpasst. Nun gehört auch Ethel Lindsey zu diesem Kreis.

Bereits verstorbene Pioniere der »Real Music« – von Maurice White bis hin zu George Duke – wären mit Sicherheit angetan, könnten sie Ethel Lindsey hören.

Ethel Lindseys Weg in diese Dimension der Musikwelt ist unkonventionell. Sie arbeitete im Bereich Vintage-Mode und wurde Spezialistin, während sie an ihren musikalischen Plänen arbeitete. Bei den Aufnahmen für Pretty Close griff sie auf analoge Geräte zurück, wie sie in den späten 70er Jahren in Aufnahmestudios verwendet wurden. Selbst technisch sollte der Klang diese Zeit widerspiegeln. Authentizität auf der ganzen Linie.

»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de

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