Medien und Israel

Es ist kompliziert

»Israel droht mit Selbstverteidigung«, schreibt der Focus nach Angriffen auf Tel Aviv. Foto: Thinkstock

Journalisten sind auch nur Menschen. Allerdings keine sonderlich beliebten. Nur Versicherungsvertreter schneiden noch schlechter ab – und Politiker. Aber wie Politiker und Versicherungsvertreter machen auch Journalisten jeden Tag wacker ihre Arbeit, mal schlecht, mal recht, so wie sie es eben können.

Die oberste ethische Instanz des Berufsstandes ist der Deutsche Presserat. In beeindruckenden 16 Regeln hat er festgeschrieben, was journalistischer Anstand ist. Verstößt ein Journalist dagegen, kann sich der Leser, Hörer oder Zuschauer beim Presserat beschweren. Eine gute Sache also und auch beim Thema Israel ein wichtiges Instrument gegen eine oft tendenziöse und verdrehende oder gar antisemitische Berichterstattung. Aber nur selten landet ein Artikel vor den Medienwächtern, und wenn doch, passiert in der Regel nichts.

Tagesspiegel Als der »Tagesspiegel« eine antisemitische Karikatur abdruckte, in der ein israelischer Panzer über palästinensische Kinder hinwegrollte (»Es ging nicht anders, sie wären sonst alle Selbstmordattentäter geworden«), war dies für den Presserat noch lange kein Grund für eine »Rüge« oder gar eine »Missbilligung«. Nicht einmal einen »Hinweis« gab es, die mildeste aller Abmahnungen. Kritik an Israel sei kein Antisemitismus, befanden die Presserichter lapidar.

Eine Information »darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschaffung weder entstellt noch verfälscht werden«, so steht es unter Ziffer 2 (»Sorgfalt«) im Pressegesetz. Gerade aber Überschriften sind verräterisch für Autoren und Redaktion. »Acht Tote bei Tunnel-Sprengung durch Israels Armee«, titelte die »Zeit« im Oktober vergangenen Jahres.

Erst im Bericht selbst erfuhr der geneigte Leser, dass Israel sich gegen einen der Terrortunnel der Hamas zur Wehr gesetzt hatte, um einem Anschlag auf sein Staatsgebiet zuvorzukommen. Ein anderes, fast schon legendäres Beispiel: »Israel droht mit Selbstverteidigung«, titelte der »Focus«, nachdem der israelische Verteidigungsminister mitgeteilt hatte, dass der jüdische Staat vor dem Hintergrund iranischer Vernichtungsdrohungen sich selbst schützen werde.

Solche Überschriften sind tendenziös und unseriös, weil sie nur halb wahr sind. Aber eine »halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge«, sagt zu Recht ein jüdisches Sprichwort. Dabei ist die Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung des Qualitätsjournalismus. Und genau sie steht oft auf dem Spiel und stärkt so die Lügenpresse-Brüller. Die BBC war im Zweiten Weltkrieg auch deshalb eine so entscheidende Nachrichtenquelle, weil sie die Niederlagen der Alliierten nicht verschwieg.

Der Grünen-Politiker Volker Beck hat die Berichterstattung der Deutschen PresseAgentur (dpa) jüngst wegen – bewusst oder unbewusst? – eines Ursache und Wirkung komplett verdrehenden Berichts vor den Presserat gebracht. Angesichts von 40 Prozent israelbezogenem Antisemitismus in der Gesellschaft seien die Medien zu sorglos, so Becks Beobachtung. Anlass war eine dpa-Meldung vom 12. Juli 2017, die so oder so ähnlich auch in vielen anderen Medien zu lesen war: »Zwei Palästinenser bei israelischer Militäroperation getötet«. Keine
Falschmeldung. Aber eben nur die halbe Wahrheit. Denn die Palästinenser hatten die israelischen Soldaten zuvor beschossen und mit Brandbomben beworfen.

trump Israel hat bei vielen Journalisten keine guten Karten. Sie bedienen den Mainstream, aus dem sie kommen, werden zu Missionaren und sind die Bildbeschaffer für die Bilder im Kopf ihrer Kundschaft. Ein Viertel der Deutschen ist judenfeindlich eingestellt (in Zahlen: rund 20 Millionen Bundesbürger), und es wäre seltsam, wenn das ausgerechnet bei Journalisten anders wäre. Vielen dürfte dabei das eigene Ressentiment kaum bewusst sein, und doch begleitet es ihre Arbeit. Sie ticken nicht anders als ihre Abonnenten, sonnen sich im Beifall aus den eigenen Reihen, nehmen willig auf, was ins negative Israelbild passt, und reichen es einfach durch.

Nicht anders bei der Beurteilung von Trumps Jerusalem-Entscheidung: tumb und friedensgefährdend – da waren sich die meisten Kollegen und ihre deutsche Kundschaft so einig wie die überwältigende Mehrheit der Staaten. Auch Deutschland stimmte bei der UN-Abstimmung gegen die USA und gegen Jerusalem als Hauptstadt Israels. Abweichende Sichtweisen hatten kaum eine Chance. Nicht in der UNO, nicht in der Presse.

Quellen Gerade in Nahost ist die Gemengelage aber besonders unübersichtlich, und umso wichtiger sind die Quellen. Sie müssen offengelegt werden. In einem äußerst umstrittenen ARD-Beitrag im vergangenen August über den Wassernotstand im Westjordanland blieb das aus. Der als »Experte« vorgestellte Hydrologe Clemens Messerschmid durfte Israel ungehemmt an den Pranger stellen. Messerschmid aber ist kein unabhängiger Experte, sondern ein Aktivist, der gerne mal der islamistischen Webseite »Muslim-Markt« ein Interview gibt.

Auf die massive Kritik reagierte die verantwortliche Redaktion. Wegen eines hohen jüdischen Feiertages habe kein israelischer Fachmann zur Verfügung gestanden. Bei einem Beitrag, der nicht tagesaktuell ist, wäre es allerdings kein Problem, die Feiertage abzuwarten. Das Problem aber ist, dass sich keiner an dieser Einseitigkeit stört.

Konsequenz Die meisten Journalisten sind keine vorsätzlichen Antisemiten. Doch ob vorsätzlich oder fahrlässig – für die Betroffenen macht das kaum einen Unterschied. Sie müssen mit der hässlichen Konsequenz der antisemitischen Stimmungsmache leben. Die Urheber werden nicht bespuckt, verprügelt, gehänselt. Sie erhalten auch keine Drohbriefe. Sie müssen nicht bangen, dass ein netter Abend bei dem Stichwort »Israel« aus den Fugen gerät. Im Gegenteil, in vielen Journalistenrunden ist man sich schnell einig: Israel ist an allem schuld.

Man muss Israel nicht lieben, man kann und muss es auch hart kritisieren, aber die journalistischen Anstandsregeln gelten auch im Umgang mit dem jüdischen Staat. Egal ob man selbst glühender Zionist ist oder das Herz für den palästinensischen »Freiheitskampf« schlägt, Journalisten dürfen keine Propagandisten sein.

Esther Schapira ist Redakteurin beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks. Zusammen mit Georg M. Hafner schrieb sie »Israel ist an allem schuld« (Eichborn 2015).

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026