Kino

»Es ist immer in meinem Kopf«

Albrecht Weinberg (1925 - 2026)
Albrecht Weinberg (1925 - 2026) Foto: picture alliance / dpa

Er bastelt eine Batterie in ein kleines Radio, dreht daran herum, erkennt eine Melodie und singt mit. So erscheint Albrecht Weinberg auf der Leinwand. Ein kleiner, alter Herr, der wieder in Ostfriesland lebt. Der Gegend, in der er geboren wurde. Aus der seine Familie vertrieben wurde, als er noch ein Kind war. Die er, wie ganz Deutschland, nie wiedersehen wollte. In der ein Gymnasium nach ihm benannt ist. In die Schulklassen reisen, an zwei Tagen in der Woche, um ihm zuzuhören.

Albrecht Weinberg hat den Holocaust überlebt, Zwangsarbeit, drei Konzentrationslager, Todesmärsche, ist danach so schnell er konnte in die USA ausgewandert, und mit 87 Jahren zurück nach Deutschland gekommen. Hat angefangen, über sein Leben zu sprechen, über das Grauen, über seine ermordeten Eltern, die er bis zum Schluss nur Mama und Papa nannte. Im Mai ist er gestorben, er war 101 Jahre alt.

In den letzten Jahren hat er sich von einem Filmteam begleiten lassen, auch vor einer Kamera noch einmal alles erzählt. Nun kommt der Film ins Kino, der daraus entstanden ist: »Es ist immer in meinem Kopf«. Das sagt Albrecht Weinberg im Film, man sieht dazu, wie er sich morgens rasiert. Wenn er sich nur das Gesicht wasche, sehe er die Nummer auf seinem Arm. Die Nummer aus Auschwitz. In einer anderen Szene hält er sie Schulkindern hin, die Fotos mit ihren Handys machen. Er fragt sie, ob sie auch Tattoos haben. Ganz sanft fragt er. Es ist nur eine von vielen Szenen aus diesem Film, die man tagelang nicht vergessen kann.

»Yalla Yalla Intifada«

Am Sonntagabend hatte der Film in Berlin seine zweite Premiere. Die erste fand in Ostfriesland statt, Albrecht Weinberg hat sie noch miterlebt, an seinem letzten Geburtstag, auch den langen Applaus in einem Saal mit 750 Gästen.

In Berlin wird der Film zum ersten Mal an dem Abend gezeigt, an dem der »Tagesspiegel« von einer Wahlkampfparty der Linken berichtet. Ein Rapper hat »Yalla Yalla Intifada, Westbank, Palästina, Gaza« und »Death to the IDF« gerufen. Ich habe keine Lust, seinen Namen zu erwähnen in einem Text, in dem es um Albrecht Weinberg geht. Die Party fand, natürlich, in Neukölln statt, es sollen 1000 Menschen da gewesen sein.

Der Rapper, dessen Haltungen bekannt sind, sollte den Track mit diesen Zeilen eigentlich nicht bringen, sagte die Linke hinterher. Ja, genau, deshalb lädt man einen Rapper ein, der die Intifada feiert und dafür gefeiert wird: Damit er das auf der Bühne weglässt! Jetzt will die Partei irgendetwas aufarbeiten.

Schwester in medizinischer Not

Mir wäre es inzwischen lieber, wenn die Linke einfach sagen würde: Klar, wir machen Wahlkampf mit der Intifada, das kommt bei den Wählern gut an. Wir wollen Wohnungskonzerne enteignen und den Tod der Armee des einzigen jüdischen Staates. Die Berliner Autorin Lea Streisand hat am Montag auf Instagram gefragt: »Wusstet ihr, dass der Berliner Mietendeckel direkt am Toten Meer verteidigt wird?«

Lesen Sie auch

Ich würde gern lachen darüber, aber das geht nicht. Die Linke ist den Umfragen zur Wahl am 20. September in Berlin die stärkste Partei. Sie könnte die Stadt regieren. In der »taz« ist ein Artikel über die Party und die Intifada erschienen, in der die Autoren schreiben, »für die einen« bedeute der Begriff »Tod allen Juden«, aber »für die anderen« jedoch bloß »Aufstand«. Und dieser verächtliche Satz über die Diskussion danach: »Nicht nur die ›Bild‹ kreischt ›Israelhass‹.« Ich muss das Wort noch einmal wiederholen: »kreischt«.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Albrecht Weinberg ist nur nach Deutschland zurückgekehrt, weil seine Schwester, von der er, wie er im Film sagt, nur in den Lagern getrennt war, nach einem Schlaganfall in medizinischer Not war. In Ostfriesland nahm ein Heim die Geschwister auf, die einander alles waren, die keine Kinder bekommen hatten, weil sie Angst vor dem hatten, was jüdischen Kindern in dieser Welt geschieht. 40 Angehörige haben sie in der Schoa verloren.

Porridge und Banane

Im Heim sollte sich die Altenpflegerin Gerda Dänekas um die beiden kümmern. Nach dem Tod der Schwester blieb sie an der Seite von Albrecht Weinberg, auch als sie selbst in Rente ging, in der Pandemie lud sie ihn ein, mit ihr zusammenzuziehen. Der Film erzählt auch von dieser Beziehung, die Gerda Dänekas eine Art Liebe nennt. Auch diese Frau kann man nicht vergessen, wenn man den Film gesehen hat.

Man sieht, wie sie Albrecht Weinberg zu seinen Einsätzen als Zeitzeuge begleitet. Mit ihm frühstückt, Porridge und eine Banane, ihn spazieren schiebt im Rollstuhl, mit ihm lacht. Man sieht auch, wie sie mit ihm kurz nach dem 7. Oktober vor dem Fernseher sitzt, es läuft ein früher Bericht über das Massaker. Sie hält seine Hand.

In Berlin sitzt sie nach der Premiere auf der Bühne und erzählt, dass Albrecht, der damals 98 Jahre alt war, eine Woche lang nicht aufstehen konnte nach dem 7. Oktober. »Für ihn war das ein zweiter Holocaust«, sagt sie. Für einen Mann, der auch vor dem 7. Oktober in jeder Nacht das kleine Radio an seinem Bett laufen ließ, weil er die Stille der Nacht nicht ertrug.

»Warum hassen sie uns?«

Sie sagt auch, dass ihn eine Frage beschäftigt habe, bis zum Schluss. Immer wieder habe er gefragt: Warum hassen die Menschen die Juden? Warum hassen sie uns?

Es hört einfach nie auf, im Gegenteil, es nimmt wieder neuen Anlauf, auch in Deutschland, und Albrecht Weinberg hat das in seinen letzten Jahren noch ertragen müssen. Auch das noch ertragen müssen.

Güner Balci und Jesco Denzel, die Filmemacher, sitzen auch auf der Bühne nach der Premiere. Balci ist Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln. Sie wird nach der Wahlparty der Linken gefragt. Sie sagt, dass sie regelmäßig Wutanfälle bekomme über das, was in ihrem Bezirk und in Berlin passiere. Sie sagt: »Ich könnte ständig kotzen.«

Leere, flache, norddeutsche Landschaft

Sie fragt in den Saal zurück, ob alle mitbekommen hätten, dass die Spitzenkandidaten von SPD, Grüne und Linke in Neukölln in einer Moschee waren, auch für den Wahlkampf, aus der es Verbindungen zur Muslimbruderschaft gebe, und damit zur Hamas. Nur der Mann von der FDP, der auch dabei war, habe vor Ort darauf hingewiesen, nur die CDU den Termin boykottiert.

Jesco Denzel erinnert daran, das Albrecht Weinberg kurz vor seinem Tod noch sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben hat, aus Protest darüber, dass die CDU im Bundestag bei einer Abstimmung die Stimmen der AfD in Kauf genommen hat.

Im Film fragt Gerda Dänekas ihren Freund Albrecht Weinberg am Ende, wo seine Heimat ist. Sie sitzen auf einer Bank in der leeren, flachen, norddeutschen Landschaft. Er hat keine Heimat, sagt er.

»Albrecht Weinberg - Es ist immer in meinem Kopf« läuft ab 10. September deutschlandweit in den Kinos.

Tobias Korenke

Tobias Korenke

»Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert«

»Grandios gescheitert«: So hart urteilt Historiker Tobias Korenke über die deutsche Erinnerungskultur. Und hat Änderungsvorschläge. Bonhoeffer-Nachfahre zu sein, hat für ihn durch den AfD-Aufschwung eine neue Bedeutung

von Karin Wollschläger  08.11.2026

Blick aus einem Fenster der Höß-Villa auf Gebäude des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz

»Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten«

Kai Uwe Höss ist der Enkel von Lagerkommandant Rudolf Höß. Wie lebt es sich mit dieser familiären Bürde?

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026