Studie

»Es gibt Unterschiede«

Herr Greenberg, Sie haben eine Studie mit rund 300.000 Teilnehmern in 57 Ländern durchgeführt. Was haben Sie herausgefunden?
Wir wissen schon seit mehreren Jahrzehnten aus kleineren Studien, dass Frauen im Durchschnitt bei der sogenannten Theory of Mind besser abschneiden als Männer. Mit unserer Studie wollten wir diese Forschung auf die nächste Stufe heben und herausfinden, ob sich dieses Ergebnis auf die ganze Welt übertragen lässt. Für diesen Zweck haben wir uns mit Forschern der Bar-Ilan-Universität, der Universität Cambridge, der Harvard-Universität und der University of Washington zusammengetan. Wir konnten feststellen, dass Frauen im Durchschnitt dieser mehr als 300.000 Personen in 57 Ländern bei der Theory of Mind besser abschnitten als Männer.

Theory of Mind ist ein verwirrender Begriff. Was ist das überhaupt?
Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Empathie, Theory of Mind und Mitgefühl. Empathie selbst ist nicht nur ein einzelnes Konstrukt. Es gibt mehrere Komponenten der Empathie. Die erste ist die kognitive Empathie. Sie beschreibt den Prozess, sich in die Lage eines anderen zu versetzen. Und zu wissen, was diese Person erwartet und fühlt, vorherzusagen, wie sie sich verhalten könnte. Das wird auch als Theory of Mind bezeichnet. Die affektive Empathie ist eine zweite Komponente der Empathie, bei der es darum geht, mit einer angemessenen Emotion zu reagieren. Manche sagen, es ist das Gefühl, das man mit einer anderen Person teilt. Das sind die beiden Hauptkomponenten. Kognitive Empathie und affektive Empathie. Das Mitgefühl hingegen ist eine Unterkomponente der Empathie und hat mit einem sehr spezifischen Kontext zu tun, nämlich damit, wie eine Person auf jemanden reagiert, der in Not ist.

Wie ist es zu erklären, dass Frauen höhere Werte erzielen?
Frühere Forschungen legen nahe, dass es eine Kombination aus biologischen und umweltbedingten Faktoren ist. Einige gehen davon aus, dass dies auf die Erwartungen an soziale und geschlechtsspezifische Rollen zurückzuführen ist, die in verschiedenen Ländern oder Kulturen verankert sind. Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen »Theory of Mind«-Leistung und Testosteron gibt, aber unsere Studie hat weder die Genetik noch die Bildgebung des Gehirns oder Hormone untersucht. Wir können keine Rückschlüsse auf biologische oder soziale Mechanismen ziehen. Wir haben aber eine explorative Analyse durchgeführt, die zeigt, dass die Geschlechtsunterschiede zwischen Männern und Frauen umso geringer sind, je westlicher ein Land ist. Je wohlhabender es ist, je höher das Bruttoinlandsprodukt ist und je mehr es die Geschlechtervielfalt schätzt, desto geringer war der Geschlechtsunterschied ausgeprägt.

Welche Methoden haben Sie in Ihrer Studie verwendet?
Wir haben einen sehr populären Test verwendet, der »The reading of the mind in the eyes«-Test, kurz »Eyes Test«, genannt wird. Sie erhalten eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos, die nur die Augenregion eines Gesichts zeigen. Zu jedem Foto werden der Person vier verschiedene Antwortmöglichkeiten gegeben, die eine Emotion für jedes Foto beschreibt. Die Auswahlmöglichkeiten sind jeweils unterschiedlich. Arrogant, dankbar, sarkastisch oder zaghaft zum Beispiel. Die Person muss sich dann für eine Beschreibung entscheiden. Insgesamt gibt es 36 dieser Fotos, die die Teilnehmer ausfüllen und beantworten sollen.

In welchen Ländern zeigten sich besonders interessante Ergebnisse?
Die Daten erlauben es uns nicht, Länder auf Basis der Theory of Mind zu vergleichen – zum Beispiel, ob Deutschland beim Eyes Test im Durchschnitt besser abschneidet als Großbritannien. Das liegt unter anderem an den sprachlichen Unterschieden. Aber wir können uns ansehen, wie sich das Ausmaß der geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen den Ländern unterscheidet. In Nigeria ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern zum Beispiel größer als in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien. Auch in Indonesien sind die Geschlechtsunterschiede größer.

Wie haben Sie die Länder ausgewählt?
Wenn man große Datenmengen online sammelt, hat man nicht so sehr die Kontrolle darüber, aus welchen Ländern die Teilnehmer kommen. Das hängt von einer Reihe von Faktoren wie der Medienaufmerksamkeit ab. Wenn wir die Daten erhalten, führen wir eine sogenannte Power-Analyse durch, um festzustellen, wie viele Teilnehmer wir mindestens brauchen, um die Wirkung zu testen. Hier haben wir darauf geachtet, dass jedes Land mindestens 112 Personen umfasst. Länder, die diese Kriterien erfüllen, schließen wir ein, Länder, die diese Kriterien nicht erfüllen, schließen wir aus.

Warum sind Untersuchungen wie Ihre wichtig?
Die Theory of Mind ist ein grundlegender, sozialer, psychologischer und entwicklungsbezogener Aspekt unserer Psychologie, der viele unserer sozialen Interaktionen bestimmt. In persönlichen Beziehungen, im Berufsleben, aber auch allgemein in größeren Gruppen und in der Gesellschaft. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich dies entwickelt, wie es beschaffen ist und so weiter.

Was haben Sie noch herausgefunden?
Wir haben herausgefunden, dass es Geschlechtsunterschiede gibt, aber auch einige subtile Altersunterschiede. Zum Beispiel nimmt die Theory of Mind – sowohl bei Männern als auch bei Frauen im Durchschnitt – im Laufe des Erwachsenenlebens, leicht ab. Sie erreicht in den 20er-Jahren ihren Höhepunkt und nimmt dann ganz allmählich ab. Dennoch gibt es in allen Altersgruppen weiterhin einen Geschlechtsunterschied.

Woran liegt das?
Dafür kann es mehrere Gründe geben. Ein solcher Grund kann in der Biologie liegen und in den Hormonveränderungen sowohl bei Männern als auch bei Frauen begründet sein. Aber das ist etwas, was wir in Studien wie unseren nicht feststellen können. Aber zukünftige Forschungen sollten das untersuchen.

Haben Ihre Ergebnisse eine Debatte innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gelöst?
Diese Studie ist ein Beitrag zu einer langen Reihe von Forschungsarbeiten über durchschnittliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Aber es gibt eine lange Debatte darüber, ob es im Durchschnitt geschlechtsspezifische Unterschiede in Bereichen wie dem Geist oder dem Gehirn gibt. Wir zeigen, dass es sie gibt. Wir zeigen aber auch, dass die Geschlechtsunterschiede zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt relativ gering sind. Frauen erzielten rund zwei Prozent mehr Punkte im Eyes Test als Männer. Das Bemerkenswerte ist vielmehr, dass diese Unterschiede länderübergreifend konsistent sind.

Mit dem amerikanischen Professor für Psychologie und Neurowissenschaften, der an der Bar-Ilan-Universität in Israel sowie an der Universität Cambridge in Großbritannien tätig ist, sprach Lilly Wolter.

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