Biografie

Erinnerungen eines Jahrhundertzeugen

Albrecht Weinberg in seiner Wohnung in Ostfriesland. Foto: picture alliance/dpa | Sina Schuldt

Auch rund 80 Jahre danach ist die Zahl noch da, die an sein Martyrium erinnert: 116.927. Albrecht Weinberg sieht die inzwischen etwas verblassten Ziffern mindestens jeden Morgen beim Waschen auf seinem linken Unterarm - und mit ihr die Erinnerungen an Auschwitz. »Das ist unglaublich, dass sowas wirklich passierte«, sagt der 98-Jährige, der in der ostfriesischen Kleinstadt Leer lebt, rückblickend über den Holocaust.

Die Häftlingsnummer tätowierten ihm die Nazis auf die Haut, als er im April 1943 in das Konzentrationslager deportiert wurde. Lange hat Albrecht Weinberg mehr darüber geschwiegen, als dass er über den Horror erzählte. Nun ist er einer der wenigen lebenden Jahrhundertzeitzeugen, die überhaupt noch davon erzählen und mahnen können. 

Zusammen mit dem »Stern«-Journalisten Nicolas Büchse hat Albrecht Weinberg seine Lebensgeschichte nun in einem Buch verfasst. Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm lautet der Titel der Autobiografie, die vor wenigen Tagen im Penguin Verlag erschienen ist. Darin erzählt er, wie der Antisemitismus in Ostfriesland in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren ihn und seine jüdische Familie schleichend ausgrenzte, wie die Pogromnacht im November 1938 alle auseinanderriss und wie die Nazis schließlich seine Familie fast vollständig auslöschte: seine Eltern, Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Albrecht Weinberg überlebte die drei Konzentrationslager Monowitz, auch Auschwitz III genannt, Mittelbau-Dora im Harz, Bergen-Belsen bei Celle und mehrere Todesmärsche. 

»Ein wirklich außergewöhnlicher Mensch«

Ein befreundeter Fotograf, der zu Jahrestagen Überlebende im Konzentrationslager Bergen-Belsen fotografiert, stellte den Kontakt zwischen dem Holocaust-Überlebenden und dem Journalisten her. »Er rief mich an und sagte: «Mensch, du musst einen Holocaust-Überlebenden kennenlernen. Das ist ein wirklich außergewöhnlicher Mensch», erinnert sich Büchse an das Telefonat mit dem befreundeten Fotografen. Mehrere Schoa-Überlebende habe er zuvor schon interviewt. Dabei sei er stets zurückhaltend gewesen. Albrecht Weinberg aber habe ihm direkt das «Du» angeboten. «Da war sofort eine Nähe da, die außergewöhnlich ist, gerade für jemanden, der so viel erlebt hat.» 

Aus einer Reportage entstand schließlich das Buch. Büchse führte unzählige Interviews mit Albrecht Weinberg, begleitete ihn auf Reisen und Besuchen. Weinbergs Lebensgeschichte erzähle den schleichenden Prozess der Entmenschlichung einer Gesellschaft, sagt Büchse. Eine Gefahr für die Demokratie, die heute erneut zu spüren sei. «Wenn man Albrecht zuhört, kann man die Fähigkeit erlangen, genauer diese Warnzeichen wahrzunehmen.»

Trotz der erfahrenen Qualen sind Albrecht Weinbergs Erinnerungen glasklar, etwa an die Befreiung von Bergen-Belsen. «Zu der Zeit war ich ein Muselmann», sagt Albrecht Weinberg. «Ein Mensch mit einem Knochengerüst und Haut überzogen, kein Gramm Fleisch.» Mehr tot als lebendig sei er gewesen, umgeben von Leichenbergen. Gerade mal 29 Kilogramm wog er da. «Dann kamen die Tanks reingefahren. Ich habe gedacht, nun werde ich erlöst», erzählt der 98-Jährige, der immer wieder englische Wörter in seine Sätze einfließen lässt. «Dass wir befreit wurden, haben wir nie geglaubt. Wir haben gedacht, wir werden alle abgeknallt.» Es waren britische Truppen, die am 15. April 1945 das Konzentrationslager befreiten. 

Rückkehr nach Deutschland nach rund 40 Jahren

Insgesamt starben im Lager und unmittelbar nach der Befreiung rund 52.000 Menschen, hinzu kamen fast 20.000 Tote im angrenzenden Kriegsgefangenenlager. Albrecht und auch seine beiden Geschwister Friedel und Dieter überlebten die Gräuel. Nach der Befreiung fanden sie sich wieder, allerdings nur kurz. Dieter starb 1946 bei einem Unfall. Friedel und Albrecht wanderten 1947 nach New York aus, um ein neues Leben zu beginnen – da waren sie gerade Anfang 20. Nach Deutschland wollten sie nie wieder zurück, da waren sie sich sicher. «Wir wollten von Deutschland nie wieder etwas sehen und hören», sagt Albrecht.  

Erst rund 40 Jahre später reisten sie 1985 auf Einladung der Stadt Leer für einen Besuch nach Ostfriesland. Es folgten weitere Besuche und Freundschaften entstanden. Als sich Friedels Gesundheitszustand 2012 verschlechterte, kehrten die beiden schließlich ganz zurück. In einem Seniorenheim war Albrecht an Friedels Seite, bis sie kurze Zeit nach der Ankunft starb. Dabei lernte er die Pflegerin Gerda Dänekas kennen. Sie sei es gewesen, die Albrecht schließlich auch zum Reden über das Erlebte gebracht habe, sagt Büchse. Sie sei überzeugt davon, dass das Berichten nicht nur der Nachwelt, sondern auch Albrecht helfe. 

Seitdem erzählt Albrecht Weinberg unermüdlich seine Geschichte. Damit die Erinnerung nicht verblast, besuchte er bis vor Kurzem regelmäßig Schulen und berichtete Schülerinnen und Schülern von dem größten Menschheitsverbrechen. «Ich habe gesehen, ich tue ein gutes Werk, indem sie wissen, was auch ihnen und ihrer Zukunft passieren kann», sagt Albrecht Weinberg. Das Gymnasium in seinem Heimatort Rhauderfehn trägt inzwischen seinen Namen. Er regte zudem an, dass in Leer die ersten Stolpersteine verlegt wurden. Zuletzt war er auf einer Kundgebung gegen Rechtsextremismus in der Stadt.  

Auf Klassenfahrt mit fast 100 Jahren

Jahrzehnte sprach Weinberg nicht über seine Erlebnisse. Sogar als Hollywood-Regisseur Steven Spielberg ihn in den 1990er-Jahren für ein Zeitzeugeninterview anfragte, lehnte Albrecht ab. Zu lange hatte er die Befürchtung, dass andere seine Erinnerungen nicht hören wollten. Das Erlebte könne kein Mensch verstehen, sagt der 98-Jährige noch heute - auch er selbst nicht. Albrecht Weinberg hört deshalb immer wieder Radiodokumentationen, Gerda Dänekas liest ihm Zeitungsartikel und Bücher zum Holocaust vor. 

Der Antisemitismus wühlt den Holocaust-Überlebenden noch immer auf. Als vor wenigen Tagen auf dem jüdischen Friedhof in Leer Grabsteine umgestoßen wurden, zog sich Albrecht zurück. «Ich wollte nichts wissen, bin in mein Zimmer gegangen und hab’ nachgedacht, dass es für mich nie anders gewesen ist: der Hass und die discrimination.» Noch 80 Jahre nach dem Holocaust müsse die Polizei etwa Synagogen schützen. «Das ist ja nicht zu glauben.» 

Inzwischen sind Albrecht und Gerda zusammen in eine Senioren-WG gezogen. «Das ist das Beste, was ich je getan habe», sagt Gerda, die inzwischen im Ruhestand ist. Viele hätten ihr davon abgeraten, doch sie habe es nie bereut, im Gegenteil. Beide unternehmen Reisen, waren in New York und 2022 sogar mit Schülern auf Klassenfahrt in Israel. Demnächst wollen beide Lesungen machen. Es fühle sich toll an, nun zu Gerda und ihrer Familie zu gehören, sagt der 98-Jährige. «So gut habe ich es in meinem Leben noch nie gehabt.» 

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