Kino

Emotionale Extreme

Zeigt eine große Bandbreite: Olivia Colman Foto: Searchlight Pictures. © 2022 20th Century Studios All Rights Reserved

Unter renommierten männlichen Filmemachern im besten Alter scheint es dieser Tage geradezu zum guten Ton zu gehören, sich filmisch der eigenen Kindheit zu widmen und nebenbei gleich auch noch von der Magie des Kinos zu erzählen. Kenneth Branagh hat mit Belfast vorgelegt, gerade zog Steven Spielberg mit seinen wunderbaren Fabelmans nach, und nun folgt auch noch Sam Mendes mit Empire of Light.

Was das Autobiografische angeht, hält sich der Brite verglichen mit seinen Kollegen eher zurück. Ein Mendes-Alter-Ego kommt in seiner Geschichte nicht vor, einen kindlichen oder jugendlichen Protagonisten und dessen Perspektive sucht man hier vergeblich. Vielmehr stand die jüdische Mutter des Regisseurs Pate, die ihn ab seinem dritten Lebensjahr allein großzog, nachdem die Ehe der Eltern geschieden worden war. Ihre Religion kommt nun allerdings nachvollziehbarer Weise im Film nicht vor.

JÜDISCHSEIN »Ich hatte nie die Möglichkeit, mich dafür zu entscheiden, ob ich diesem religiö­sen Werte- und Glaubenssystem folgen will oder nicht«, sagte Mendes im vergangenen Jahr in einem Interview mit Blick auf die Tatsache, dass das Jüdischsein für seine Mutter und damit auch in seiner Jugend und Erziehung nie auch nur die geringste Rolle gespielt hat.

Was dagegen in Empire of Light sehr präsent ist, ist die bipolare Störung, an der Valerie Mendes genauso litt wie nun die Protagonistin Hilary Small (Olivia Colman). Hilary ist Anfang der 80er-Jahre leitende Angestellte im Empire-Kino im Küstenort Margate, eine pflichtbewusste und einsame Frau, die sich von ihrem verheirateten Boss (Colin Firth) immer wieder zu lieblosem Büro-Sex überreden lässt und ansonsten ein durch Lithium halbwegs in der Balance gehaltenes Leben führt.

In das kommt allerdings neuer Schwung, als Stephen (Micheal Ward) im Kino anheuert, ein junger Schwarzer, mit dem Hilary eine unerwartete Affäre beginnt. Doch die Unterschiede zwischen den beiden bringen ihre Schwierigkeiten mit sich, und dass Hilary irgendwann ihre Medikamente absetzt, hat erst recht einschneidende Folgen.

SETTING Englands Südosten und das Kino in Margate (das als Gebäude dort tatsächlich noch steht und in Betrieb ist) sind ein wunderbares Setting für diesen Film, und Ausnahme-Kameramann Roger Dea­kins, mit dem Mendes hier bereits zum fünften Mal zusammenarbeitet, fängt dies auf gewohnt betörende und zu Recht Oscar-nominierte Weise in seinen Bildern ein.

Auch auf Oscar-Gewinnerin Olivia Colman ist Verlass: Einmal mehr stellt sie in dieser Rolle, die zwischen emotionalen Extremen wie dumpfer Stille und lauten Ausrastern pendelt, ihre schauspielerische Bandbreite unter Beweis. Und harmoniert auf spannende Weise mit ihrem jungen, charismatischen Kollegen Micheal Ward, den man bereits aus der Serie Top Boy und Steve McQueens Lovers Rock kennt.

Dass Empire of Light trotzdem schwächelt, liegt vor allem am Drehbuch. Die längste Zeit seiner Karriere verließ sich Mendes auf die Geschichten anderer, nicht zuletzt auch am Theater, wo er jüngst (zunächst in London, dann auch in New York und Los Angeles) das Stück The Lehman Trilogy von Stefano Massini, adaptiert von Ben Power, auf die Bühne brachte und dabei so sehr wie nie auch die jüdischen Wurzeln seiner Familiengeschichte auslotete. Für seinen neuesten Film nun zeichnet er erstmals als alleiniger Autor verantwortlich – und hat sich dabei ein wenig verhoben.

So sehr ist der Blick auf die Protagonistin von den Erinnerungen an die eigene Mutter geprägt, dass die Auseinandersetzung mit deren komplizierter Psyche zwangsläufig eine äußerliche und letztlich etwas oberflächliche bleibt. Und weil es außer um mentale Gesundheit eben auch um die erstickende Enge in der englischen Gesellschaft der frühen Thatcher-Jahre, um brutalen Rassismus und eben die Kraft des filmischen Erzählens geht, kann man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein paar Themen zu viel verhandelt werden. Wirklich gerecht wird der Film dabei am Ende, trotz einiger sehr berührender Szenen, leider keinem.

Der Film läuft ab 20. April im Kino.

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026

Sachbuch

Altern als Bühne

Der Schweizer Autor Roger Schawinski hält Boomern den Spiegel vor und plädiert für Genuss und Lebensfreude bis zum Schluss

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026