Hochschule

»Einzigartige Forschungsallianz«

Birgitta Wolff Foto: dpa

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»Einzigartige Forschungsallianz«

Uni-Präsidentin Birgitta Wolff über den geplanten Holocaust-Lehrstuhl in Frankfurt und dessen Finanzierung

von Astrid Ludwig  13.04.2015 20:58 Uhr

Seit der Direktor des Frankfurter Jüdischen Museums und des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross, angekündigt hat, dass er in Leipzig die Leitung des Simon-Dubnow-Instituts übernimmt, wird an der Goethe-Universität über die Schaffung eines Lehrstuhls für Holocaust-Forschung diskutiert. Die neue Präsidentin der Frankfurter Universität, Birgitta Wolff, sieht die Chance für eine europaweit neuartige Forschungsallianz.

Frau Wolff, über einen Holocaust-Lehrstuhl wurde an der Goethe-Universität bereits früher immer wieder diskutiert. Doch erst nach der Ankündigung von Raphael Gross, Frankfurt zu verlassen, kommt wirklich Bewegung in die Debatte. Warum erst jetzt, und hätten Sie Gross, der an der Hochschule nur eine befristete Honorarstelle innehatte, gerne mit einer festen
Professur umgestimmt?

Dieses Thema beschäftigt mich seit einem Anruf von Wissenschaftsminister Boris Rhein im Januar intensiv. Dank der Vermittlung des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann ist rasch ein sehr konstruktives Gespräch mit Raphael Gross zustande gekommen. Gemeinsam haben wir überlegt, wie Zukunftsperspektiven für Frankfurt aussehen könnten. Dabei wurde jedoch klar, dass es zu spät war, Gross in Frankfurt zu halten. Zusammen mit Herrn Gross haben wir jedoch ein, wie ich finde, tragfähiges Konzept erarbeitet, wie sich eine künftige neue Professur an der Goethe-Universität qualitativ hochwertig und international sichtbar ausgestalten lassen könnte.

Wie genau könnte das aussehen?
Wir wollen eine breite, in dieser Form in Deutschland und Europa wohl einzigartige interdisziplinäre Forschungsallianz aufbauen. Eine neue Holocaust-Professur könnte daher sowohl am Fachbereich Geschichte als auch bei der Judaistik angesiedelt sein. Darüber haben bereits sehr konstruktive Gespräche mit unserem Judaistikprofessor Christian Wiese stattgefunden. Für die Ausrichtung des Lehrstuhls wäre es wünschenswert, die Forschung über die historischen Zusammenhänge hinaus auch in Richtung religiöser Pluralismus und interreligiöser Dialog in der Gegenwart zu öffnen. Insofern wäre auch eine Zusammenarbeit mit der in Frankfurt ebenfalls starken Islamwissenschaft naheliegend. Erfreulich finde ich, dass eine solche Ausrichtung offenbar auch in der EU-Direktion Forschung in Brüssel auf Interesse stößt, mit der ich Ende Januar ebenfalls über unsere Pläne sprechen konnte. Dort sieht man ebenfalls in einer interdisziplinären Ausrichtung viel Potenzial – gerade angesichts zunehmender religiös getarnter Diskriminierung und Gewalt weltweit. Vielleicht könnte eine Frankfurter Forschungsallianz helfen, solche Spannungen künftig zu mindern. Wir hätten die Chance, mit dieser neuen Professur etwas Einzigartiges zu entwickeln, das den Holocaust thematisiert, erforscht und darüber hinaus neue Wege für die Gegenwart und Zukunft aufzeigt.

Sie haben erklärt, nirgendwo würde ein solcher Lehrstuhl besser passen als in Frankfurt. Warum?
Weil er zur Gründungsgeschichte der Frankfurter Universität passt, die ohne die Unterstützung jüdischer Stifter vor 100 Jahren nicht hätte aufgebaut werden können. Selbstkritisch muss die Universität auch einräumen, dass sie später dem Nationalsozialismus wenig Widerstand entgegengesetzt hat. Frankfurt wäre daher aufgrund seiner Geschichte, dem großen Interesse vor Ort und der Qualität der hiesigen Wissenschaftsgemeinde der richtige Ort für eine Holocaust-Professur.

Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) hat einen neuen Lehrstuhl bereits begrüßt. Aus dem Präsidium der Universität hieß es aber, dafür gebe es finanziell keinen Spielraum. Wer also soll diese neue Professur bezahlen?
Ich freue mich besonders über die vergangene Woche erfolgte Finanzierungszusage des Ministers. Wir sind nun gespannt auf die weiteren Details, die sich aus dieser Zusage ergeben. Denn aus eigenen Mitteln ließe sich diese Professur beim besten Willen nicht finanzieren. Unsere universitären Spielräume sind begrenzt, weil im nächsten Jahr die Weiterführung unserer drei Exzellenzcluster auf der Agenda steht, die bisher mit Bundesmitteln gefördert werden. Das ist eine enorme finanzielle Herausforderung; wir können keine neuen Finanzierungszusagen eingehen, solange die Fortführung bereits existierender erfolgreicher Projekte nicht gesichert ist. Das weiß auch das Ministerium.

Um welche Summen geht es?

Die »kleine« Lösung für eine halbe W3-Professur würde 50.000 bis 60.000 Euro kosten, ein größer angelegtes Forschungsprojekt schnell bis zu einer Dreiviertelmillion im Jahr. Tatsächlich hat Raphael Gross bereits Unterstützer – die noch nicht genannt werden wollen – für die Finanzierung einer Gastprofessur eingeworben. Uns wäre aber an einer dauerhaften Finanzierung gelegen. Zeitlich begrenzte Projektmittel bringen immer Stress ins wissenschaftliche System.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Birgitta Wolff ist seit Anfang 2015 Präsidentin der Goethe-Universität. Das Gespräch führte Astrid Ludwig.

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