Nach einer anstrengenden, erneut anti-Israel-politisierten Berlinale im vergangenen Jahr, war der Eröffnungsabend in diesem Balsam fürs Kino und dessen Anhängerschaft. Auf dem roten Teppich ko-existierten Glamour und auf Poster geschriebene Aufrufe für die Freiheit der Menschen im Iran und in Rojava sowie Hannah Arendts Vorwurf an Eichmann »Niemand hat das Recht zu gehorchen«. Aber es herrschte Respekt. Kein hasserfülltes Geschrei, keine Aktionen, die das Festival missbrauchten.
Im Berlinale-Palast umfing das Publikum eine Atmosphäre der Empathie und der Sehnsucht danach. Während Berlinalechefin Tricia Tuttle die Menschen im Saal und am Stream mit aller Wärme willkommen hieß, segnete Jury-Präsident Wim Wenders den Abend mit seiner immer wieder beeindruckenden Zen-Poesie und Sätzen wie »Was auch immer wir ohne Liebe tun, wird keinen Bestand haben«.
Hollywoodgöttin Michelle Yeoh (»Everything everywhere all at once«, »Wicked«, »Tiger & Dragon«) wurde der Ehrenbär verliehen, und die Schauspielerin hielt eine auch sie selbst bewegende Rede über ihren Karriereweg, ihre Familie und den Zauber des Kinos, »das uns zusammen mit offenen Herzen im Dunkeln sitzen lässt«, und das »in einer Welt, die uns so leicht gegeneinander aufbringt«.
Lachen, Weinen, Staunen, Lernen
Und dann füllte der Eröffnungsfilm »No Good Men« der afghanischen Filmemacherin Shahrbanoo Sadat Köpfe und Herzen mit einem empathischen Feuerwerk an Gefühlen – der Saal lachte, weinte, staunte und lernte etwas aus dieser Liebesgeschichte in Kabul, die mehr Wahrheit über Menschen enthielt als alle Nachrichten zusammen. Und das zusammengehalten mit brillantem Humor.
Apropos Nachrichten. Leider kam auch diese Berlinale am allerersten Tag nicht um Selbstprofilierungsversuche mittels Polarisierung herum. Nicht nur, dass ein israelischer Filmkritiker und Berlinale-Veteran sich von einem niederländischen Kollegen anhören musste: »Du bist kein Freund, du bist Israeli«, auf der Jury-Pressekonferenz wollte der Aktivist gewordene Journalist und Video-Influencer Tilo Jung Israelhass auf die Berlinale tragen. Doch hatte er die Rechnung ohne Wim Wenders gemacht.
Während anwesende Journalisten sich genervt zur Seite drehten, bemängelte Jung, dass das Filmfestival nie Solidarität für Palästina zeige und fragte die Jury-Mitglieder, ob sie »angesichts der Unterstützung des Völkermords in Gaza durch die deutsche Regierung«, die ja Hauptfinanzier der Berlinale sei, »diese selektive Behandlung der Menschenrechte« unterstützten.
Unfaire Frage
Zuerst antwortete die polnische Produzentin Ewa Puszczynska (»Ida«, »The Zone of Interest«), die auf Wenders verwies, der gesagt hatte, dass es im Kino um Empathie gehe, den Versuch zu verstehen und sich selbst ein Bild zu machen. »Uns diese Frage zu stellen, ist ein wenig unfair. Wir können nicht verantwortlich sein für die Entscheidung der Menschen«, wo sie sich in Bezug auf Israel, Palästina, Senegal oder alle anderen Kriege, von denen es viele gebe, über die aber nicht gesprochen werde, positionieren. Dann übernahm der Jury-Präsident: »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten«, so Wenders, »denn wenn wir Filme machen, die rein politisch sind, treten wir in die Politik ein. Aber wir sind das Gegengewicht zur Politik.« Dazu fiel Jung nichts mehr ein. Hätte er besser hingehört, hätte er es schon wissen können: »Das Kino hat eine unglaubliche Kraft, mitfühlend und empathisch zu sein. Nachrichten sind nicht empathisch. Politik ist nicht empathisch. Aber Filme schon. Und das ist unsere Pflicht«, hatte Wenders gerade zuvor festgestellt.
Die Tatsache, dass just zu Jungs Frage der Web-Stream zusammenbrach, suchte der Influencer noch für Empörung zu nutzen. Es sei kein Zufall gewesen, raunte er. Allerdings war der Stream tatsächlich schon vorher wackelig gewesen, und das Video wurde kurz darauf für jederman einsehbar online gestellt.
Zurück im Palast war die Pressekonferenz noch Thema, die Journalisten redeten dann aber doch lieber darüber, ob der Eröffnungsfilm der richtige gewesen sei und ob Tuttle ausreichend Hollywoodstars zusammenbekommen habe. Eine Berliner PR-Größe hatte darauf die inspirierende Antwort: Wir müssen gerade die Welt neu erfinden, und dieses Festival zeigt, dass da draußen noch ganz andere Länder und Menschen sind. Das mache die Neuausrichtung der Berlinale zum Filmfest unserer Zeit.
Eine respektvolle, ausgeglichene, filmfeiernde Berlinale scheint möglich. Oder wie Michelle Yeoh in ihrer Dankesrede sagte: »Träume sind geduldig. Sie haben kein Ablaufdatum«. Was fast ein bisschen nach Herzl klingt.