Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Der Dirigent Herbert von Karajan Foto: picture alliance / SZ Photo

Trotz einer frühen NSDAP-Mitgliedschaft sieht der Historiker Michael Wolffsohn den Dirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) nicht als überzeugten Nationalsozialisten an. Der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sei 1935 vor allem in die NSDAP eingetreten, um seine damalige berufliche Zukunft abzusichern, sagte Wolffsohn am Freitag im Interview der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Damit unterscheide sich der Weg des gebürtigen Österreichers wenig von dem vieler anderer Deutscher, die nach der Machtergreifung 1933 aus Opportunismus in die Nazi-Partei eintraten.

Wolffsohn hat im Auftrag der Karajan-Stiftung eine neue Biografie über den Dirigenten verfasst, die dessen Verstrickung in den NS-Apparat untersuchen soll. Als Basis dienten dabei vor allem Karajans private Briefwechsel mit seiner ersten Frau Elmy und seiner zweiten Frau Anita. Das Buch mit dem Titel »Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus« erscheint kommenden Montag.

Keine Hitler-Euphorie

Aus den Briefwechseln gehe etwa hervor, dass Karajan nie große Euphorie für Adolf Hitler gezeigt habe. Einen gemeinsamen Empfang mit Hitler habe er in einem Brief an seine erste Frau Elmy als Pflicht bezeichnet, der er nachkommen müsse. Hitler habe auf der anderen Seite, wie auch der für Kultur zuständige Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, Karajan nicht sonderlich geschätzt, weswegen sich die Karriere des Dirigenten im NS-Staat ab 1942 »eindeutig auf dem Abstieg« befunden habe, erklärt Wolffsohn.

Ihm sei es darum gegangen, ein differenziertes Bild des Künstlers zu zeigen, so Wolffsohn. »Ich sage ja nicht, dass Karajan ein Widerstandskämpfer war. Das war er nicht. Aber ich versuche, im Gegensatz zu anderen, nicht schwarz-weiß zu malen, sondern die Grautöne zu erkennen.« Dazu zählten auch frühe antisemitische Äußerungen des jungen Karajan. Diese fallen laut Wolffsohn in die Kategorie des »Feld-Wald-und-Wiesen-Antisemitismus«, der »zwar diskriminatorisch, aber nicht liquidatorisch« gewesen sei. Auch hätten jüdische Musiker, mit denen Karajan nach 1945 zusammengearbeitet hatte, etwa Hellmut Stern und Michel Schwalbé, ihn selbst nach dessen Tod nie als Nazi bezeichnet.

Enges Verhältnis zu Wiener Kardinal

Wolffsohn hebt zudem Karajans Vertrauensverhältnis zum früheren Wiener Kardinal Franz König (1905-2004) hervor, laut dem Historiker »nicht nur ein großartiger Theologe, sondern auch ein Freund der Juden«. Es gebe Hinweise darauf, dass der Dirigent in seinen letzten Lebensjahren mit dem Kardinal über seine mögliche Schuld und Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Staates gesprochen habe, das sei durch einen Mitarbeiter des Erzbischofs belegt.

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Aufgegabelt

Datteln auf Mohnsamen-Toffee

Rezepte und Leckeres

 14.09.2026

Nachruf

Sie lehrte Israel das Träumen

Ada Yonath, Nobelpreisträgerin für Chemie, wurde durch ihre Forschung zum Ribosom berühmt

von Sabine Brandes  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026

Pink

»Ich wurde als Jüdin geboren«

Die amerikanische Sängerin reagiert auf Hass-Kommentare zu einem Repost

von Katrin Richter  14.09.2026

Fritz Busch

»Verräter raus!«

Vor 75 Jahren starb der Dirigent. 1933 vertrieben ihn die Nazis vom Pult der Sächsischen Staatskapelle

von Claudia Irle-Utsch  14.09.2026

Jubiläum

Filme für das Land der Täter: 80 Jahre CCC Filmkunst

1946 gründet der Holocaustüberlebende Artur Brauner die »CCC Filmkunst«. Sie wird zur erfolgreichsten unabhängigen Produktionsfirma im Nachkriegs-Europa, liefert Kassenschlager - und thematisiert immer wieder die Schrecken der NS-Zeit

von Gerhard Midding  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Streaming-Hit

»Nobody Wants This«: Staffel drei startet im Oktober

Diesmal ist auch die Comedienne und Schauspielerin Sarah Silverman beteiligt. Sie verkörpert Rabbinerin Eden

 14.09.2026