Porträt

Ein Jahrhundertleben

Margot Friedländer sel. A. Foto: picture alliance / photothek

Margot Friedländer wirkte am Ende sehr zart, zerbrechlich. Doch die kleine Frau stand kerzengerade fast bis zuletzt. Noch mit über 100 Jahren sprach die Holocaust-Überlebende in Schulklassen, mahnte auf Gedenkveranstaltungen - freundlich, geduldig, zäh. Sie erzählte von ihrer Familie, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde, von ihrem eigenen Schicksal im Konzentrationslager Theresienstadt. Am wichtigsten aber war ihr eine Botschaft: »Seid Menschen.« 

Noch am Mittwoch trat sie mit dieser wichtigen Botschaft öffentlich auf. Ihre Stimme war schon sehr schwach. Nun ist die Berliner Ehrenbürgerin mit 103 Jahren gestorben. 

Die Verfolgung und Entrechtung ihrer eigenen jüdischen Familie unter Adolf Hitler war ihr im Gedächtnis, »als ob es gestern wäre«, wie sie der Deutschen Presse-Agentur Anfang 2025 sagte. Sie gehörte zu den Letzten, die das alles erlebt hatten und selbst noch davon berichten konnten. 

Aber Margot Friedländer lebte im Jetzt. Die Spaltung der Gesellschaft in Deutschland und das Erstarken der Rechten wühlten sie auf. »Ich verstehe nicht sehr viel von Politik«, sagte sie in dem dpa-Interview. »Aber ich sage immer: So hat es damals auch angefangen. Seid vorsichtig. Macht es nicht.« 

Margot Friedländer wurde am 5. November 1921 in Berlin geboren. Damals hieß sie noch Bendheim. Ihre Eltern waren schon geschieden, als ihre Mutter Anfang der 1940er Jahre immer verzweifelter versuchte, mit ihren beiden Kindern aus Hitler-Deutschland herauszukommen. Unmittelbar vor der geplanten Flucht nach Oberschlesien wurde Margots Bruder Ralph 1943 von der Gestapo verhaftet. Die Mutter stellte sich, um ihren Sohn nicht allein zu lassen. Beide wurden später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Margot blieb zurück mit einem Satz ihrer Mutter, der später Titel ihrer Memoiren wurde: »Versuche, dein Leben zu machen.« Hinterlassen hatte die Mutter auch eine Bernsteinkette, die Margot dann ihr Leben lang trug. Und ein Notizbuch.

Die 21-Jährige hatte 16 Leute, die ihr beim Untertauchen in wechselnden Verstecken halfen. 15 Monate lang kam sie durch, dann ging es schief. Jüdische »Greifer«, die damals für die Nazis andere Juden aufspürten, erwischten sie auf der Straße. Sie wurde nach Theresienstadt deportiert - ein »Zwischenreich, nicht Leben, nicht Tod«.

Gegen Kriegsende sah sie das Elend der Menschen, die in den Wirren der letzten Tage aus Auschwitz kamen. Für sie wurde da gewiss: Sie würde ihre Mutter und ihren Bruder nie wiedersehen. Mit ihrem Mann Adolf Friedländer ging sie in die USA, wo sie in einem Kleidergeschäft und als Reiseagentin arbeitete. Mehr als 50 Jahre war er an ihrer Seite. »Wir hatten beide dasselbe erlebt, wir hatten beide dieselben Schmerzen, wir brauchten nicht darüber zu sprechen«, erzählte sie später. Ihr Mann starb 1997.

2003 kam Margot Friedländer erstmals wieder in ihre Heimatstadt zurück, auf Einladung des Berliner Senats und begleitet von Filmemacher Thomas Halaczinsky. Der drehte mit ihr den Film »Don’t Call It Heimweh«. Schon am ersten Tag habe sie wieder gefühlt, dass dies ihre Heimat sei, sagte Friedländer später. Mit Ende 80 zog sie zurück nach Berlin.

Ihr amerikanisches Umfeld war skeptisch. Die Deutschen sähen sie vielleicht nur als nette alte Lady und fühlten sich durch sie weniger schuldig, ist ein Einwand, den sie hörte. Margot Friedländer setzte sich darüber hinweg. Nie habe sie diese Rückkehr bereut, sagte sie. »Ich tue etwas, was Sie vielleicht komisch finden werden, aber ich bin - ich fühle mich als Deutsche.«

In ihrer neuen, alten Heimat bekam sie viel Aufmerksamkeit - viele hörten hin, wenn die alte Dame sehr eindrucksvoll erzählte. In ihrer Wohnung in einer Berliner Seniorenresidenz, wo sie mit ihrer sehr selbstbewussten Katze lebte, fanden die vielen Preise und Ehrungen kaum Platz. An den Wänden hingen Erinnerungsbilder mit Politikern, auf einem Tisch standen unter anderem der »Bambi« für ihren Mut und das gerahmte »Vogue«-Titelbild mit ihr.

Berlin machte sie zur Ehrenbürgerin, sie erhielt 2011 für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz. »Sie haben eine versöhnungsbereite Hand ausgestreckt, auf die niemand einen Anspruch hat«, sagte der damalige Bundespräsident Christian Wulff. Die späte Anerkennung tat ihr gut. »Ich habe gute Erfahrungen einerseits mit den Eltern, Erwachsenen, mit Kindern, mit Schülern gemacht«, sagte sie. »Mit Menschen.« 

Bis ins hohe Alter ging sie gern in die Oper, wenn Zeit blieb. Ihr Lieblingswerk: »Nabucco«, die Geschichte von der Gefangenschaft der Hebräer in Babylonien. Beim Gefangenenchor »Va, pensiero« sitze sie oft mit Tränen in den Augen, sagte sie einmal.

Friedländer hinterlässt vieles, vor allem aber ihre Botschaft von Versöhnung und Erinnerung. Im Alter von 101 Jahren gründete sie eine Stiftung zur Förderung von Freiheit und Demokratie. Diese soll die Aufklärungsarbeit an Schulen fortsetzen und auch den Margot-Friedländer-Preis verleihen. 

»Was war, können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen«, sagte Friedländer dazu. »Nie wieder soll auch nur einem Menschen das zugefügt werden, was damals mit Menschen gemacht wurde, weil Menschen nicht als Menschen anerkannt wurden.«

An der Skalitzer Straße 32 in Berlin-Kreuzberg erinnern Stolpersteine an den Bruder Ralph und ihre Mutter Auguste Bendheim. Auch Margot hat dort einen Stein. Darauf ist die Deportation nach Theresienstadt erwähnt. Darunter steht: »überlebt«.

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