Musik

Ein Herz für Wagner

Bei Wagner hört die Freundschaft auf: Vereinsgründer Jonathan Livni (r.) mit seinem Kollegen und Widersacher Mosche Pardes Foto: dpa / (M) Frank Albinus

Zugegeben, Richard Wagner war ein abscheulicher Mensch», meint Jonathan Livni. «Aber Gott hat ihn mit dem Talent begnadet, einzigartige Musik zu schreiben.» Im vergangenen Jahr war der Jerusalemer Anwalt und bekennende Wagner-Fan sechs Mal im Ausland, nur, um Aufführungen seines Lieblingskomponisten zu hören. In Israel ist das nicht möglich. Dort ist der Meister aus Bayreuth tabu. Das soll jetzt ein Ende haben. «Ich bin es überdrüssig, zu Konzerten in die ganze Welt zu reisen. Ich will, dass Wagner in Tel Aviv gespielt wird», sagt der 60-Jährige. Livni hat deshalb einen Verein gegründet, der dafür sorgen will, dass die Musik Wagners im Judenstaat wieder öffentlich aufgeführt werden kann.

symbol Das letzte Mal offiziell gespielt wurde Wagner im damaligen Palästina 1938 . Dann kam die Pogromnacht. Seither ist der Lieblingskomponist Adolf Hitlers in Israel verpönt. Gelegentlich gab es unangekündigte Aufführungen wie im Jahr 2001, als Daniel Barenboim bei einem Konzert als Zugabe die Ouvertüre zu Tristan und Isolde spielte. Es kam zu Aufruhr im Konzertsaal, Schlagzeilen in den Medien und einer erregten Debatte in der Knesset.

Nicht nur Wagners Musik war einst in Israel geächtet. Lange Jahre gab es wegen der Schoa einen umfassenden Boykott deutscher Waren. Doch der gehört längst der Vergangenheit an. Die Lufthansa ist heute die größte ausländische Fluggesellschaft im Land, Mercedes oder BMW zu fahren gilt als Statussymbol, Berlin ist eines der beliebtesten Reiseziele. Auch Werke von Richard Strauss, immerhin Leiter der Nazi- «Reichsmusikkammer», sind wieder auf dem Spielplan israelischer Orchester zu finden. Nur Wagner steht noch auf dem Index. Zu Recht, meint Uri Hanoch, Holocaustüberlebender und Mitglied im Beirat der Oper in Tel Aviv: «Wagner ist eine andere Liga, er ist ein Symbol.» Und der 83-Jährige fügt hinzu: «Wagner in Israel – nur über meine Leiche!»

Jonathan Livni dagegen ist überzeugt, dass man zwischen dem Komponisten als Person und seinen Werken unterscheiden muss. «Wir wollen nicht Wagners politische Anschauungen hören, sondern seine Musik. Zumal Wagner beileibe nicht der einzige Judenhasser unter den großen Komponisten war. »Warum spielen wir Chopin, der ebenfalls ein virulenter Antisemit war, wie so viele Musiker des 19. Jahrhunderts?« Der Boykott, meint der Anwalt, führe zu musikalischem Banau-sentum: »Wie kann man Gustav Mahlers Arbeit verstehen, wenn man nie Wagner gehört hat?«

streit Mehr als 100 Israelis sind innerhalb einer Woche dem neuen Verein beigetreten. »Ich habe hauptsächlich positive Reaktionen bekommen, auch aus dem Ausland bietet man mir Hilfe an«, stellt Livni zufrieden fest. Aber er bekommt auch Schmäh- und Drohbriefe. Das hält den Anwalt nicht davon ab, seine Pläne für Wagnerkonzerte weiter zu verfolgen. Auch ein großes Symposium über den Komponisten steht auf seiner Wunschliste. Wobei Livni mit äußerster Vorsicht vorgeht, »damit mein Vorhaben nicht zu Fall gebracht werden kann«.

Die Konzerte sollen keinesfalls im Rahmen fester Orchesterabonnements stattfinden, damit niemand sagen könne, man habe ihn gezwungen, Wagner zu hören. Aus demselben Grund sollen auch nur Musiker spielen, die sich freiwillig dazu melden. Konzertsäle will man aus eigenen Mitteln und mit Spenden anmieten, nicht mit öffentlichen Geldern.

Um Gegner seines Vorhabens zu finden, muss Livni nicht weit gehen. Im Büro nebenan arbeitet sein langjähriger Partner Mosche Pardes: »Jonathan begeht einen gravierenden Fehler. Was er macht, ist nationale Selbsterniedrigung«, sagt der orthodoxe Jurist. »Wir sind 65 Jahre ohne Wagner ausgekommen. Es gibt genug andere Komponisten.«

mythen Das meint auch Rechtsanwalt Jacob Westschneider, der den Verein der Holocaustüberlebenden vertritt. Für den Sohn von Schoaüberlebenden ist der deutsche Komponist die Inkarnation des Bösen: »In seiner Schrift Das Judenthum in der Musik forderte Wagner den ›Untergang‹ der Juden. Er war der Wegbereiter für die Vernichtungsideologie der Nazis. Und jetzt setzen sich Juden für ihn ein. Absurd!« Kollege Livni könne Wagner zu Hause hören, so viel er wolle.

»Aber ein Verein, der sich für öffentliche Auftritte einsetzt, sollte verboten werden.« Westschneider konnte schon mehrmals juristisch verhindern, dass Wagner in israelischen Konzertsälen oder im Radio gespielt wird. »Ausgerechnet wir müssen einen Komponisten für koscher erklären, dessen Kompositionen Hunderttausende Juden auf ihrem letzten Weg zur Gaskammer hörten?«, fragt der Jurist rhetorisch und wiederholt einen Mythos, der in Israel weit verbreitet ist.

»Wagner wurde in den KZs nie gespielt«, erwidert Livni, dessen Vater selbst mehrere Lager nur knapp überlebt hatte und dennoch ein Wagner-Liebhaber war. Von ihm hat der Sohn die Liebe zu dem deutschen Komponisten geerbt. »Wagner zu boykottieren, war von Anfang an ein Fehler, wie jeder Boykott ein Fehler ist. Es ist an der Zeit, unsere nationalen Mythen zu überprüfen. Wenn die Ächtung Wagners die einzige Lehre und der einzige Konsens aus dem Holocaust bleibt, dann ist es um uns sehr schlecht bestellt.«

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