»The Only Living Pickpocket in New York«

Ein Dieb aus Liebe

Wie viel Stellen hat diese Telefonnummer? Neun? Und die kann sich jemand merken? Der junge Mann irgendwo in der Nähe der New Yorker Louis Avenue ist ziemlich perplex, als er die Zahlen, die ihn der Typ mit Leichtigkeit aus dem Kopf diktiert, in sein Smartphone tippt. Wow. Der muss wirklich old school sein, der sich eine Festnetznummer merken kann. Mehr noch: Der ein Festnetz hat. Der einen Stift und einen Zettel nimmt, um eine Notiz zu hinterlassen, der eine Uhr zum Aufziehen hat.

Und dieser Typ ist nun einmal Harry Lehman, gespielt von John Turturro. Schlank, grau-melierte, lockige Haare, schwarze Hose, schwarzer Pulli. Er trägt einen langen Mantel in Salz-und-Pfeffer-Optik und hat einen schlacksig-forschen Gang. Harry wohnt in der Bronx, seine besten Zeiten als Portemonnaie-Dieb scheinen hinter ihm zu liegen, aber er kennt die sichersten Tricks, stiehlt geräuschlos und sauber, präzise, geht aber meistens leer aus. 

Ein analoger Held in einer digitalen Welt

Nicht jedoch an diesem Tag. Denn unwissentlich hat er einen ganz großen Fisch an der Angel und ihm bleiben nur noch wenige Stunden, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber wie soll ihm das gelingen, als analoger Mensch in einer digitalen Welt?

Harry Lehman ist der Held in Noah Segans Film The Only Living Pickpocket in New York, der am Freitagabend auf der Berlinale Premiere haben wird. Er wohnt im Apartment 612 (sic!), mit Mesusa an der Tür. Welches Ge-oder Verbot gilt nicht für ihn?

Seine Rosie ist auf Pflege angewiesen, er wechselt Katheter, bereitet Flüssignahrung zu, liest ihr vor, er macht ihr klassische Musik im Radio an, bevor es ihn für ein paar Stunden in die Nacht treibt auf der Jagd nach gut gefüllten Geldbörsen.

Es ist ein Film aus Liebe an ein New York, das es nicht mehr gibt. Das, in dem sich Nachbarn noch kannten und halfen. Das, in dem Dinge noch mit dem eigenen Verstand, Auge und Wissen beurteilt wurden. Harry, der für all das steht, hat es schwer in dieser digitalen Version des digitalen Big Apple.

Aber Harry hat das Publikum auf seiner Seite. John Turturro spielt diesen quirkig-romantischen Taschendieb mit so viel Lässigkeit und Verletzlichkeit, dass es schwer fällt, ihn nicht zu lieben. Und auch sonst wartet der Film mit einigen Klassikern auf: Steve Buscemi als Ben, Inhaber eines Eckladens für Harrys Diebesgut, Jamie Lee Curtis als Moira, the Boss im Auto. Auch die jungen Darsteller -Will Price, Victoria Moroles oder Tatiana Maslany- sind in ihrer Entschlossenheit einfach überzeugend. Trotzdem ist es John Turturro, dem man viel länger als 88 Minuten, die der Film dauert, beim Fahren, Laufen, Spazieren, in der U-Bahn-Sitzen durch New York, zuschauen möchte. 

Noah Segan hatte als Teenager mal eine Rolle in »Eine schrecklich nette Familie«

Für Sagan, dessen Großvater der amerikanische Fotograf Arthur Rothstein war und dessen Onkel, Bob Stone, mit Bob Dylan Musik machte, ist es nach Scare Package und dem selbstironischen Vampir-Road-Trip-Movie Blood Relatives, der dritte Film als Regisseur. Die Internet Movie Database (IMDB) listet noch eine ganze Reihe Auftritte als TV-Schauspieler, darunter auch als Teenager in der Comedy-Serie der 90er Eine schrecklich nette Familie.

Vielleicht ist das alles Schnee von gestern und nur Übung für das, was noch kommen wird. Mit The Only Living Pickpocket in New York ist Segan ein Film gelungen, der mit viel Szenenhumor, Überraschungen und auch tiefer Melancholie Abschied von den richtigen Typen nimmt, über die man einmal sagen wird »die waren New York; und außerdem konnten sie sich Telefonnummern merken«.

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