Roman

Dreyfus für Dummies

Zurück von der Teufelsinsel: Alfred Dreyfus nach seiner Rehabilitierung 1906 Foto: dpa

Am 4. Januar 1895 wird der französische Hauptmann im Generalstab Alfred Dreyfus wegen Landesverrats zu öffentlicher Degradierung, Entlassung aus der Armee und lebenslangerHaft auf der berüchtigten Teufelsinsel verurteilt. Der Prozess ist eine Farce. Nicht nur, weil Alfred Dreyfus unschuldig ist, sondern vor allem, weil seine Ankläger und Richter dies wissen.

Die Beweise gegen ihn sind gefälscht. Dreyfus wurde Opfer eines antisemitischen Furors, der Frankreich ein Vierteljahrhundert nach der Demütigung durch Preußen im Krieg von 1870/71 schüttelte. Weltberühmt wurde Emile Zolas pathetischer Aufruf J’accuse, der nach langem juristischen Tauziehen letztendlich 1906 zur vollständigen Rehabilitierung von Dreyfus führte.

Picquart Der britische Autor Robert Harris hat die Dreyfus-Affäre zu einem Roman verarbeitet, der deutsch unter dem Titel Intrige erschienen ist. Der Held des Buchs, Major, später Oberstleutnant, Marie-Georges Picquart – eine historische Gestalt wie fast alle Hauptfiguren des Romans –, steht am Anfang fest auf der Seite des militärischen Establishments, antisemitisch eingestellt ist er zudem.

Harris lässt Picquart im Zuge der Handlung nun Schritt für Schritt herausfinden, wie heimtückisch und abgefeimt Dreyfus ruiniert wurde, wie diese Manöver der Militärführung dienten und von ihr erst gedeckt, dann aktiv mitbetrieben wurden. Picquart entwickelt peu à peu ein Gewissen und versucht, seine Vorgesetzten auf die politische Schädlichkeit ihres Handelns im Sinne einer höheren, moralisch einwandfreieren Staatsräson hinzuweisen.

Als er damit nicht weiter und sogar in Lebensgefahr kommt, wendet er sich an die Öffentlichkeit. Er wird zum »Whistleblower« und zum Helden, der letztendlich alles Material herbeischafft, um die Affäre Dreyfus gut enden zu lassen.

Erinnern wir uns mal gerade ein bisschen: Mit gefälschten und manipulierten Geheimdienstinformationen täuschte die Bush-Administration die Weltöffentlichkeit. Verteidigungsminister Colin Powell log mit derselben Verve wider besseres Wissen wie Kriegsminister Mercier hier im Roman. Im Buch basiert die Verurteilung von Dreyfus hauptsächlich auf höchst geheimen Informationen des militärischen Geheimdienstes, die allein den Militärrichtern vorgelegt werden, noch nicht einmal den Verteidigern, und für deren Wahrheitsgehalt nur die Befehlskettenautorität der Militärs garantiert.

So ähnlich darf man sich auch das Zustandekommen der Tötungsbefehle für missliebige Subjekte vorstellen, die die Obama-Administration dann durch Drohnen auf dem militärischen Dienstweg exekutieren lässt. Und wenn man noch antisemitische durch antiislamische Stimmung austauscht, dann sehen wir den Blueprint des Romans überdeutlich.

zola Sehr subtil ist das nicht. Wenn auch Harris’ Spezialität. In seinen Romanen wird Geschichte nicht entlang der historischen Parameter der jeweiligen Zeit erzählt, sondern die Vergangenheit ist ein detailgenaues Abbild des Hier und Heute. So auch in Intrige. Zolas J’accuse spielt bei Harris nur eine Nebenrolle. Picquart, der anachronistische Edward Snowden jener Tage, Spion und Verräter für die einen, Offizier und Gentleman für die anderen, erringt einen Sieg, den das System am Ende belohnt: Er wird Kriegsminister.

Harris’ Umakzentuierung hat auch Implikationen für die Gegenwart: Historisch war J’accuse ein wichtiger Moment im »Strukturwandel der Öffentlichkeit«, das von Intellektuellen angeführte Durchsetzen zivilgesellschaftlicher Standards gegen eine zentralistisch-feudalistische, militaristische und klerikale Gesellschaft. According to Harris spielen solche Gestalten kaum noch eine Rolle – die Intellektuellen sind marginal geworden; die Spezialisten in den Apparaten haben die Macht.

Auch der klerikale Aspekt, der aufs Engste mit dem Antisemitismus der Affäre zu tun hat, fällt bei Harris unter den Tisch. Wenn man Zolas Text liest, sieht man, wie präzise er genau auf diese realpolitischen Aspekte eingeht, während bei Harris der Antisemitismus eher als waberndes »So sind sie halt, die Franzosen«-Feeling in der Kulisse erscheint.

So muss Harris bei aller Versicherung, er habe archivweise Akten studiert und schöne neue Erkenntnisse gewonnen, die historischen Gegebenheiten fleißig verbiegen und verbeulen, damit sie passend für seine Aktualisierungen werden. Vermutlich deshalb liest sich der Roman streckenweise wie ein Schulfunkmanuskript, bei dem man didaktisch immer den »aktuellen Bezug« unterstreicht, damit auch wirklich jeder folgen kann.

Robert Harris: »Intrige«. Deutsch von Wolfgang Müller. Heyne, München 2013, 622 S., 22,99 €

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026