»Rituelle Distanz«

Diplomatischer Urknall

Keine Viertelstunde dauerte die Zeremonie, aber nach Feiern war wohl niemandem zumute. Als am 10. September 1952 im Hochzeitssaal des Luxemburger Stadtpalais die Vertreter des Staates Israel sowie der Claims Conference auf der einen und die deutsche Delegation mit Bundeskanzler Konrad Adenauer an der Spitze auf der anderen Seite des Tisches Platz nahmen, um das als »Wiedergutmachungsabkommen« in die Geschichte eingegangene Vertragswerk zu unterzeichnen, herrschte eine äußerst frostige Atmosphäre.

Geradezu spürbar wird diese auf dem hinlänglich bekannten Foto, welches die beiden sich gegenüber sitzenden Gruppen der Protagonisten zeigt, die sich nicht nur anschweigen, sondern offensichtlich auch bemüht sind, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden.

»Es schien, als laste über der Begegnung die Aura eines Banns«, bringt es Dan Diner auf den Punkt. »Von den Deutschen war Abstand zu halten«, so der in Jerusalem lehrende Historiker, der bis 2014 auch dem renommierten Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig als Direktor vorstand. Dieser Abstand wurde durch Bezugspunkte aus dem historischen wie auch dem religiösen Arsenal jüdischer Erinnerungen gespeist und in mitunter drastische Worte gefasst.

Bann »Herem«, zu Deutsch »Bann«, lautet in diesem Kontext denn auch das erste und zugleich zentrale Stichwort, auf das sich Diner bezieht. Im kollektiven jüdischen Gedächtnis rückte Deutschland damit in die Nähe des frühneuzeitlichen Spanien, das sich in der Inquisition ebenfalls seiner Juden entledigt hatte. Doch genauso wie über die Iberische Halbinsel, so hatten auch über Deutschland die rabbinischen Autoritäten wohl niemals explizit eine derartige Ächtung ausgesprochen.

Sehr wohl ist aber eine Profanisierung dieses ursprünglich sakralen Begriffs zu beobachten. Gemeint war fortan das, was in der modernen Sprache unter einem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Boykott zu verstehen ist und bereits in Ansätzen seit dem Frühjahr 1933 gegen Deutschland in Stellung gebracht wurde, als Juden – wenn auch aus den verschiedensten Gründen erfolglos – als Reaktion auf die antisemitische Politik der Nazis weltweit Sanktionen durchzusetzen versuchten.

Nach 1948 betraf diese Ächtung einige Jahre lang sogar Juden selbst, als der World Jewish Congress ein Verbot ihrer Niederlassung im Nachkriegsdeutschland erlassen hatte. Auch auf den ersten israelischen Reisepässen fand sich das Zeichen des »Herem«. So war auf ihnen zu lesen, dass dieses Dokument für alle Staaten gelten sollte – außer für Deutschland. Aber bereits diesem Prozedere haftete etwas Provisorisches und Unentschiedenes an, war doch der Ausschlussvermerk nur aufgestempelt und nicht in das Druckverfahren des Dokuments integriert.

dilemma
Das Luxemburger Abkommen stellte die israelische Politik und ihre Akteure deshalb vor folgendes Dilemma: »Die Aura des gegen Deutschland gerichteten Banns aufrechtzuerhalten und zugleich aus Staatsräson deutsche Reparationen zu erwirken.« Das schien, wie sich an der Quadratur des Kreises zu versuchen. In den mitunter sehr emotional geführten Debatten verloren im Vorfeld alte ideologische Grenzlinien ihre Bedeutung. Gegner und Befürworter stammten aus allen politischen und religiösen Parteien und stritten darum, ob die Annahme des »Blutgeldes« in irgendeiner Form moralisch zu legitimieren sei oder nicht.

Doch weniger schien die von der israelischen Regierung angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage des Landes erklärte Bereitschaft, Reparationen anzunehmen, das Problem zu sein. »Eher war es der geradezu als Sakrileg empfundene Umstand, dass die shilumim mittels Verhandlungen und unmittelbarem physischen Kontakt zu erwirken wären«, fasst Diner zusammen. Gerade die dringend benötigten Sachleistungen in Form von Maschinen oder Fahrzeugen ließen die Gegner eine Situation heraufbeschwören, in der deutsche Experten ins Land kommen würden, um Israelis an deren Handhabung anzulernen, oder gar umgekehrt Israelis zu Trainingszwecken nach Deutschland reisen müssten.

Staatsgemäss Doch trotz aller gewollten Distanz von israelischer Seite: Diner verweist auf ein ganz zentrales Moment, das der Zeremonie zugrunde lag und dessen Dimensionen sich alle Beteiligten damals wohl kaum bewusst waren. »Mit der Unterfertigung des Wiedergutmachungsabkommens zwischen Deutschland und dem Staate Israel war so etwas wie ein Gründungsakt erfolgt.« Indirekt ging es nicht allein um eine finanzielle »Wiedergutmachung«, so der reichlich unglückliche Begriff der deutschen Seite.

Vielmehr resultierte aus den Verhandlungen die Anerkennung der Juden als ein politisches Kollektiv sowie eine gewandelte Selbstwahrnehmung, die sich bereits in den Debatten im Vorfeld ankündigte. So attestierte Pinchas Rosen, Israels langjähriger Justizminister, den Gegnern von Entschädigungsleistungen, allen voran Menachem Begin, in den Begrifflichkeiten einer vergangenen diasporischen Welt zu argumentieren, und forderte sie auf, endlich »staatsgemäß zu handeln«.

Diners Verdienst ist es, in seinem Buch in sprachlich ungewohnt luzider Form auf bisher verborgen gebliebene mentale Tiefenschichten in der Historie der israelischen Gesellschaft aufmerksam zu machen, deren Kenntnis für ein umfassendes Verständnis dieses »Urknalls« in den deutsch-israelischen Beziehungen einfach unerlässlich ist.

Dan Diner: »Rituelle Distanz – Israels deutsche Frage«. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, 176 S., 19,99 €

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026

Bremen

Philosophin Lea Ypi erhält Hannah-Arendt-Preis 2026

Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi erhält den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken 2026. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Dezember im Bremer Rathaus verliehen

 26.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  26.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Nachruf

Wie Dolly Parton zur Ikone wurde

Die Country-Legende Dolly Parton ist tot. Dass sie zu einem weltweit verehrten Star wurde, lag auch an ihren jüdischen Freunden und Geschäftspartnern

von Sophie Albers Ben Chamo  26.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 26.08.2026 Aktualisiert

Kommentar

Unpolitisch war gestern

Der ESC unterliegt künftig neuen Regeln für Krisenstaaten, Israel kann nach wie vor am Wettbewerb teilnehmen. Noch ist das keine Lex Israel. Aber der Eindruck entsteht

von Nicole Dreyfus  26.08.2026