Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Einer hat schon, die anderen noch nicht: Lionel Messi, Jamal Musiala und Cristiano Ronaldo (v.l.) Foto: picture alliance (Montage)

Es war Moritz. Moritz Rajber. Der erste Jude aus Deutschland, ein deutscher Jude, ein jüdischer Deutscher oder vielleicht einfach der bayerischste Jude und der jüdischste Bayer, der die deutsche Fahne bei der Maccabiah durch die Straßen Israels trug. Er war es, der uns bei Maccabi München neben der Liebe zum Fußball auch die Liebe zum Singen schenkte.

Wir waren neun, zehn oder elf Jahre alt. Moritz sammelte uns in seinem Kombi in Schwabing, Bogenhausen und anderen Münchner Stadtteilen ein. Ob die Zahl der Mitfahrer den Vorschriften entsprach, interessierte ihn ebenso wenig wie uns. Zweimal in der Woche, manchmal auch sonntags, brachte er uns zum Training oder zu Spielen.

Damit entlastete er unsere Eltern, die wie die seinen Überlebende der Schoa aus Polen waren, und gab uns etwas weiter, das ihm wichtig war: die Liebe zu Fußball und Maccabi.

Wir verloren meistens. Nicht selten zweistellig. Aber das spielte kaum eine Rolle. Denn eigentlich ging es um etwas anderes: um Gemeinschaft.

Für uns Kinder der 70er- und 80er-Jahre, deren Eltern die Narben der Schoa mit sich trugen, war Maccabi weit mehr als ein Sportverein. Maccabi war Zugehörigkeit, Freundschaft und jüdische Selbstverständlichkeit.

Fußball und Weltmeisterschaften waren ein eigenes Faszinosum.

Vielleicht begann dort meine eigentliche Fußballgeschichte – nicht auf dem Spielfeld, sondern auf der Rückbank von Moritz Rajbers Kombi.

Fußball und Weltmeisterschaften waren ein eigenes Faszinosum. Meine ersten Erinnerungen führen zurück zur Weltmeisterschaft 1974 in München. Dazu gehörten auch belgische Cousins, die eigens gekommen waren, um Deutschland verlieren zu sehen.

Das konnten wir durchaus nachvollziehen. In vielen jüdischen Familien jener Zeit war das Verhältnis zu Deutschland kompliziert. Die Vergangenheit war zu nah.

Auch die Besuche im Olympiastadion oder im Sechzger-Stadion faszinierten uns. Die Gesänge der Fans erinnerten mich manchmal an die Hakafot an Simchat Tora. Natürlich war der Anlass ein anderer, doch das gemeinsame Singen, das Anstimmen und Mitnehmen der anderen hatte etwas Vertrautes. Einer begann, die anderen fielen ein. Aus vielen Einzelnen wurde eine Gemeinschaft.

Fußball ist das Lagerfeuer der globalen Welt geworden.

Später kam die Alija nach Israel. Dort begegnete mir die Fußballbegeisterung erneut. Bei Welt- und Europameisterschaf­ten traf man sich am Strand von Tel Aviv, in Pubs oder bei Freunden. Fußball war überall präsent und schuf Gemeinschaft, auch unter Menschen, die sich sonst kaum dafür interessierten. Das wird auch bei der diesjährigen Weltmeisterschaft wieder so sein, die diese Woche beginnt und in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen wird.

Besonders in Erinnerung blieb mir die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Ich war wenige Stunden zuvor aus Tel Aviv in München angekommen. Es war Freitagabend, Schabbat stand bevor. Auf dem Weg durch Schwabing fiel mir etwas auf, das ich aus meiner Kindheit nicht kannte: deutsche Fahnen an Fenstern und Balkonen.

Dann fiel das erste deutsche Tor.

Plötzlich hallte aus Dutzenden Fenstern ein lang gezogenes »Deutschlaaaand!« durch den Stadtteil. Ich blieb stehen. Nicht wegen des Tores, sondern wegen des Jubels. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass diese Fahnen nicht für Ausgrenzung standen, sondern für Zugehörigkeit.

Heute scheint es, dass die eigentliche Kraft des Fußballs nicht in den Toren liegt. Sie liegt in der Kraft der Gemeinsamkeit.

Im gemeinsamen Hoffen, Mitfiebern und Leiden. Fußball ist das Lagerfeuer der globalen Welt geworden. Menschen versammeln sich darum, erzählen Geschichten, singen dieselben Lieder und erleben für einen Augenblick etwas, das größer ist als sie selbst.

Geblieben ist das Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit.

Vielleicht erklärt das auch die Faszination der Hakoah Wien. Der SC Hakoah, hebräisch für »Kraft«, war vor der Schoa weit mehr als ein Sportverein. Er war Heimat, Schutzraum und Ausdruck jüdischen Selbstbewusstseins. Auf seinen Tribünen verschwanden soziale Unterschiede. Für die Dauer eines Spiels wurde eine gemeinsame Sprache gefunden.

Nicht das Ergebnis allein hielt die Menschen in seinem Bann. Es war das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Dasselbe Gefühl begegnete mir bei Maccabi München in Moritz Rajbers Kombi, in den Gesängen der Stadien, beim Public Viewing in Tel Aviv und in den Straßen Schwabings während der Weltmeisterschaft 2006.

Die Farben wechselten. Die Mannschaften wechselten. Die Länder wechselten. Geblieben ist das Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit. Die Kraft des Fußballs ist nicht seine Macht über den Ball. Seine Kraft ist die Macht, Gemeinschaft zu schaffen. Und vielleicht ist genau das die Bedeutung eines Wortes, das mich von Maccabi München über Tel Aviv bis zur Geschichte der Hakoah Wien begleitet hat:

Hakoach. – Die Kraft.

Der Autor ist Historiker und lebt in Wien und Tel Aviv.

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