Essay

Die Entzauberung der Welt

Musikanten eröffnen den Hochzeitszug für den Sohn des Wunderrabbis von Bobowa (Polen, um 1930). Foto: dpa

Gottesdienste sind mittlerweile unter strengen, vom Staat kontrollierten Auflagen wieder erlaubt. Beter dürfen Synagogen, Kirchen und Moscheen besuchen, im öffentlichen Gebet und in Predigten Trost und seelischen Zuspruch in Zeiten der Corona-Pandemie finden. Doch in dieser Krise zeigt sich auch so deutlich wie nie zuvor, was Max Weber schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts treffend als »die Entzauberung der Welt« beschrieben hat.

Diesen schleichenden Prozess, der schon in der Aufklärung einsetzt, hat der berühmte deutsche Soziologe auf folgende Formel gebracht: »Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als solche.«

Diese absolute Dominanz des Rationalen und des Glaubens an die technische Machbarkeit erfahren auch jüdische Gemeinschaften in diesen Tagen. In New York leitete kürzlich Bürgermeister Bill de Blasio persönlich eine Polizeiaktion gegen eine Beisetzungsfeier in Williamsburg. Dort waren Hunderte von Chassidim zusammengekommen, um ihrem Rabbiner Chaim Mertz, der aufgrund seiner Gelehrsamkeit und spirituellen Autorität als Admor (deutsch: »unser Herr, Lehrer und Meister/Rabbiner«) verehrt wurde, das letzte Geleit zu geben. Er war im Alter von 73 Jahren an Covid-19 verstorben. Der Infektionsschutz allerdings kennt nun einmal keine Ausnahmeregelungen für Religionsgemeinschaften, die ihre Toten traditionsgemäß bestatten wollen.

OSTJUDEN Undenkbar ist heute, was sich noch vor gut 100 Jahren auf einem anderen New Yorker Friedhof zur Zeit der Spanischen Grippe, an der weltweit mehr als 50 Millionen Menschen starben, abspielte: eine shvartse chasene (eine schwarze Hochzeit). Auch in der Neuen Welt lebte nämlich in chassidischen Gemeinden ein wunderlicher Brauch weiter, den Ethnografen bereits im 19. Jahrhundert im jüdischen Ansiedlungsrayon im Zarenreich beobachtet hatten. Dort prägten in einem uns heute kaum noch vorstellbaren Maße magische Vorstellungen Religion und Alltag der Ostjuden. Der jüdische Historiker Simon Dubnow sprach 1891 in diesem Zusammenhang von einem weitgehend unerforschten »schwarzen Kontinent«, den Volkskundler und Ethnografen noch beschreiben müssten.

Nach der Hochzeit auf dem Friedhof soll die Epidemie sogleich erloschen sein.

Immer noch wenig bekannt ist, dass der Autor des berühmten jiddischen Theaterstücks Der Dybukk, Salomon An-Ski (eigentlich Shlomo Sanwel Rappoport), zwischen 1912 und 1914 mehrere von dem Pariser Unternehmer Vladimir de Gunzburg finanzierte Expeditionen in diese »dunkle«, im Westen fast unbekannte jüdische Lebenswelt Russlands unternahm. Vorher hatte er einen umfangreichen Erhebungsbogen erstellt, der unter anderem auch zahlreiche Fragen zum Umgang mit Krankheiten und Seuchen enthielt. Die Frage Nr. 1641 lautete beispielsweise: Welche Heilmittel und speziellen Bräuche kommen bei gefährlichen Krankheiten zur Anwendung? Eine dieser besonderen Praktiken aus dem weiten Feld der »religiösen Medizin« war, wie später andere Forscher herausgefunden haben, die erwähnte Schwarze Hochzeit.

Ein solches Ereignis wird uns unter anderem aus einem der größten Schtetl Polens berichtet. In Opatów (jiddisch Apt genannt) lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts ungefähr 5000 Juden (mehr als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung). Bekannt war die Kleinstadt nicht nur wegen ihrer großen jüdischen Gemeinde, sondern vor allem durch zwei dort in der Vergangenheit tätige beziehungsweise geborene rabbinische Autoritäten: Rav Avraham Yehoshua Heschel (Apter Rebbe), eine zentrale Figur im frühen Chassidismus, sowie Rav Yechezkel ben Yehuda HaLevi Landau, einer der führenden jüdischen Rechtsgelehrten des späten 18. Jahrhunderts. Als dort im Jahr 1892 wieder einmal die gefürchtete Cholera besonders schlimm wütete, wandten sich, wie das Memorbuch festhielt, führende Gemeindemitglieder an ihren wegen seiner Gelehrsamkeit und Weisheit verehrten Rabbiner.

Man flehte ihn an, zum Allmächtigen zu beten, auf dass er sein Volk nicht weiter mit dieser schrecklichen Seuche strafe. Doch der Rabbi soll den Rat gegeben haben, auf dem Friedhof eine arrangierte Hochzeit zu feiern, damit die dort Begrabenen die Fürbitte unterstützten. Der Bräutigam müsse zudem arm sein, damit man ihm mit der Ausrichtung der Hochzeit eine Mizwa erweisen könne. Denn Wohltätigkeit, so hatte es bereits der Enkel des Begründers des Chassidismus, Rabbi Menachem Mendel, 1827 während einer Epidemie in Orscha (heute Weißrussland) mit Verweis auf die Sprüche Salomons (10,2) empfohlen, könne Gottes Zorn besänftigen.

SCHTETL Der Schadchan, den man mit der Vermittlung eines würdigen Kandidaten beauftragte, stieß alsbald in Apt auf einen armen Junggesellen, für dessen Unterhalt die Gemeinde sorgte, indem sie ihm unter anderem mit der Reinigung der Mikwe ein wenig Geld zu verdienen gab. Die passende Braut war ebenfalls rasch gefunden: eine Vollwaise, die bei einer reichen Familie für Kost und Logis im Haushalt half. Überall im Schtetl machte man die umgehend auf dem örtlichen jüdischen Friedhof anberaumte Hochzeitsfeier bekannt. Wo normalerweise Trauerkleidung getragen wurde, feierte die ganze Gemeinde eine shvartse chasene, sang und tanzte, wie es bei jüdischen Hochzeiten der Brauch ist. Nach dem ungewöhnlichen Fest soll die Epidemie sogleich erloschen sein. Auch für andere jüdische Gemeinden, darunter das Schtetl Olyka im Ansiedlungsrayon, das An-Ski auf seiner ethnografischen Expedition kurz vor dem Ersten Weltkrieg besucht hatte, sind solche Beispiele apotropäischer Riten überliefert.

Die Haskala bewirkte, dass weltliche Ideen gegen Seuchen befürwortet wurden.

Andernorts hingegen führte die jüdische Aufklärung, die Haskala, dazu, dass nicht nur Reformrabbiner eher weltliche Maßnahmen gegen Seuchen befürworteten. Als 1830/31 erstmals die Cholera Europa heimsuchte und auch jüdische Gemeinden aufgrund der beengten Wohnverhältnisse besonders hohe Opferzahlen verzeichneten, wurde einer der damals führenden jüdischen Rechtsgelehrten, Rabbi Akiva Eger, von dem Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts in Pleschen (polnisch: Pleszew) um Rat gefragt. Es ging darum, wie man es mit größeren Ansammlungen, etwa zum gemeinsamen Gebet in der Synagoge, halten solle. Sein rabbinisches Gutachten sah folgende Regelung vor, die uns heute sehr modern vorkommt: Die Teilnahme am Morgen- und Nachmittagsgottesdienst sollte zeitlich so gestaffelt werden, dass nicht mehr als 15 männliche Personen gleichzeitig in der Synagoge beten. Bei einem zu großen Zustrom an Betenden dürfe man sogar einen Polizisten zur Überwachung anfordern (Igrot Rabbi Akiva Eger 71).

Diese Verhaltensanweisung brachte ihm nach Abflauen der Epidemie ein hohes Lob seitens der lokalen Gesundheitsbehörden ein. Außerdem enthält sein bemerkenswertes Responsum noch Ratschläge zur Gesunderhaltung, die durchaus nicht einer gewissen Aktualität entbehren: »Man sei reinlich und lasse nicht zu, dass sich Schmutz und Dreck im Haus sammle. Das bedeutet auch, mehrmals die Woche ein frisches und sauberes Gewand anzuziehen. Man gebe sich nicht der Sorge hin und halte allerlei Formen der Trübsal von sich fern; man gehe nicht des Nachts in der Stadtluft umher, aber mittags bei Sonnenlicht ist es gut, auf den Feldern zu spazieren und Frischluft zu schöpfen. Morgens öffne man die Fenster, dass Luft in die Zimmer gelange.«

VORWÜRFE Ein amtliches Lob für Juden wegen ihres vorbildlichen Verhaltens in Seuchenzeiten war damals eine absolute Ausnahme. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war es weitaus häufiger, dass gerade die ostjüdische Bevölkerung von den Medizinalbehörden in Europa, aber auch in den USA, als Überträger der Cholera verdächtigt wurde. Alte Vorurteile wurden geschürt. Bereits im 18. Jahrhundert verdächtigte man nicht nur in Preußen die »Betteljuden«, die Pestilenz einzuschleppen. In Seuchenzeiten braucht es, wie schon der berüchtigte »Brunnenvergiftervorwurf« gegen die Juden während des Schwarzen Todes 1384/49 gezeigt hatte, »Sündenböcke«. Und das waren und sind fast immer Arme und Fremde. Im Falle der jüdischen Bevölkerung kam häufig beides zusammen.

In Amsterdam waren Juden während der Cholera häufiger erkrankt als Christen.

Die Armut hatte aber auch eine andere Folge: So konnte für Amsterdam gezeigt werden, dass während Cholera-Epidemien in den Jahren 1832 und 1849 die jüdische Bevölkerung von der Seuche, gegen die man damals noch kein Mittel gefunden hatte, stärker betroffen war als ihre christlichen Nachbarn. Die auffälligen Unterschiede in der Sterblichkeit sind natürlich nicht auf die Religion, sondern auf die sozialen Umstände zurückzuführen, in denen dort vor allem die Einwanderer aus Osteuropa lebten.

Krankheitsbegünstigend waren neben der Armut vor allem die schlechte Qualität des Trinkwassers sowie die mangelhaften sanitären Verhältnisse.
Daran erinnert bis heute ein einschlägiges jiddisches Sprichwort: »Der dokter hot a refue tsu ales, ober nit tsum dales« (der Arzt hat eine Medizin gegen alles, aber nicht gegen Armut).

Der Autor ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung. Zuletzt erschien von ihm im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp das Buch »Leib und Leben im Judentum«.

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