Musik

Die Anti-Diva

Natalie Clein spielt ein Guadagnini-Cello von 1777. Foto: picture alliance / Avalon/Retna

Musik

Die Anti-Diva

Natalie Clein war schon mit 16 ein Star. Heute ist sie Cello-Professorin in Rostock

von Alicia Rust  24.08.2025 09:23 Uhr

Freudig begrüßt von ihrem Hund und ihrer Katze, öffnet Natalie Clein die Tür zu ihrer Berliner Altbauwohnung und stellt ihre Reisetasche im Flur ab. Danach auch ihren ständigen Begleiter, das Cello. Die vergangenen Tage hat die Berufsmusikerin in London, Italien und in Rostock verbracht. Seit 2018 hat sie in der Hansestadt einen Lehrstuhl für Violoncello. »Ich unterrichte extrem gern«, erzählt die 48-jährige Professorin. Es sei eine tolle Erfahrung, ihre Expertise an junge Menschen weiterzugeben. Außerdem lerne sie durch ihre Lehrtätigkeit ständig Neues hinzu. »Dadurch bekomme ich immer wieder eine andere Perspektive auf alles, was ich selbst mache«, sagt Clein.

Doch halt, war das jetzt eigentlich schon wirklich alles an Gepäck, oder kommt da noch etwas? Clein streicht ihr langes Haar nach hinten und lacht. »Nein, das ist alles, ich reise immer mit sehr leichtem Gepäck. Alles, was ich brauche, passt in die Tasche, die ich als Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen kann«, betont die Berufsmusikerin, die seit 1992 mit ihrer Familie in Berlin lebt. Das erspare Zeit und Nerven.

Ihre Bühnenpräsenz hat beinahe etwas Mystisches

Auf der Bühne widmet sich die gebürtige Britin vollkommen versunken ihrem Cellospiel, ob allein oder in Einklang mit einem Orchester. Dabei spielt Clein oft mit geschlossenen Augen – eingetaucht in die Musik, in den Klang ihres Instruments. Das hat etwas Meditatives und verleiht ihrer Bühnenpräsenz beinahe etwas Mystisches. Das täusche, verrät sie. »Privat mag ich es unkompliziert, am liebsten laufe ich in bequemen Sportsachen herum.« Divenhafte Auftritte seien nicht ihre Sache. »Ich habe gar nicht die Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, wie ich aussehe«, sagt die Mutter von zwei Kindern im schulpflichtigen Alter. Sie konzentriere sich ausschließlich auf die Musik. Und das tut sie schon sehr lange.

Bloß nicht abheben. Demütig zu bleiben, das ist ihre Devise.

Seit ihrer frühen Kindheit ist Clein, die aus einer jüdischen Familie stammt, mit dem Cello verbunden. »Meine Mutter war Violinistin, ich begann mit dem Geigenspiel, als ich gerade einmal vier Jahre alt war«, erzählt Clein und geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. »Als ich sechs Jahre alt wurde, kam mein Vater mit einem kleinen Cello nach Hause«, erinnert sie sich. Dabei sei es dann geblieben. »Mein Vater ist inzwischen 80 Jahre alt, er war Arzt. Doch er liebte die Musik und spielte selbst Geige.«

Wer die vielfach prämierte Cellistin auf der Bühne erlebt, kann nachvollziehen, weshalb sie in ihrem Metier als eine der Besten gilt. Die »Times« beschrieb ihr Spiel als »fesselnd« und »höchst leidenschaftlich«.

Clein studierte am Royal College of Music in London und bei dem Cellisten Heinrich Schiff in Wien. 1997 debütierte sie bei den BBC Proms unter Sir Roger Norrington, bereits 1999 wurde sie als eine der Ersten der »New Generation Artists« von BBC Radio ausgewählt.

Als Solistin arbeitete sie unter anderem mit der britischen Philharmonia zusammen

Als Solistin arbeitete sie unter anderem mit der britischen Philharmonia und dem Orchestre symphonique de Montréal (OSM), einem der bedeutendsten Sinfonieorchester Kanadas, zusammen, darüber hinaus als Kammermusikerin mit Kathryn Stott, Charles Owen und Julius Drake.

Schon mit 16 Jahren war sie in ihrer Heimat, im südenglischen Dorset, eine Berühmtheit, hervorgegangen aus Talentwettbewerben, bei denen sie als Siegerin diverse Preise abräumte. 1994 gewann Clein den Wettbewerb »BBC Young Musician of the Year«, danach konnte sie den »Eurovison Young Musicians« in Warschau für sich entscheiden. Der internationale Ruhm kam sozusagen über Nacht. Doch während andere in ihrem Alter von einem Celebrity-Status träumen, war die neue Realität für die junge Musikerin nicht einfach.

»Ich war 16, fast 17 Jahre alt, als mich die Leute auf der Straße plötzlich erkannten.« Ob es einen Moment gab, an dem sie sich als Star gefühlt hat? Clein schüttelt den Kopf. »Ich habe nie gedacht, oh ja, jetzt hast du es geschafft!« Sie sei immer sehr selbstkritisch gewesen. »Innerlich dachte ich ständig, dass ich noch lange nicht dort bin, wo ich sein möchte.«

Schon als kleines Kind habe sie manchmal vor Wut nicht einschlafen können, weil der Klang ihres Spiels nicht den eigenen Erwartungen entsprach. »Es ist eine lebenslange Angelegenheit, zu lernen und sich ständig weiterzuentwickeln.« Dabei sei es ihr wichtig, demütig zu bleiben. Bloß nicht abheben.

»Es ist die Aufgabe von Menschen, wieder menschlich zu werden.«

Eingespielt hat sie unter anderem die beiden Cellokonzerte von Camille Saint-Saëns, Ernest Blochs Schelomo und Max Bruchs Kol Nidrei mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra. »Und in diesem Jahr alle sechs Bach-Suiten«, zählt sie auf.

Wann hat sie Zeit zum Üben? »Ganz früh am Morgen, so zwischen 5.30 und 6.30 Uhr, wenn die Kinder noch schlafen.« Das sei eine wundervolle Zeit. Und die Nachbarn? »Ich übe leise«, verrät Clein. »Wenn die Kinder in der Schule sind, gebe ich Unterricht.« Sie müsse ohnehin nicht mehr so viel üben wie früher.

Benefizkonzerte für die Kibbuzim nahe des Gazastreifens und auch für die Organisation »Parents Circle«

Auch sozial ist sie engagiert. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich Clein an Benefizkonzerten für die Kibbuzim nahe des Gazastreifens und auch für die Organisation »Parents Circle« beteiligt. Das Projekt wurde 1995 ins Leben gerufen, von israelischen Müttern, die ihre Söhne durch Terrorakte von Palästinensern verloren hatten. Danach kam es zu Begegnungen mit palästinensischen Müttern, deren Söhne von israelischen Soldaten getötet wurden.

So seien Freundschaften entstanden. Für Clein ist das etwas ganz Besonderes. »Es ist menschlich, und ich denke, es ist die Aufgabe von Menschen, wieder menschlich zu werden. Und es ist das genaue Gegenteil davon, Krieg zu führen.«

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