Emil Nolde

Deutsche Legende und Antisemit

Emil Nolde, »Herrin und Fremdling«, o. D., Aquarell Foto: © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Gleich am Beginn der Ausstellung steht eine große Bronzebüste. Das Porträt von 1930 sollte Emil Noldes Künstlertum verkörpern. Noch drei Jahre später schmückt der Kopf das Kronprinzenpalais, die Dependance der Berliner Nationalgalerie, wo der Künstler als Pionier der »neuen deutschen Kunst« des Expressionismus gefeiert wird. 1937 werden aber die dort gezeigten Bilder beschlagnahmt.

Emil Nolde ist auf der Ausstellung Entartete Kunst in München mit den meisten Bildern vertreten. Dabei war der Maler von Anbeginn ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus und bekennender Antisemit. Nach 1945 stilisiert er sich jedoch zum verfemten Künstler, der Berufsverbot erhalten hatte und nur in der »inneren Emigration« überleben konnte.

Nach 1945 stilisierte sich Nolde zum verfemten Künstler, der Berufsverbot erhalten hatte und nur in der »inneren Emigration« überleben konnte.

Die Nationalgalerie in Berlin stellt in ihrer neuen Schau Emil Nolde - eine deutsche Legende erstmals den Hitler-Anhänger, Parteigenossen und Antisemiten Emil Nolde in den Mittelpunkt. Auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse und der Auswertung des Nolde-Nachlasses in Seebüll in Schleswig-Holstein revidiert sie das bisherige Bild des Künstlers. Zugleich erzählt die Ausstellung die Rezeption des Künstlers in der Nachkriegszeit, die von ihm zu Lebzeiten eifrig befördert wurde, als eine Geschichte der Verdrängung – bis hin zur Fiktionalisierung von Noldes Selbstbild in Siegried Lenz‘ Roman Die Deutschstunde.

kult »Wir setzen ein mit dem Nolde-Kult vor 1933 und enden mit dem Kult nach 1945«, umreißt der Historiker und Nolde-Forscher Bernhard Fulda den zeitlichen Rahmen der Ausstellung. Das Gemälde »Brecher« von 1936, das bis vor Kurzem noch im Büro von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hing und jetzt für die Ausstellung in die Nationalgalerie zurückgekehrt ist, setzt dabei den Schlusspunkt.

Es bietet Anlass zur Reflexion über die gegenwärtige Wahrnehmung des Künstlers und seiner Werke, wie der Kurator betont. Mit über 100 weiteren, zum Teil erstmals präsentierten Gemälden und Aquarellen, die im Kontext von Briefen und anderen Dokumenten einer neuen historischen Bewertung unterzogen werden, präsentiert die Schau den Künstler Nolde zwischen Selbstinszenierung und Legende.

Die Nolde-Rezeption vor 1933 beleuchten religiöse Bilder wie »Pfingsten« (1909), ein Gemälde, das von der Berliner Secession 1910 abgelehnt wurde und zu Noldes Streit mit dem Direktor Max Liebermann führte, in dem er ihn als »Kunstdiktator« bezeichnete. Zugleich wird der Künstler von Museen, Galeristen und Sammlern verehrt, eine Retrospektive zu seinem 60. Geburtstag 1927 feiert ihn mit 455 Werken. Dort wird auch das Bild »Sechs Herren« von 1921 gezeigt, in dem Nolde mit seinen Kritikern insbesondere aus dem liberalen Lager abrechnet.

In seinen autobiografischen Schriften ab 1927 betont der Maler den Konflikt mit dem »jüdisch-dominierten« Kunst-Establishment.

In seinen autobiografischen Schriften ab 1927 betont er den Konflikt mit dem »jüdisch-dominierten« Kunst-Establishment. Als sich ab 1933 die Angriffe auf Noldes Kunst mehren, wird er nicht müde, seine Position als antijüdischer, »deutscher« Künstler und Vorreiter im Kampf gegen das Judentum zu betonen. Ab sofort malt er keine biblischen Bilder mehr, angeblich, um keine Juden malen zu müssen, aber auch, um die Kritik aus dem völkisch-nationalen Lager zu beschwichtigen. Nolde will als »nordischer Expressionist« wahrgenommen werden und wird NSDAP-Mitglied.

»entartete kunst« Dabei fühlt er sich vom Regime verkannt, wie Kuratorin Aya Soika betont, setzt sich dafür ein, dass der Expressionismus als »neue Kunst im Staat« Anerkennung findet. Dennoch kann er nicht verhindern, dass im Juli 1937 insgesamt 48 Werke, davon 33 Gemälde, aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt und in der Ausstellung Entartete Kunst in München gezeigt werden. Darunter ist neben der »Sünderin« auch das Bild »Reife Sonnenblumen«, das noch 1935 von der Nationalgalerie erworben worden war.

Nolde bemüht sich mit Unterstützung seiner Frau Ada in Briefen an NS-Funktionäre um eine Rehabilitierung, unter anderem auch durch einen persönlichen Brief an Hitler, in dem er ihm seine Ideen eines bereits 1933 verfassten »Entjudungsplan« mitteilt, doch ohne Erfolg. Der Plan gehört nach Kriegsende zu den Dokumenten, die er wohlweislich vernichtet, der Brief, der unbeantwortet blieb, ist nicht erhalten. Er verhindert nicht, dass Nolde 1941 Berufsverbot erhält.

Die Ausstellung beleuchtet aber auch die künstlerischen Auswirkungen dieser Jahre: Nolde beginnt, sich auf »nordische« Themen zu konzentrieren, zu seinen bevorzugten Motiven gehören Wikinger, Opfer-Feuer, brennende Burgen und Bergwelten. Und schließlich werden die sogenannten Ungemalten Bilder in neuem Licht präsentiert, Aquarelle, die während der Zeit des Berufsverbots angeblich heimlich in seinem Atelier in Seebüll entstanden und Teil seines Mythos als verfemter Künstler nach 1945 wurden.

Das letzte Kapitel der Ausstellung behandelt den Nolde-Kult nach 1945, dessen Biografie nicht zuletzt auch durch die Nolde-Stiftung in Seebüll, die den Nachlass hütet, zur Heldenerzählung wird.

Das letzte Kapitel der Ausstellung behandelt den Nolde-Kult nach 1945, dessen Biografie nicht zuletzt auch durch die Nolde-Stiftung in Seebüll, die den Nachlass hütet, zur Heldenerzählung wird. Umso verdienstvoller ist es, dass die Stiftung mehr als 50 Jahre nach Noldes Tod die umfangreichen Forschungen zu seiner widersprüchlichen Rolle im Nationalsozialismus und in der Kunst beförderte.

Man wolle Nolde und seine Kunst künftig frei von Mythen und Legenden mit allen Widersprüchen präsentieren, unterstreicht Direktor Christian Ring die neue Haltung. Die Beurteilung seiner Kunstwerke, weiterhin Ikonen des Expressionismus, soll den Betrachtern überlassen bleiben.

»Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus«
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50-51, Berlin, bis 15. September

 

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