Rap

»Der Typ hat eine antisemitische Agenda«

Felix Blume alias Kollegah Foto: imago/Future Image

Rund sieben Monate nach dem Musik-Skandal des Jahres sitzt Kollegah im Keller eines Münchner Wohnhauses und ist gut gelaunt. Gerade hat er dort in einem Tonstudio seine Biografie, den Bestseller Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote als Hörbuch eingelesen. »Ich hab ja – wie viele wissen – früher in der Schule mal den zweiten Platz in einem Vorlesewettbewerb gemacht.« Von dem Hörbuch könnten dann auch »die ganzen Analphabeten« unter seinen Fans profitieren.

Wenn er das sagt – mit leichtem Lächeln im Mundwinkel und zur Schau gestellter Überheblichkeit –, dann ist er der »Boss«, als den ihn so viele seiner jungen Fans (1,7 Millionen bei Facebook, 1,6 Millionen bei Instagram) verehren. Als dieser »Boss«, meist mit Goldkettchen und Zigarre, rappt er gern über soziale Ungerechtigkeiten, aber eben auch: »Gang Bang – Wir haben die Bitches geteilt wie Zauberkünstler« (aus dem Song »Legacy«).

Die letzte Platte brachte Kollegah trotz massiver Antisemitismus-Vorwürfe den »Echo«-Preis ein.

KRITIK Als »Boss« nahm er mit Farid Bang den Song »0815« mit der Zeile »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen« für das gemeinsame Album Jung Brutal Gutaussehend III auf. Die Platte brachte den beiden Rappern trotz massiver Antisemitismus-Vorwürfe im April dieses Jahres erst den »Echo« ein – und wurde schließlich der Grund für das Aus des einst renommierten Musikpreises.

Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim hat sich für den jüngsten »Sprachreport« das Album JBG III genau angeschaut. Im Report heißt es, die Vermutung eines »systematischen Antisemitismus« liege fern, »da sich diese zwei Zeilen als drastische Tabubrüche lesen«.

Der »Echo«-Skandal habe ihn verändert, sagt Kollegah im Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in München. Öffentlichkeitswirksam hat er inzwischen die KZ-Gedenkstätte Auschwitz besucht – und versprochen, nicht mehr über den Holocaust zu rappen.

Nach seinem Auschwitz-Besuch gab er sich nachdenklich – dann verglich er die Palästinenser mit den Juden während der NS-Zeit.

Mit seinem neuen Album Monument, das vergangene Woche mit monumentalen 43 Songs erschienen ist, wolle er eine andere Seite zeigen. »Ab jetzt spricht der Boss zum Volk«, heißt es in der Albumankündigung. »Ich fühlte mich wie der Staatsfeind Nummer eins«, heißt es in dem vorab schon veröffentlichten Song »Dear Lord«. »Ich mach den Job, den deine Eltern nicht machen« und »Fick den Staat, ich bin hier die leitende Figur«.

PAUSE Hip-Hop-Experten spekulieren, dass es sich um sein letztes Album handeln könnte – zumindest vorerst. In Interviews spricht er von einer »Schaffenspause«. »Ich will zwar weiterhin Musik machen«, sagte er der dpa. Aber nach dem Album seien erst einmal andere Dinge wichtig: »Ich will um die Welt reisen, die Welt sehen, auf der Welt was verändern.«

Monument sei »das Album, das am weitesten weg ist von der Kunstfigur und dem Image, das man oberflächlich kennt: der goldkettenbehangene, Pelzmantel tragende Über-Pimp«, sagt Kollegah. Mit inzwischen 34 Jahren ist er altersmäßig schon weit von seiner Zielgruppe auf den Schulhöfen entfernt, und er hat zuletzt an einem neuen Image gearbeitet. »Kollegah 2.0«, sagt er selbst.

Über den Besuch der KZ-Gedenkstätte sagt er: »Als wir vor Ort waren, haben wir diesen Schrecken und diese Tötungsmaschinerie nochmal ganz anders wahrgenommen.« Und weiter: »Insofern ist meine grundsätzliche Sensibilität gegenüber dem Holocaust, aber auch vergleichbaren Ereignissen in der Geschichte, gewachsen und das wird sich auch auf meine Raps auswirken, insofern dass ich da hier und da mehr Rücksicht nehme.«

SCHOA Es sind aber gerade Formulierungen wie diese, die Antisemitismus-Vorwürfe wieder laut werden lassen – weil mit dem Holocaust nun mal nichts zu vergleichen ist. »Er relativiert die Verbrechen der Nazis und dämonisiert zugleich den jüdischen Staat«, kommentierte diese Zeitung, nachdem der Rapper in einem Interview mit »hiphop.de« die Ermordung von sechs Millionen Juden mit der Situation in den Palästinensergebieten verglichen hatte.

»Kunst ist Kunst«, sagt der Rapper über die Kritik an seinen Versen.

Seine Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, und er relativiere den Holocaust überhaupt nicht, betont Kollegah selbst dagegen. »Mein Vergleich bezog sich rein auf das Töten unschuldiger Menschen.« Antisemitismusvorwürfe weist er entschieden zurück. Und er klingt nicht unglaubwürdig, wenn er sagt, Toleranz sei ihm wichtig, und dass er seine große Reichweite (nach Angaben von GfK-Entertainment wird nur Ed Sheeran in Deutschland noch häufiger gestreamt als Kollegah) dafür nutzen wolle, ein bisschen die Welt zu retten.

Schließlich sei er als gläubiger Muslim sehr gottgläubig und davon überzeugt, dass alle Menschen den gleichen Ursprung haben, so der Rapper. Er selbst sei lernfähig, lernbereit, überprüfe und revidiere sein Weltbild immer wieder.

Das Weltbild, das die Öffentlichkeit mit ihm verbindet, ist allerdings auch geprägt von Verschwörungstheorien und der vor allem unter Rechten verbreiteten Kritik an »Mainstream-Medien«. Kritik an Kollegah gibt es, weil er allen Toleranz-Bekundungen zum Trotz stets provoziert, über Gewalt gegen Frauen und Gewalt gegen Schwule rappt. »Kunst ist Kunst«, erklärt er das schlicht.

PROVOKATION Was ernst gemeint ist in seinem Auftreten und was nur Provokation – das ist nicht ganz klar. Was sagt der frühere Jura-Student, mit bürgerlichem Namen Felix Blume? Und was die Kunstfigur Kollegah? Die Grenzen verschwimmen.

»Kollegah ist eine Mixtur aus verschiedenen gesellschaftlichen Tendenzen: ein neoliberaler Objektentwurf, Hypermaskulinität und vormoderne Geschlechterbilder«, sagt der Soziologe Martin Seeliger. Aus seiner Sicht weiß Kollegah womöglich »selbst nicht mehr so genau, was Spaß ist und was Ernst«.

Seeliger glaubt bei den permanenten Grenzüberschreitungen an mehr als nur eine Aufmerksamkeitsstrategie. »Das ist mehr als nur Spaß, der Typ hat eine richtige Agenda« Eine »undurchsichtige, antisemitische Agenda«, meint Seeliger. »Ich finde Kollegah gefährlich.«

KZ Ähnlich sieht das auch der Medienpädagoge Uwe Sander von der Universität Bielefeld. »Ein Musiker, der Millionen macht mit seinen Platten und wenigstens ein bisschen gebildet sein sollte, der muss erst ein KZ besuchen, um zu wissen, was ein KZ ist?«

Seeliger sagt: »Man muss Kollegah als Kind seiner Zeit sehen. Und sich vor allem die Frage stellen: In was für einer merkwürdigen Welt leben wir eigentlich, in der so ein Typ eine solche Reichweite und Bedeutung hat?«

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026