Es kennt ihn jeder: den Bücherstapel neben dem Bett. Oben liegt das Buch, das man aktuell liest. Darunter dieses, das man geschenkt bekommen hat und offenbar die schönste Liebesgeschichte sei, gefolgt von jenem, über das gerade alle reden. Schließlich wartet immer noch das eine, das man vor Monaten für die Ferien gekauft hat. Und ganz unten vielleicht der Roman, den man seit drei Jahren mit sich herumträgt. Es ist die gut sortierte Bibliothek meiner Absichten in nahezu hierarchisch geordneter Form.
Und so wächst der Stapel kontinuierlich. Und ganz ehrlich, es ist nicht deshalb, weil ich zu wenig lesen würde. Aber, und das gebe ich auch offen zu, man findet ständig neue Gründe, anderes als das sich Stapelnde zu lesen, was unweigerlich zu Stress und Scham führt. Denn natürlich möchte ich noch mehr lesen, am liebsten die ganze Zeit. Aber völlige Illusion! So leide ich an FOMO (»fear of missing out«), will wissen, worüber aktuell geschrieben und gesprochen wird. Denn ich zähle mich zu jenen, die über (fast) alle aktuellen Debatten und Fragen Bescheid wissen. Aber in Wahrheit bin ich nur der gewöhnlichste aller Menschen, der abends, weil er zu müde ist, einfach noch ein paar Nachrichten liest und dann einschläft.
Das wird zum Problem. Denn ich komme nicht umhin, mir immer wieder neue Bücher zu kaufen, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich sie einfach nur lesen möchte. Der Bücherstapel ist also ein erstaunlich präzises Abbild meiner Persönlichkeit. Er verrät, was mich interessiert, was ich für wichtig halte und wer ich vielleicht gern wäre.
Bücher kauft man ja nicht nur, um sie zu lesen. Man kauft sie auch, weil man sie gelesen haben sollte.
Aber Bücher kauft man ja nicht nur, um sie zu lesen. Man kauft sie auch, weil man sie gelesen haben sollte. Weil eine kluge Freundin sie empfohlen hat, eine Zeitung sie zum Buch des Jahres erklärt oder ein Autor in einem Interview einen Gedanken so präzise formuliert hat, der so unglaublich brillant klingt, dass man sich selbst gern in seiner Nähe aufhalten möchte. Der Kauf ist dann bereits ein kleiner Akt der Selbstverbesserung. Die Lektüre kann warten.
Und genau hier liegt der Hund begraben: Denn im Gespräch über ein Buch heißt es nie: »Das weiß ich nicht.« Stattdessen sagt mir mein Gegenüber: »Das ist natürlich eine sehr komplexe Frage«, wohl wissend, dass auch dies nur ein Akt des Vortäuschens ist. Auch sagt nur selten jemand: »Ich habe das Buch nicht gelesen.« Eher bekommt man souverän zu hören: »Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen.« Am liebsten wäre mir, mir würde einmal jemand ehrlich ins Gesicht sagen: »Ich habe den Gedanken nicht verstanden.« Stattdessen klingt besser: »Ich fand den Ansatz interessant, aber die Argumentation nicht ganz überzeugend.«
Gerade das Judentum hat eine lange Tradition des Textstudiums, des Fragens, Diskutierens und Widersprechens. Lernen ist nicht nur Wissensaneignung, Texte werden ausgelegt, Einwände erhoben, Argumente geprüft. Beste Voraussetzung also für einen Gesprächsbeginn.
Was passiert aber, wenn diese Tradition auf eine Gegenwart trifft, in der jede Meinung sofort verfügbar sein muss? In der erwartet wird, dass man zu allem Stellung bezieht? Ja, man müsste gelesen haben, um mitzureden. Die unweigerliche Folge ist die eigentümliche Mischung aus echtem Wissensdurst und der Angst, sich eine Blöße zu geben. Ich weiß also, was von mir erwartet wird. Mein Bücherstapel weiß es auch. Nur sind wir uns nicht einig, wann es so weit sein soll.