Glosse

Der Rest der Welt

Schach mit Dino Foto: kat

Mann, wie die Zeit vergeht … Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser altbackene Satz, dessen wahrhaftigen Beweis ich jeden Morgen in Form meiner Lach- und Sorgenfalten sehen kann, einmal in den Sinn kommen würde. Man sagt ja, dass man anhand der eigenen Kinder sieht, wie schnell die Zeit vergeht. Nun habe ich keine, aber ich bin seit sechs Jahren Tante. Und zwar, und dafür sorry an alle anderen Tanten: Ich bin die coolste Tante. Ist so. Meine Nichte ist aber auch die coolste Nichte.

Das ahnte ich schon, als sie zum ersten Mal ihre kleine Stirn in Falten legte und sich über irgendetwas aufregte. Da war sie gerade erst ein paar Monate alt. Wann immer ihr etwas nicht in den Kram passte, kamen zuerst die Augenbrauen, die sie leicht nach oben zog, dann ein kleines Runzeln der Stirn, und dann ging es meistens los. Heute ist das viel einfacher! Heute sagt sie einfach: »Nein, auf gar keinen Fall!«

Action-Painting, »Tierkacke-Bingo«, die ersten Mini-Schachpartien

Wir machen ziemlich viel Quatsch zusammen: Herbstblätterschlachten zum Beispiel oder Action-Painting, wir spielen »Tierkacke-Bingo«, sie kann schon die ersten Mini-Schachpartien, bei denen sie immer die Dinos mit aufs Brett holt, denn die müssen ja schließlich auch etwas lernen, wir boxen aus dem aufgegangenen Hefeteig die Luft heraus, sammeln Schnecken, kaufen Kekse und sind bei Level 49 beim Röhrenspiel der Maus. Haben Sie das schon mal gespielt? Ist gar nicht so einfach!

Außerdem singen wir, wenn sie nicht mehr laufen kann und ich sie dann trage, die Melodie von der Addams Family, hören das »Popellied« von der Gerhard-Schöne-Platte, mit der ich schon aufgewachsen bin … nur dass das Lied heute vom Smartphone kommt. Die ganze Familie hat auch schon eine einstündige Autofahrt mit nur einem Song, »Hungry Eyes« vom Soundtrack zu Dirty Dancing, verbracht, weil Fräulein Nichte ihn immer wieder hören wollte. So wie den Titelsong zur Verfilmung von Michaels Endes Unendlicher Geschichte, die ihr Papa ihr vorgelesen hat.
Das wiederum erinnerte mich an 1989, das Jahr, in dem der Film in eines der Kinos der brandenburgischen Betonstadt kam, in der ich aufgewachsen bin.

Tagsüber wurde dort während der Schulzeit das Mittagessen serviert, am späteren Nachmittag und abends wurden die dunkelrot bezogenen Stühle in Reihen aufgestellt, die Essensausgabe, durch die die freundlichen Frauen (es waren wirklich nur Frauen) uns das Essen auf die Teller klatschten, war verdeckt, nur dieser Geruch, ein Mix aus Großküchen-Gulasch und abgestandenem Wasser, in dem die alten Wischlappen lagen, hing noch in der Luft.

Aber egal: Wir saßen in diesem Kino und sahen einen Westfilm. Die Handlung hätte nicht unbedeutender sein können. Aber es war ein Film »ausm Westen«. Westfernsehen hatten wir zwar auch zu Hause, und ich liebte es, die Werbung zu sehen, aber einen ganzen Kinofilm, das war wirklich etwas Besonderes. Er war dann auch sehr aufwühlend, aber schön – so aus Kindersicht.

Zum Sommerfest hatten die Kinder und die wundervollen Erzieher alles perfekt einstudiert

Meine kleine Nichte jedenfalls kommt bald zur Schule – na ja, im kommenden Jahr. Und als coolste Tante bin ich selbstverständlich bereits jetzt ziemlich aufgeregt. Schon beim Vorschul-Sommerfest habe ich vor Rührung geschluchzt und geweint – so toll hatten die Kinder und die wundervollen Erzieher alles einstudiert. Wenn ich daran denke, könnte ich direkt wieder das Taschentuch zücken. Mann, wie die Zeit vergeht …

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