Glosse

Der Rest der Welt

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Es ist es ein Privileg, die Bäckerei gleich vor der Haustür zu haben. Vor allem dann, wenn sie ausgezeichnetes Brot verkauft und sich in einem frisch renovierten Lokal befindet, in dem man gern verweilt. Ich mag meine »Hausbäckerei«: Der Kaffee ist gut, es gibt neben Hafermilch auch laktosefreie Milch (keine Selbstverständlichkeit in der Schweiz), und hin und wieder treffe ich Leute aus der Nachbarschaft. Eine der Frauen, die dort arbeitet, ist ein Sonnenschein. Sie fragt immer nach den Kindern. Manchmal gibt sie ihnen sogar Extrabrötchen mit. Die andere Frau ist eher ein Nachtschattengewächs, für ein gequältes Lächeln müsste man obendrauf zahlen, für ein Glas Leitungswasser auch.

Die Bäckerei erinnert mich immer an diese modernen »Brotläden« in Tel Aviv. Alles nüchtern in Weiß gehalten, die Auslagen aus Holz, an der Wand schwarze Buchstaben, die die verschiedenen Brotsorten benennen. Alles simpel durchdesignt. Ich sitze dort oft an einem der Tische in der Ecke, lese die Zeitung oder stelle mir vor, dass draußen auf der Dizengoff geschäftiges Treiben herrscht, dass das Haus gegenüber endlich einmal renoviert werden müsste und dass die Hochsommerhitze, die man mit einem heißen Café Hafuch nur noch verschlimmert, kaum zum Aushalten ist.

In Wahrheit trinke ich einen Cappuccino; Tel Aviv ist nur in meinem Kopf nah. Ansonsten ist diese geliebte Stadt, in der ich vor drei Jahren das letzte Mal war, ganz weit weg. Jedes Mal, wenn es darum geht, Urlaub zu planen, flackert der Wunsch in mir groß auf. Und jedes Mal, wenn ich an die Raketen der Huthi und an den Iran denke, verschiebe ich das Flüge-Buchen auf den nächsten Urlaub. Irgendwann müsste doch alles aufhören …

Die Realität holt mich ein. Ich blättere in der Tageszeitung, im Ressort »International« versuche ich, mich auf die Nahost-Berichterstattung zu konzentrieren.

Die Realität holt mich ein. Ich blättere in der Tageszeitung, im Ressort »International« versuche ich, mich auf die Nahost-Berichterstattung zu konzentrieren. Später. Der Gedanke an Tel Aviv ist stärker, die Sehnsucht nach der verblassten Eleganz alter Bauhausgebäude, nach der nach Salz, Sand und Staub riechenden Luft und dem Balagan beim Anstehen im Supermarkt größer. Gleichzeitig bleibt mein Blick an der Kundschaft in der Bäckerei hängen.

Abgesehen von den manchmal jüdischen Kundinnen und Kunden, die man auch ab und an Iwrit sprechen hört, hat hier niemand etwas Tel-Avivisches, außer vielleicht die Birkenstock-Schuhe, die zu Oversized-Hemden und Shorts getragen werden. Diese typische Mischung aus urbanen Hippies und Hipstern mit Patina sucht man hier vergeblich.

Der große Unterschied zu Tel Aviv ist aber der, dass die Menschen, die hier für Croissant und Kaffee, Urdinkelbrot oder Brioche anstehen, nicht miteinander sprechen. Es unterhält sich nur, wer sich kennt. Und wenn man sich mit seinem Frühstück samt Laptop an den langen Tisch setzt, verschanzt man sich schleunigst hinter dem Bildschirm, um ja nicht in Blickkontakt mit anderen zu geraten. So füllt sich ein Tisch nach dem anderen, mit jeweils nur einem Menschen. Kommunikation erfolgt höchstens virtuell. Eine Schweizer Eigenheit, möglichst nicht mit dem anderen zu reden? Ich verjage den Gedanken und reise wieder nach Tel Aviv. Vielleicht bald in echt.

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