Finale

Der Rest der Welt

Auf der Suche nach dem verlorenen Schlüssel Foto: Getty Images/iStockphoto

Finale

Der Rest der Welt

Schlüsselfigur und vier Lügen im Treppenhaus

von Beni Frenkel  16.03.2022 11:57 Uhr

Vor der Haustür klingelte es. Ein Mann stand dort. Ob ich meinen Schlüssel verloren hätte, wollte er wissen. Ich wollte gleich nachschauen, da lachte er. So würde er halt immer beginnen. Er betreibe eine Schlüsselfundstelle. »Haben Sie bereits so einen Schlüsselanhänger?«

Ich log: »Ja, meine Frau.« Er wurde etwas misstrauisch. »Genau so einen?« Ich log etwas geschickter: »Nein, ein bisschen runder.« Er holte aus seinem Koffer einen riesigen Schlüsselbund, wie ihn früher Hausmeister getragen haben. »Ein bisschen runder, warten Sie kurz.«

Schmattes Nach einer Weile fand er einen Schlüsselanhänger, der tatsächlich etwas runder war. »So einen?« Ich nickte. Der Mann wirkte traurig. Und ich bekam Mitleid. Mein Großvater war früher »Schmatteshändler«, wie so viele Juden damals. Er tingelte von Bauernhaus zu Bauernhaus und versuchte, den Bäuerinnen Tücher und Lappen zu verlaufen. Bestimmt haben ihm viele Frauen die Tücher auch aus Mitleid abgekauft.

Ich überlegte mir, ob ich ihm ebenfalls einen Schlüsselanhänger aus Mitleid abkaufen soll. Allerdings kostet der Dienst fünf Franken pro Monat. 60 Franken im Jahr. Das finde ich doch ein bisschen viel, zumal ich noch nie meinen Hausschlüssel verloren habe.

Wie ich das geschafft habe? Nun, meine drei, vier Schlüssel stecke ich immer in die Innentasche meines Mantels. Immer. Ich bräuchte also keine Schlüsselfundstelle, sondern eine Mantelfundstelle. Wir guckten uns traurig an. Er mache das jetzt schon seit 27 Jahren, erzählte er mir. Ich nickte. Er roch ein bisschen.

lokomotive »Haben Sie Kinder?« Ich antwortete: »Ja, drei.« Er bückte sich wieder zu seinem Koffer. Aus einer der vielen Innentaschen kramte er eine Holz-Lokomotive. »Die verkaufe ich auch. Baue ich alles alleine. Schauen Sie einmal die Details an.« Ich nahm die Lokomotive in die Hand und bewunderte sie laut: »Tolle Arbeit!«

»Wie alt sind Ihre drei Kinder?« Ich log nun schon zum dritten Mal: »20, 25 und 29 Jahre. Leider zu alt für Lokomotiven.« Der Mann nahm das schöne Holzteil wieder zurück und sagte nur: »So, so.« Es war offensichtlich, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Hinter mir lagen Kinderkleider am Boden.

Gerne hätte ich ihm einen Kaffee gemacht oder mich noch ein bisschen länger unterhalten. Ich bin ja arbeitslos und habe viel Zeit, auch am Morgen. Der Mann winkte aber ab. Er müsse weitergehen, er arbeite von oben nach unten. Zuerst im obersten Stock und dann runter von Tür zu Tür.»Bei den Leuten unten werden Sie bestimmt Glück haben«, sagte ich ihm. Das war dann die vierte Lüge.

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 11.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  11.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026