Naturtalent

Der Mann hinter dem Vorhang: Vor zehn Jahren starb Garry Shandling

Garry Shandling (1949–2016) Foto: picture alliance / Everett Collection

Naturtalent

Der Mann hinter dem Vorhang: Vor zehn Jahren starb Garry Shandling

Der Komiker war kein Witze-Erzähler im klassischen Sinn. Er war ein Sezierer. Einer, der seine eigene Unsicherheit auf die Bühne trug wie andere ein Jackett

 08.03.2026 12:01 Uhr

Er war der Komiker, der mit seinen Projekten das Fernsehen veränderte. Vor zehn Jahren, am 24. März 2016, starb Garry Shandling im Alter von 66 Jahren. Zurück blieb ein Werk, das bis heute nachhallt: klug, selbstironisch, oft quälend ehrlich – und immer komisch auf eine Weise, die weh tun konnte.

Shandling war kein Witze-Erzähler im klassischen Sinn. Er war ein Sezierer. Einer, der seine eigene Unsicherheit auf die Bühne trug wie andere ein Jackett. Sein Markenzeichen: der nervöse Blick, das zögernde Lächeln, die Pause, die länger dauerte als erwartet – und dann der Satz, der alles auf den Kopf stellte. Er spielte den Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs und machte daraus eine Kunstform.

Geboren 1949 in Chicago als Sohn jüdischer Eltern, wuchs Shandling in Tucson, Arizona, auf. Die Familie war wegen der Krankheit seines älteren Bruders Barry dorthin gezogen. Barry starb im Alter von zehn Jahren. Dieses frühe Trauma begleitete Shandling ein Leben lang – und nährte seine existenziellen Fragen, die später in seine Comedy einsickerten.

Garry Shandling (M.) mit seinen Kollegen Ed McMahon (l.) und Jeffrey Tambor von der Serie »The Larry Sanders Show« (1998)Foto: picture alliance / Everett Collection
Revolution im Wohnzimmer

Eigentlich wollte er Elektrotechnik studieren, wechselte dann zu Marketing – und landete schließlich beim Schreiben von Gags. In den 70er-Jahren verfasste er Texte für Sitcoms wie Sanford and Son, bevor er selbst auf die Bühne ging. Sein Durchbruch erfolgte in der »Tonight Show« mit Johnny Carson. Der Show Host war so angetan, dass Shandling regelmäßig als Gastmoderator einsprang. Zeitweise galt er sogar als möglicher Nachfolger – doch Shandling entschied sich dagegen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Garry Shandlings »The Larry Sanders Show« war schlicht genial.

Mit »It’s Garry Shandling’s Show« begann 1986 ein Experiment: eine Sitcom, in der die Figuren wussten, dass sie in einer Sitcom spielten. Shandling sprach direkt ins Publikum, diskutierte mit Studiogästen über Drehbücher und stellte die Künstlichkeit des Fernsehens bloß.

Noch radikaler wurde es ab 1992 mit »The Larry Sanders Show«. Die Serie zeigte den Alltag einer fiktiven Late-Night-Show vor und hinter der Kamera. Prominente traten als überzeichnete Versionen ihrer selbst auf, Produzenten intrigierten, der Moderator Larry Sanders (gespielt von Shandling) litt an Eitelkeit, Neid und chronischen Selbstzweifeln.

Lesen Sie auch

Erschreckend realistisch

Die Serie war bissig, oft peinlich genau und erschreckend realistisch. Sie beeinflusste spätere Formate wie »Curb Your Enthusiasm« oder »30 Rock« nachhaltig. 56 Emmy-Nominierungen sprechen für sich. Shandling gewann selbst einen Emmy für das Drehbuch des Finales – ein leiser, kluger Abschied.

Abseits des Studios war Shandling ein Suchender. Er meditierte, beschäftigte sich intensiv mit Zen-Buddhismus und sprach offen über eine Nahtoderfahrung nach einem schweren Autounfall in den 70er-Jahren. »Ich hatte eine sehr lebhafte Nahtoderfahrung, in der eine Stimme fragte: ›Willst du weiterhin Garry Shandlings Leben führen?‹« erinnerte er sich später. »Ohne nachzudenken sagte ich: ›Ja.‹«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Garry Shandlings erster Auftritt im landesweiten Fernsehen 1981 bei Johnny Carson.

Er boxte mehrmals pro Woche, spielte Basketball mit Freunden wie Jerry Seinfeld und blieb doch stets ein Einzelgänger. Verheiratet war er nie, Kinder hatte er keine. Eine langjährige Beziehung mit der Schauspielerin Linda Doucett zerbrach auch an seiner Angst, die genetische Krankheit seines Bruders weiterzugeben.

Leiser Abschied

Sein Judentum trug Shandling nicht demonstrativ vor sich her, doch es war Teil seiner Identität. Die wohl aus dieser Richtung kommende Tradition des Hinterfragens, des intellektuellen Humors, des Ringens mit Gott und der Welt – all das schwang in seinen Texten mit. Er gehörte zu jener Generation amerikanisch-jüdischer Komiker, die Selbstironie als Überlebensstrategie perfektionierten.

Garry Shandling als Schauspieler: Im Jahr 2000 war er Teil des Kinofilms <em>Good Vibrations - Sex vom anderen Stern</em> (Originaltitel: »What Planet Are You From?«)Foto: picture alliance / Sammlung Richter

Am 24. März 2016 brach Shandling in seinem Haus in Los Angeles zusammen. Ursache war eine Lungenembolie. Sein Tod kam überraschend. Posthum widmete ihm HBO die Dokumentation The Zen Diaries of Garry Shandling, die sein Tagebuch als Schlüssel zu einem sensiblen, oft zweifelnden Künstler zeigte.

Zehn Jahre später bleibt vor allem eines: das Bild eines Mannes, der den Vorhang beiseiteschob und sagte: »Guckt her, so funktioniert das alles.« Und während wir lachten, merkten wir, dass er eigentlich von uns sprach. im

Interview

»Musik ist meine Heimat«

Die Sängerin Anna Margolina über Jazz, jiddische Lyrik und ihr Judentum

von Alicia Rust  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  14.07.2026

London

Sacha Baron Cohen als »Ali G« in Wimbledon

Der britische Komiker und Schauspieler hat viele Gesichter. Eine Kunstfigur erscheint plötzlich beim Tennis

 14.07.2026

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  13.07.2026 Aktualisiert

Paris

»Die Isolation Israels ist ein historisches moralisches Versagen«

»Es ist ein dunkler Moment für Juden auf der ganzen Welt«, sagt der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy. »Wir müssen stolz, stark und weise sein.«

 13.07.2026

Frauenfußball

Der Ball war nicht nur rund, sondern auch weiblich

Wie die österreichische Jüdin Ella Zirner-Zwieback zur Pionierin in einer von Männern dominierten Sportdisziplin wurde

von Martin Krauß  13.07.2026