Doppelbiografie

Der Kapo und der Philosoph

Doppeldeutig: das Cover von Holger Hintzens Doppelbiografie Foto: Greven Verlag Köln

Doppelbiografie

Der Kapo und der Philosoph

Paul Raphaelson und Hans Jonas: Zwei jüdische Schicksale aus Mönchengladbach

von Yizhak Ahren  02.01.2013 10:25 Uhr

Ein makabres Bild, das der Betrachter allerdings nicht sofort versteht, ziert den Schutzumschlag einer Doppelbiografie von zwei ungleichen Juden aus Mönchengladbach. Da ist ein längliches Kuvert zu sehen, das den Strick enthält, mit dem Paul Raphaelson im April 1947 in Prag gehängt wurde. Wie aus dem sorgfältig recherchierten Bericht von Holger Hintzen hervorgeht, hatte Raphaelson gewiss kein vorbildliches Leben geführt. Als Kapo im Lager Theresienstadt malträtierte er Mitgefangene und verschaffte sich Vorteile. Dafür wurde er von einem Prager Gericht zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.

Der berühmte Philosoph Hans Jonas (1903–1993), der Raphaelson aus der gemeinsamen Heimatstadt Mönchengladbach persönlich kannte und in seinen postum veröffentlichten Erinnerungen von einer Begegnung mit ihm nach der Schoa berichtet, schwankte in seiner Beurteilung des Falles. Im Sommer 1947 bemerkte Jonas, der als Soldat der britischen »Jüdischen Brigade« mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis gekämpft hatte, in einem Brief an einen Bekannten: »Nun hat Raphaelson das Schicksal, vermutlich wohlverdient, doch erreicht: Er ist in der Czechoslovakei gehängt worden.«

Opferung Im Rückblick nach 40 Jahren fiel Jonas’ Urteil über die verhängnisvolle Verstrickung des Hingerichteten wesentlich milder aus: »Es ist unmöglich zu sagen, ob das gerecht oder nicht gerecht war, denn die Kapos haben ja gewissermaßen selbst um ihr eigenes Leben gekämpft, wenn auch unter Opferung des Lebens anderer – Primo Levi hat das in seinem großen Essay Die Untergegangenen und die Geretteten schonungslos beschrieben. Da musste ich wieder an Raphaelson denken. Er hat anscheinend eine solche Rolle gespielt.«

Auch Hintzen diskutiert den Fall Raphaelson und die Kapo-Problematik sehr umsichtig und gelangt zu dem Schluss: »Am moralischen Ideal müssen auch in der Hölle keine Abstriche gemacht werden. Wo Millionen Menschen und jegliche Humanität vernichtet werden sollen, ist ein moralischer Gegenentwurf sogar besonders wichtig. Doch verfehlt ein Mensch in einer Hölle wie dem Holocaust das Ideal, sollte ein Urteil über ihn noch viel mehr Gnade walten lassen als unter gewöhnlichen Umständen.«

Es ist dem Autor gelungen, Paul Raphaelsons Lebensgeschichte anschaulich und plausibel zu rekonstruieren. Viele wird es überraschen, wie Raphaelson sich nach seiner Heimkehr aus der Gefangenschaft im Lager Theresienstadt verhielt. Der dort von seinen Mithäftlingen nach der Befreiung fast zu Tode geprügelte Kapo ließ sich zum Leiter einer Beratungsstelle für ehemalige Lagerinsassen ernennen! Und er, der in kurzer Zeit eine neue nichtjüdische Lebenspartnerin fand, wurde einstimmig zum Vorsitzenden der kleinen jüdischen Nachkriegsgemeinde in Mönchengladbach gewählt. Möglicherweise hat diese Profilierung dazu beigetragen, dass Raphaelsons Vergangenheit als Kapo ihn schon bald mit schlimmen Folgen einholte.

Details Holger Hintzen beschreibt auch ausführlich die Lebensgeschichte von Jonas. Wer die Memoiren des Philosophen gelesen hat, wird zwar nicht viel Neues erfahren, aber doch einige interessante Details. So erfahren wir etwa, warum Jonas 1989 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mönchengladbach anzunehmen bereit war. In seiner Dankesrede führte er aus, dass, da er keine anderen Verdienste vorweisen könne, als der Philosophie eine Stimme gegeben zu haben, diese Ehrung also offenbar die Mission der Philosophie würdige, die Augen zu öffnen und Verantwortung zu predigen.

Einen tieferen Grund verriet Jonas später in einem Brief an den damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau: »Es war der Gedanke, wie überglücklich mein liebender und aufopferungsvoller Vater über diese Ehrung seines Sohnes gewesen wäre. In einem geheimnisvollen Sinne glaubte ich, ihm eine solche entschädigende Freude nicht vorenthalten zu dürfen.«

Hintzens Beschreibungen zweier jüdischer Leben, die kaum unterschiedlicher hätten verlaufen können, illustriert die Tatsache, dass menschliches Verhalten überdeterminiert ist und nicht auf simple Kausalzusammenhänge reduziert werden kann – auch wenn das gern oft übersehen wird.

Holger Hintzen: »Paul Raphaelson und Hans Jonas. Ein jüdischer Kapo und ein bewaffneter Philosoph im Holocaust«. Greven, Köln 2012, 362 S.,19,90 €

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  01.05.2026