Inventur

Der Jahrhundert-Messie

Foto: dtv

Als Chimen Abramsky am 14. März 2010 in London starb, ging nicht nur ein 93-jähriges reiches Leben zu Ende, sondern es entschwand auch der Geist aus einem der größten privaten Erinnerungsspeicher jüdischer Schicksalswelten der vergangenen fünf Jahrhunderte. Dieser Speicher befand sich in einer baufälligen Doppelhaushälfte im Norden Londons, in der jeder nur verfügbare Winkel über und über mit alten Büchern, Manuskripten und Briefen zugestopft war.

Jedes Zimmer außer Küche und Bad, sowohl Kamin als auch Fensterbank mussten herhalten, um die 20.000 im Zeitraum von 60 Jahren durch Findigkeit und Expertise zusammengesammelten Bände aus den Bereichen jüdischer und sozialistischer Geistesgeschichte unterzubringen.

Kostbarkeiten Obschon die fahrlässige Unterbringung und die fehlende Katalogisierung der Buchschätze jedem Archivar den Schweiß auf die Stirn trieb, ließ der Reichtum der Sammlung ihre Augen funkeln. Welche Kostbarkeiten das Haus barg, ist fast unvorstellbar: Erstausgaben der Werke Spinozas aus dem 17. Jahrhundert befanden sich darunter, seltene Talmudausgaben, Briefe von Rosa Luxemburg, Lenin und nicht zuletzt der Mitgliedsausweis der Ersten Internationale von Karl Marx.

Heutige Makeover-Shows hätten für Abramsky wohl das Urteil »Messie« parat und würden eine befreiende Entrümpelung empfehlen. Sein Enkel Sasha Abramsky wählt in Das Haus der zwanzigtausend Bücher einen anderen Weg, um das Leben und die Bibliothek seines Großvaters wieder lebendig werden zu lassen.

Er rekapituliert Chimens Biografie, indem er die einzelnen Räume durchschreitet, den darin aufgespeicherten Interessengebieten und Leidenschaften nachspürt und das Netzwerk der versammelten Ideen verfolgt – ein Nekrolog als Inventur. Sasha Abramsky macht die Gerüche und Geräusche erfahrbar, die entstanden, wenn die alten Bücher aufgeschlagen wurden, je nachdem, ob sie aus Pergament, Leder oder Papier bestanden. Gleiches gilt auch für die muffige Atmosphäre des maroden Hauses, an dessen Wänden und in dessen Nischen sich die Bücherformationen ablagerten und wucherten wie ein Korallenriff.

Brüche Dies alles geschieht mit dem liebevollen und erstaunten Blick des Nachgeborenen, der bisweilen nicht frei ist von Befremden, manchmal auch von Entsetzen. Denn Sasha Abramsky erzählt auch die exemplarische Geschichte einer heute nahezu untergegangenen geistigen Lebensform, die sich durch intellektuelle, bis zum Fanatismus reichende Erregbarkeit auszeichnete und sich angesichts von biografischen Brüchen und grandios gescheiterten Hoffnungen an die Bibliothek klammerte wie an eine Kultstätte. Wenn Heine die Tora als »portatives Vaterland« betitelte, bildeten die Büchersammlungen für diese von Flucht, Verfolgung und Neuanfang heimgesuchten Generationen von Juden so etwas wie eine zusammengetragene, aufgeschichtete Heimat.

Chimen wurde als Sohn des strengen wie international verehrten Rabbiners und Schriftgelehrten Yehezkel in Minsk geboren. Nachdem dieser aufgrund der antireligiösen Paranoia Stalins in ein Arbeitslager deportiert worden war, emigrierte die Familie nach London, wo sich sowohl Vater als auch Sohn bald an der Spitze politisch-religiöser Institutionen gänzlich konträrer Natur wiederfanden. Yehezkel wurde Vorsitzender des Beit Din London, den er seinen Vorstellungen gemäß gegen jede Modernisierung zu verteidigen suchte.

Sein Sohn avancierte zu einem führenden Mitglied der Kommunistischen Partei Englands, deren (ebenso wie die sowjetischen) Entscheidungen er trotz der leidvollen Erfahrungen der eigenen Familie, trotz der Enthüllungen Chruschtschows, trotz Niederschlagung des ungarischen Aufstands bis zu seinem Parteiaustritt 1958 stets voller Überzeugung rechtfertigen sollte.

atheistisch Die Passagen, in denen der Enkel sich nur unter größter Überwindung mit den Stalin verherrlichenden Artikeln des Großvaters zu konfrontieren vermag, zählen zu den stärksten des Buches. In ihnen wird nicht nur deutlich, wie die Bücher auch als Schriftmauer, als Abschirmung vor der Außenwelt dienstbar gemacht wurden, sie zeigen zudem, dass sich der wahre Kulturbruch nicht zwischen dem orthodoxen Urgroßvater und dem atheistischen Großvater ereignete, sondern zwischen dem staunenden Enkel und seinen Altvorderen.

So folgte Chimen auch in der stalinistischen Hochphase peinlich genau der Kaschrut – Mazzen und Marxismus gingen zusammen –, während sich Sasha von der Orthodoxie in Richtung einer liberalen Praxis entfernt hat. Fremd sind seinem Liberalismus auch die Versessenheit, die Aufopferungsbereitschaft und das Sektierertum, die unablässige Suche nach Heil und Sinn, deren Gravitationszentrum und Trutzburg die Bibliothek bildete.

Als Chimen in den 60er-Jahren seine Augen endgültig nicht mehr vor den Tatsachen und insbesondere dem in der Sowjetunion grassierenden Antisemitismus verschließen kann, ereilt ihn ein ähnlicher Schock wie seinen Vater, der mitansehen muss, wie sich das konservativ-reformerische Judentum in Großbritannien immer mehr durchzusetzen beginnt.

postkommunistisch Während Yehezkel nach Israel auswandert, macht sich sein Sohn auf den Weg in Richtung eines politischen Liberalismus, befreundet sich mit Jacob Talmon und Isaiah Berlin und beginnt seinen Sammlungs- und Forschungsschwerpunkt auf Judaica und jüdische Geschichte zu richten. Gleichwohl wird »seiner postkommunistischen Persönlichkeit«, wie Sasha schreibt, immer »etwas Schwermütiges anhaften«. Er beschreibt sich von da an als »eine Person, die ihren Glauben verloren und keinen neuen gefunden hat«, als jemanden, »der dauernd Obduktionen seines eigenen Denkens durchführt«.

Als Chimen stirbt, wird die nur von der Leidenschaft des Sammlers geordnete Bibliothek von den Enkeln nach Disziplinen sortiert und an Forschungsinstitute und Privatsammler verkauft. Befreit von der Verbissenheit der vorigen Generationen, scheint dieser Schritt angesichts des immensen Ballasts der Bücher die einzig vernünftige Lösung. Und lässt uns doch mit der Frage zurück, welche Bibliothek von uns einmal bleiben mag.

Sasha Abramsky: »Das Haus der zwanzigtausend Bücher«. Deutsch von Bernd Rullkötter. dtv, München 2015, 408 S., 22,90€

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026