NS-Raubkunst

Der alte Mann und das Bild

»Ich muss wohl bis zum 100. Geburtstag auf die Rückgabe meines Bildes warten«: David Toren (90) Foto: Sebastian Moll

David Toren hatte sich gefreut auf diesen Tag, die Einladung zu der Cocktailparty in seiner Wohnung hoch über dem New Yorker Central Park war so leichtherzig und albern, wie ein 90-Jähriger das eben zu sein vermag. So bat Toren um Windelgutscheine als Mitbringsel und versprach als Tombolapreis ein »15.000 Seiten dickes Buch von Benjamin Netanjahu darüber, warum die Islamische Republik Iran keine Atombombe bekommen darf«.

Die Freude auf den Nachmittag galt jedoch nicht nur dem eigentlichen Anlass, seinem runden Geburtstag. Viel glücklicher als über sein Alter war Toren darüber, dass er einen großen Triumph in einer langen Schlacht feiern konnte. Das hoffte er jedenfalls.

Wenige Tage vor seinem Geburtstag hatte der Patentanwalt und Holocaust-Überlebende eine frohe Nachricht aus Deutschland erhalten. Der Auslieferung der Zwei Reiter am Strand von Max Liebermann, einem Gemälde, das die Nazis 1938 seiner Familie geraubt hatten, stünde nun nichts mehr im Weg. Toren, der das Bild zuletzt im Alter von 13 Jahren im Salon seines Großonkels David Friedmann in Breslau gesehen hatte, war außer sich vor Freude.

Bürokratie Doch kurz vor der Feier kam dann der Dämpfer für den alten Herrn, der die Schoa in Schweden überlebt hatte, während seine Eltern in die Vernichtungslager deportiert wurden. Mit der erhofften raschen Auslieferung des Bildes, das vor zwei Jahren im Konvolut des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt wieder aufgetaucht war, würde es nun doch nichts werden. Den Grund dafür, dass ihm diese Genugtuung versagt blieb, sieht Toren im »deutschen Bürokratismus. Diese Borniertheit – da ist alles wieder zum Vorschein gekommen, was ich an Deutschland hasse«, so Toren. Gegen diese Mentalität kämpft er seit Jahren und mit allen Mitteln an.

Als das Bild auch fünf Monate nach seinem Auftauchen, im April 2014, noch immer nicht an ihn ausgeliefert worden war und er immer mehr Nachweise seines Anspruchs beibringen musste, riss Toren der Geduldsfaden. Durch einen Anwalt in Washington ließ er Beschwerde gegen die deutsche Bundesregierung einlegen. »Ich war 89 Jahre alt. Ich hatte keine Zeit. Also habe ich mich entschlossen, ihnen Feuer unter dem Hintern zu machen«, sagt er.

Toren wurde über Nacht zum Medien-Star, von der BBC bis zur New York Times berichtete jeder über den Schoa-Überlebenden, der die Bundesregierung verklagt hatte. Die Publicity wirkte, Kulturministerin Monika Grütters unterschieb die Freigabe des Liebermann-Bildes, sowie auch eines Matisse- und Spitzweg-Gemäldes. Die Erben von Gurlitt stimmten einer unkomplizierten Restitution ebenfalls zu und verzichteten darauf, ihre Rechtsmittel auszuschöpfen. Toren siegte mit seiner ungebrochenen Streitlust und seinem amerikanischen Pragmatismus gegen die deutsche Beamten-Trägheit.

Gurlitt-Erben Doch jetzt muss David Toren wegen des Amtsgerichts München anders als erwartet doch wieder auf sein Bild warten. Laut Angaben von Toren hat das Gericht beschlossen, dass sämtliche Gurlitt-Erben der Überstellung des Werkes zustimmen müssen. Einer der Erben hat jedoch bislang nichts von sich hören lassen. Eine ihm gesetzte Frist ist verstrichen, ohne dass das Gericht handelte.

Nun befürchtet Toren, dass er das Bild »frühestens zu meinem 100. Geburtstag« wiederbekommt. Das Schlimmste daran ist für ihn nicht, dass ihm und seinen drei Neffen und Nichten ihr rechtmäßiges Erbe weiterhin vorenthalten wird. Schlimmer noch sei, so Toren, »dass sich mein Bild der bornierten Bürokratie in Deutschland dadurch weiter verfestigt hat. Das Ganze ist wirklich ein Skandal«.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 21.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026