Umbau

David und Dada

Ein Spiegel der Welt: Skulptur des indischen Bildhauers Anish Kapoor vor dem Eingang des Israel Museums Foto: getty

Der matte, helle Bauschmutz, der den dunkel schimmernden Stein der Empfangshalle bedeckte, ist weggewischt. Statt Bauarbeitern drängen sich in den Ausstellungsräumen die Besucher. Kein Wimmern eines Bohrers, kein Klopfen eines Hammers, stört die Stille der Galerien. James Snyder, Direktor des Israel Museums in Jerusalem, hat Wort gehalten und eine logistische Meisterleistung vollbracht. Der Umbau des Museums, eines der größten Bauvorhaben im Nahen Osten, ist pünktlich vollendet worden. Vier Jahre lang arbeiteten hier zeitweise 450 Arbeiter aus sieben Ländern daran, den Plänen zweier Architektenbüros Gestalt zu geben. Rund 100 Millionen US-Dollar kostete die Renovierung von Israels wichtigstem Museum, nur 17,5 Millionen davon waren Steuergelder. Das Haus in den Hügeln Judäas heißt seine Besucher jetzt wieder willkommen.

menschheitsgeschichte James Snyder ist für Israel so untypisch wie der planmäßige Ablauf der Bauarbeiten. In einem Land, in dem ein sauberes T-Shirt und Jeans bereits als schicke Kleidung betrachtet werden, trägt der freundlich lächelnde Amerikaner ein gebügeltes Hemd und Krawatte. Im Gegensatz zu den Einheimischen fuchtelt er beim Reden nicht mit den Armen, sondern spricht leise. Bevor er 1997 den Posten in Jerusalem übernahm, war Snyder stellvertretender Leiter des Museum of Modern Art in New York. Manche Kollegen betrachten den Umzug als Abstieg. Snyder sieht das anders: »Das Museum in Jerusalem ist außergewöhnlich«, sagt er. »Es ist das einzige Museum auf der Welt, das eine Sammlung besitzt, die fast die gesamte Geschichte der Menschheit erfasst: von der Frühgeschichte bis zur modernen Kunst.«

500.000 Exponate besitzt das Museum, aufgeteilt in vier Bereiche: Archäologie, Judaica, internationale und israelische Kunst. Die archäologische Abteilung enthält die weltweit größte Sammlung von Funden aus dem Heiligen Land. Im Schrein des Buches sind die Qumranrollen ausgestellt, die ältesten biblischen Schriftstücke der Welt. Ein 2.000 Quadratmeter großes Modell Jerusalems im Maßstab 1:50 zeigt eine beeindruckende Ansicht der Heiligen Stadt um den Beginn der modernen Zeitrechnung. Highlights sind die Funde, deren Entdeckung das moderne Verständnis der Geschichte der Bibel revolutionierte. In einem Schaukasten schimmert edel der schwarze Basalt der Tel-Dan-Stele aus dem 8. Jahrhundert v. d. Z., die früheste außerbiblische Erwähnung des Könighauses Davids und stärkstes Indiz dafür, dass der rothaarige König keine literarische Erfindung war. Unweit davon sieht man einen Fußknochen, der von einem Nagel mit Holzsplittern durchbohrt wurde – der einzige Beweis weltweit für die Praxis der Kreuzigungen im alten Rom.

Die Exponate sind glaubensübergreifend: Inschriften aus dem Zweiten Tempel, ägyptische Sarkophage, frühchristliche Funde und islamische Gebetsnischen. Bekanntes erhält hier neue Bedeutung: Wer weiß schon, dass die ionischen Säulen der Griechen, eine Basis der europäischen Baukunst, ihren Ursprung wahrscheinlich in den Säulen des ersten Tempels in Jerusalem hatten, wo sie stilisierte Palmen darstellten. »Jerusalem ist der Geburtsort der drei monotheistischen Religionen und der Ort, an dem die alten Zivilisationen aufeinandertrafen«, sagt Snyder. »Sie alle haben hier ihre Spuren hinterlassen und voneinander gelernt. Allein deswegen hat dieses Museum universale Bedeutung«, sagt Snyder.

judaica Dieser universale Anspruch kommt auch in der Judaicasammlung zur Geltung, der größten ihrer Art weltweit. Das Museum legte Wert darauf, den Einfluss der Umwelt auf die jüdische Kultur in der Diaspora aufzuzeigen. Ein französischer Chanukkaleuchter aus dem 14. Jahrhundert etwa ahmt die Rosette von Notre Dame nach, während die Chanukkiot aus arabischen Ländern islamische Motive haben. Nur wenige Meter entfernt glänzt das Silber von Gewürzdosen, die bei den Feiern am Ausgang des Sabbats verwandt wurden. Eine zeigt deutlich ihre deutsche Herkunft: Die kleinen Türmchen, die die kostbaren Düfte im Innern beherbergen, erinnern in ihrer Verspieltheit an die Zinnen Neuschwansteins.

Doch nicht nur bei Judaica und Archäologie, auch in der Kunst ist das Museum in Jerusalem Weltspitze. »Wir haben die größte Dada-Sammlung der Welt und sind deswegen in der Erforschung dieses Themas führend«, sagt Snyder stolz. Dank Spenden umfasst die Kunstsammlung große Werke vom Mittelalter über die Impressionisten bis zu moderner israelischer Kunst. Im Außenbereich laden Skulpturen von Pablo Picasso, Auguste Rodin und Henry Moore zum Spaziergang ein.

Außensicht Um für all diese Exponate Platz zu schaffen, wurden die Ausstellungsräume fast verdoppelt. Sie erstrecken sich jetzt über eine Fläche von 20.000 Quadratmetern. Die historische originale Außenhaut der eckigen Bauten des Israel Museums, in den 60er-Jahren von den Architekten Al Mansfeld und Dora Gad nach dem Vorbild eines »typischen Dorfs im Mittelmeer« konzipiert, wurde nicht verändert. Stattdessen gingen die neuen Architekten, James Carpenter aus New York und Efrat Kowalsky aus Tel Aviv, in die Tiefe. Von Milchglas gezähmt, durchflutet die Jerusalemer Sonne durch Oberlichter die erfrischend klimatisierten Räume, deren kühle Betonwände warm ausge- leuchtet werden. Große Panoramafenster schaffen einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen, eine natürliche Verbindung zwischen den Ausstellungsstücken und den Bergen Judäas, in denen viele von ihnen gefunden wurden.

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