Ausstellung

Das Tonband als Zeugnis

Hören. Einfach nur zuhören. Pausen wahrnehmen, ertragen und stehen lassen. Halbsätze aufgreifen, die dem Gespräch eine neue Richtung geben. Vor allem aber: die Zeugen reden lassen, ihnen und ihren Erinnerungen Raum geben. Den Opfern, den Tätern, den Zuschauern.

Claude Lanzmann hat mit Shoah einen essenziellen Teil des Weltgedächtnisses als Film geschaffen. Kein Kunstwerk, keinen Dokumentarfilm, sondern ein raum- und zeitübergreifendes Epos.

So berühmt der mehr als neunstündige Film über die Vernichtung des europäischen Judentums ist, so wenig kennen wir seine Vorarbeiten. Ihnen widmet das Jüdische Museum Berlin nun eine ungewöhnliche und sehens- beziehungsweise hörenswerte Ausstellung.

Claude Lanzmann hat seine Gesprächspartner keineswegs sofort mit der Kamera konfrontiert. Er hat in den 70er-Jahren während seiner Recherchen zugehört, die Menschen sprechen lassen und ihre Geschichten aufgezeichnet – mit einem Tonbandgerät. Die Tonkassetten hat seine Witwe, Dominique Lanzmann-Petithory, nach dem Tod ihres Mannes in dessen Pariser Wohnung und im Keller gefunden, in Kartons und Schuhschachteln.

Sie hat viele Nächte damit verbracht, Beschriftungen zu entziffern und Listen anzulegen. In die Aufnahmen selbst hat sie nicht hineingehört, zu fragil schien ihr zunächst das Material. 220 Stunden Interviews mussten jedoch gehört, kategorisiert und verschriftlicht werden.

Schnell wurde sie sich mit dem Jüdischen Museum Berlin (JMB) einig. Lanzmann liebte Berlin, während der Blockade 1948/49 hatte er an der Freien Universität als Lektor gearbeitet. Die wissenschaftliche Reputation des Museums war ebenfalls ein entscheidender Faktor, um Berlin diesen Teil des Nachlasses zu übergeben.

Das Nichts ist Chiffre für die Tatsache, dass niemand aus den Gaskammern entkam.

Anlässlich des 100. Geburtstags des Regisseurs präsentiert das JMB nun die Ausstellung Claude Lanzmann – die Aufzeichnungen mit 26 Audiosequenzen in sechs Kapiteln. Besucher treten mit Kopfhörern in Hörkreise und erleben, wie Lanzmann seine Gesprächspartner mit scheinbar harmlosen Detailfragen langsam dazu brachte, sich zu öffnen, wie er nachdrücklich fragte, einerseits mit dem Versuch, die Gunst des Gegenübers zu gewinnen, andererseits wohl wissend, welche Antworten ihn weiterführen würden in seinem eigenen Auftrag, das Nichts filmisch zu dokumentieren. Das Nichts als Chiffre für die Tatsache, dass niemand aus den Gaskammern entkommen ist und dass niemand vom Sterben im Inneren erzählen konnte.

Lanzmann hat niemals schwierige oder generelle Fragen gestellt, Fragen im Sinne von »Wie haben sie sich gefühlt? Warum haben Sie das gemacht?«

Die Tonbänder führen seine Interviewtechnik vor: Er blieb bei Details

Nein, die Tonbänder führen seine Interviewtechnik vor: Er blieb bei Details. Wie weit war der Weg vom Zug zum Tor? Haben Sie Geräusche aus den Zügen gehört? Wussten Sie, warum es auf den Feldern so merkwürdig roch? Die Täter stellte er bei Kaffee und Kuchen. Entlockte dem lieben Opa Details der Vernichtungsmaschinerie, von der dieser behauptete, nichts gewusst zu haben, um anschließend in Selbstmitleid zu verfallen. Nach dem Krieg sei es ihnen allen ja so schlecht gegangen.

Gerade das Hören ohne Bild erschüttert, weil es sich auf die Dimension des Gesagten konzentriert. Ebenfalls erstaunlich sind Lanzmanns Recherchen zu den Morden in Litauen, weil sie im Film Shoah gänzlich fehlen. Lanzmann konnte nicht mit der Kamera in die Sowjetunion einreisen. Aber er recherchierte und ließ sich von den Massakern im litauischen Kaunas erzählen. Eine Überlebende berichtet für das Tonband, wie Deutsche mit Litauern 500 Intellektuelle für eine »besondere Arbeit« zusammenriefen. Sie wurden ins Fort IX gebracht und alle ermordet.

Besonders ist die Unmittelbarkeit der Gespräche, sie sind nicht inszeniert.

1978 war Lanzmann erstmals nach Polen gereist, noch mit der Vorstellung, da sei nichts mehr zu sehen oder zu entdecken, zu erkennen. Mit dem Aufnahmegerät erfuhr er das Gegenteil.

Viele Polen, die in der Nähe der Vernichtungslager gelebt und gearbeitet hatten, konnten sich detailliert an die Morde erinnern, die Schreie in den Zügen und bei der Selektion, den Gestank der verbrannten Leichen. Mit seinen Assistentinnen und Übersetzerinnen gelang es Lanzmann, sie zum Reden zu bringen.

Die Zeugen sind in der Ausstellung alle im Original zu hören

Die Zeugen sind in der Ausstellung alle im Original zu hören, auf Französisch, Deutsch, Hebräisch, Jiddisch und Polnisch. Auf elf Bildschirmen können Zuschauer die Übersetzungen mitverfolgen.

Das Besondere ist die Unmittelbarkeit der Gespräche, sie sind nicht inszeniert. Manche der Überlebenden wie Ilana Safran, die aus den Niederlanden nach Sobibor deportiert wurde, haben nur ansatzweise für die Tonaufnahme gesprochen und wollten nicht vor die Kamera treten. Lanzmanns Kunst: Er hat in den Gesprächen weder gewertet noch geurteilt. Zu Safran sagte er nur: »Ich mag Ihre Stille. Ich mag Ihre Weigerung, davon zu erzählen.«

2024 hat das Jüdische Museum Berlin eine größere Umfrage unter seinen Besuchern abgehalten: Wer ist Claude Lanzmann? 80 Prozent der Befragten wussten es nicht.

Mit dieser Ausstellung von Tonaufnahmen, die nie zur Veröffentlichung gedacht waren, wird deutlich, welch epochales Werk Lanzmann nicht nur mit dem Meisterwerk Shoah, sondern auch mit den Vorarbeiten dazu geschaffen hat.

Bis zum 12. April im Jüdischen Museum Berlin

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