Porträt

Das Rätsel der Kondensate

»Da gibt es nur ein Wort: Neugier!«: Anthony Hyman über den Schlüssel zu seinem Erfolg als Forscher Foto: imago/Sven Ellger

Porträt

Das Rätsel der Kondensate

Der britisch-israelische Zellforscher Anthony Hyman erhält den renommierten Körber-Preis

von Blanka Weber  26.08.2022 12:31 Uhr

Es ist ein sonniger Nachmittag, Anthony Hyman, lässig in T-Shirt und saloppen Schuhen, holt sich schnell noch einen Espresso in der Cafeteria der Lobby des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden. 1999 war er eines der Gründungsmitglieder. Bis heute leitet er es gemeinsam mit einem Direktorenteam.

Helle, moderne, lichtdurchflutete Architektur, dezente Kunst an den Wänden. Rechts und links im Flur sind Laborräume mit vielen auffallend jungen Menschen. Er stellt sein Team vor, das aus Asien, Europa, der ganzen Welt stammt, und schnell wird klar, Anthony Hyman versteht es, Menschen zu gewinnen und sie zu motivieren.

Wer hier forscht, will mehr erfahren über die kleinsten Zellen des Lebens, über Genetik, Proteine – die Bausteine des Lebens. Das Ziel: eine Forschung, die später in Form von Medikamenten hilft, Alzheimer oder ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zu stoppen oder gar zu heilen.

verantwortung Auch Anthony Hyman hat sich diesem Ziel verschrieben. »Wir sind eine alternde Gesellschaft. Die Probleme nehmen zu – Demenz, neurodegenerative Krankheiten. In den letzten zehn, 20 Jahren haben wir keine neuen Medikamente entwickelt.« Genau das würde er gerne ändern. Unprätentiös, locker und offen lädt er im Gespräch in seine Welt der Zellen, Proteine und Kondensate ein. Eine komplizierte Welt sei das, das wisse er, und genau deshalb wolle er sie Fremden auch gut erklären, weil er die Verantwortung spürt – einer Gesellschaft Wissen barrierefrei zu liefern, so, dass es jeder und jede versteht.

Nicht wenige bezeichnen seine Forschung als Durchbruch. Hyman lehnt bescheiden ab.

»Ich habe ein Beispiel«, damit beginnen oft seine Sätze, wenn es um das Übersetzen des Fachwissens geht, und dann entführt er in Bilder mit Bäckereien, Dörfern, Läden, Menschen, die zusammenarbeiten. »So ist das mit den Zellen auch.« Nicht wenige bezeichnen seine Forschungen als Durchbruch, Hyman wehrt bescheiden ab. Doch als er 1987 am King’s College in London über embryonale Zellteilungen des Fadenwurms promovierte, ahnte er vermutlich noch nicht, dass er 35 Jahre später anhand dieses Caenorhabditis elegans die Probleme der Menschheit angehen könnte.

»Wir haben schon vieles erforscht. Aber vermutlich würden alle Kollegen sagen, dass wir den Durchbruch für das Erforschen der Demenz noch nicht gefunden haben. Die Ursache ist unklar.« Weil man bei dieser Forschung über Millionen und Milliarden von Zellen redet, wird deutlich, dass es eine komplexe Aufgabe ist, hier auch nur einen kleinen Schritt voranzukommen.

einfallstor Es geht – grob umschrieben – um Zellflüssigkeit. Darin können sich Proteine in hoher Konzentration ansammeln. Fachleute bezeichnen diese als »Kondensate«, nur winzige Tropfen groß. Normalerweise bilden sie sich schnell und werden auch schnell wieder abgebaut. Kommt es zu Störungen, dann ist die Chance groß, dass sich in den jeweiligen Zellen toxische Stoffe ablagern, ein Einfallstor für neurodegenerative Krankheiten wie ALS oder Alzheimer.

Die Kondensate sind also ein möglicher Schlüssel zu den größten offenen Fragen dieses Fachgebiets, meint Hyman. »Jeder im Team arbeitet an einem kleinen Teil. Wir würden gerne verstehen, warum die Kondensate in den Zellen so funktionieren und wie das zusammenhängt in den Nervenzellen.«

Seine Vorfahren stammen aus einer jüdischen Familie in Slutsk, geboren wurde Anthony Hyman in Haifa, aufgewachsen ist er in Großbritannien. Heute lebt und forscht der Wissenschaftler in Dresden. Viele Auszeichnungen hat Anthony Hyman mittlerweile erhalten, seit 2021 ist er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Jetzt bekommt er den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft 2022, eine der höchsten Auszeichnungen für Wissenschaftler hierzulande. Was treibt ihn an?

»Drei Milliarden Jahre Evolution. Aber was wissen wir wirklich über das Leben? Wenig! Ich bin jeden Tag beeindruckt, wie komplex die Welt ist. Das ist es, was mich am meisten umtreibt«, antwortet Hyman. »Deswegen sind Wissenschaftler so oft im Labor. Du stehst frühmorgens auf und willst mit deinen Leuten einfach reden und diskutieren, wie das Problem gelöst werden kann.« Ein Rezept für Erfolg? Habe er nicht. »Da gibt es nur ein Wort: Neugier! Wenn man das nicht ständig hat, lohnt es sich nicht, Wissenschaftler zu werden.«

lebensweg Dabei sind es nicht immer die glatten Lebenswege, die überzeugen. Heute muss Anthony Hyman selbst schmunzeln beim Blick auf seine Biografie. »Ich bin ein bisschen anders als die meisten. Ich hatte eine andere Laufbahn, war nicht so gut in der Schule, auch nicht in der Uni.«

Er studierte Zoologie an der britischen University of Cambridge. Doch erst ein Aufenthalt in einem Labor während seines Semesters in den USA war für ihn der entscheidende Moment. »Die Wissenschaftler dort waren so fokussiert, so begeistert und leidenschaftlich in der Forschung«, erzählt er. Er kam zurück, der Knoten war geplatzt, und Anthony Hyman wusste seitdem, was er machen will und wofür er damals lernte. Ab diesem Moment hatte er nur noch Bestnoten. »Der Rest ist Geschichte«, meint er lachend.

»Drei Milliarden Jahre Evolution. Aber was wissen wir wirklich über das Leben?

Anthony Hyman

Ob ihn auch der jüdische Hintergrund geprägt habe? Anthony Hyman überlegt kurz. «Sicherlich!» Den israelischen Pass hat er noch immer. Verwandte leben in Jerusalem, und das, was ihm sein Vater und Großvater mitgegeben haben – die Werte, das Bemühen um Bildung, das ständige Lernen – hat ihn ein Leben lang begleitet: «Bleib gesund, pass auf dich auf. Dann kommt sofort die Bildung!», umreißt er das Credo, Sätze, die sein Vater oft sagte. Er erzählt von seiner Großmutter, die einst nach einer privaten Odyssee aus ihrem Wohnort an der polnisch-ukrainischen Grenze mit ihrem zweiten Mann ausgewandert war, und von Rabbi Hyman, dem Urgroßvater, der in London ein bekannter Rabbiner gewesen sei.

Die Geschichte seines Großvaters, der auch Jiddisch sprach, sowie seines Vaters über das jüdische Leben hätten ihn immer sehr beeindruckt. «Vor dem Krieg hatte jede Stadt ein jüdisches Viertel. Ich bin mit dieser Kultur aufgewachsen. Mein Vater hat uns viel erzählt und vermittelt.»

Unter seinem Schreibtisch liegt eine Hundedecke, normalerweise sind seine beiden grauen Windhunde immer hier bei ihm. Heute ausnahmsweise nicht. «Wäre Deutschland nicht ein guter Standort für Forschung, wäre ich nicht hier», meint er achselzuckend. «Das Leben ist ein Mirakel!»

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