Gehirn

Das Leben als Film

Oliver Sacks Foto: PR Rowohlt Verlag

Gehirn

Das Leben als Film

Der Neurologe Oliver Sacks erweist sich auch in seinen postum erschienenen Aufsätzen als Meister medizinischer Fallgeschichten

von Oliver Pfohlmann  23.04.2018 19:33 Uhr

Das, was wir als Wirklichkeit erleben, erscheint uns wie ein Film. Und ebenso umgekehrt: Filme erscheinen uns wie die Wirklichkeit. Denn in beiden Fällen erleben wir das Wahrgenommene als eine kontinuierliche Abfolge von Bildern beziehungsweise Sinnesqualitäten.

Bei Filmen deshalb, weil bekanntlich Einzelbilder ab einer bestimmten Bildfrequenz (14 bis 16 Bilder pro Sekunde) bewegt erscheinen. Erst wenn die Frequenz verlangsamt wird, bemerken wir die Illusion, zerfällt für uns der Film in eine Reihe einzelner, wie abgehackt wirkender Standbilder. Gibt es das analoge Phänomen auch im Fall der Wahrnehmung? Anders gefragt, gibt es ein diskontinuierliches Bewusstsein?

Leser von Oliver Sacks wissen die Antwort. Schon in seinem Bestseller Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte (1985) schrieb der Neurologe über einen amnestischen Patienten: »Er befindet sich gewissermaßen ständig in der Isolation eines einzigen Augenblicks, umgeben von einem tiefen Graben des Vergessens … Er ist ein Mann ohne Vergangenheit (oder Zukunft), der in einer sich fortwährend wandelnden, bedeutungslosen Gegenwart gefangen ist.«

Zeiterleben Dem in seiner Gegenwart gefangenen Amnestiker kann man nun noch einmal wiederbegegnen, im wohl letzten Buch des weltberühmten Neurologen, das dem Rätsel des menschlichen Bewusstseins gewidmet ist: von der Zersplitterung der Wahrnehmung unter Drogeneinfluss oder bei bestimmten neurologischen Erkrankungen über das Erleben von Zeit (»wenn man sich langweilt, ist einem möglicherweise nichts anderes bewusst als die Zeit«) bis hin zur allzu oft trügerischen Erinnerung.

Der Strom des Bewusstseins ist eine Sammlung von zehn Aufsätzen, an der Oliver Sacks bis zu seinem Tod im Alter von 82 Jahren im Jahr 2015 gearbeitet hat. Wie sehr ihm das Schreiben in seiner letzten Lebensphase, nach seiner neuerlichen Krebserkrankung, geholfen hat, erfährt man etwa in dem Kapitel »Ein gestörtes Gemeingefühl«.

Gerade der Aspekt Kreativität gehört zu den wiederkehrenden Themen dieser letzten Arbeiten des Neurologen. Immer wieder betont Sacks, wie sehr Originalität und Genialität einerseits von möglichst vielfältigen äußeren Einflüssen und Anregungen abhängen – andererseits aber eben auch von gezieltem Vergessen und einer Art »Inkubationszeit«, einer Latenzphase, in der das Unbewusste aus dem vorhandenen Material etwas Neues entstehen lassen kann.

Kreativität Nicht zufällig gehört neben Charles Darwin und William James gerade Sigmund Freud zu den wiederkehrenden Gesprächspartnern dieser letzten Sacks-Texte. Und dies natürlich nicht nur, weil der Psychoanalytiker als einer der ersten eine dynamische Auffassung von Psyche und Gedächtnis vertrat, sondern auch, weil er ein Meister der medizinischen Fallgeschichte war.

Ein Genre, das Oliver Sacks seit den 70er-Jahren wie kein Zweiter wiederbelebt hat und an dessen Wert für die Forschung er im letzten Aufsatz des Buches über die manchmal tragischen Umwege des wissenschaftlichen Fortschritts nachhaltig erinnert. Ob es um Sacks’ Forschungen zur Migräne, zum Tourette-Syndrom oder zu den Phantomgliedern ging, stets wusste die »moderne« Medizin dazu wenig zu sagen, aber umso mehr jene Fallgeschichten aus dem 18., 19. und auch noch frühen 20. Jahrhundert, die Oliver Sacks wiederentdeckte.

In diesen fänden sich »außerordentlich detaillierte klinische und phänomenologische Beobachtungen, die oft in Erzählungen von fast romanhafter Vielfalt und Dichte eingebettet sind«. Dagegen seien mit der Einführung der strengen Diagnosekriterien der Handbücher wie des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder (DSM) alle »Vielfalt, Liebe zum Detail und phänomenologische Offenheit« aus den Berichten verschwunden; stattdessen würden Krankheiten auf Listen diagnostischer Kriterien reduziert.

»Heute«, so Sacks, »haben die Krankenberichte in psychiatrischen Krankenhäusern die Informationstiefe und -dichte älterer Berichte fast ganz verloren und werden uns kaum dabei helfen, jene Synthese aus Neurowissenschaften und Psychiatrie zustande zu bringen, die wir dringend brauchen. Aber die ›alten‹ Fallgeschichten und Krankenberichte werden auch weiterhin unentbehrlich sein.« Das stimmt – zumal für Oliver Sacks’ eigene Fallgeschichten.

Oliver Sacks: »Der Strom des Bewusstseins. Über Kreativität und Gehirn«. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017, 256 S., 22 €

Elvis Presley

Der King of Rock ’n’ Roll trug einen Davidstern

Hollywoodregisseur Baz Luhrmann setzt dem Star ein episches Denkmal

von Stephen Tree  02.03.2026

Kino

Zartes Flüstern im Dazwischen

In seinem Episodenfilm erzählt Jim Jarmusch von eingeschliffenen Verhaltensmustern. Mayim Bialik überzeugt mit zurückhaltendem Spiel

von Jens Balkenborg  02.03.2026

Kulturkolumne

Was nach der KI kommt

NFL Super Bowl und Olympia: Die Sehnsucht nach dem menschlichen Moment

von Laura Cazés  02.03.2026

Berlin

Weimer über Berlinale-Chefin: Stellte selbst Zukunft infrage

Die Debatte um die Berlinale geht weiter. Alle Beteiligten wollen schnell zu »guten Ergebnissen kommen«, sagt der Kulturstaatsminister - und äußerte sich auch über Intendantin Tuttle

 02.03.2026

Nachruf

Neil Sedaka: Der Künstler, der zweimal Karriere machte

Für den jüdischen Songschreiber und Sänger gab es eine Zeit vor den Beatles und danach. Mit 86 Jahren starb er nun in Los Angeles

von Imanuel Marcus  01.03.2026

Josh Safdie

»Nichts Nostalgischeres als Mütter«

Der Starregisseur über seinen Film »Marty Supreme«, Fran Drescher und Gwyneth Paltrow

von Patrick Heidmann  01.03.2026

Geburtstag

Lebensbejahende Klangkonstrukte

Über den ungarischen Komponisten György Kurtág, der jetzt 100 Jahre alt wurde

von Stephen Tree  01.03.2026

Essay

Ich habe Xavier Naidoos öffentlicher Abbitte geglaubt ...

Da steht er also wieder vor dem Kanzleramt. Nicht als Sänger, nicht als geläuterter Rückkehrer, nicht als jemand, der seine eigenen Irrwege wirklich aufgearbeitet hätte, sondern als Lautsprecher für den nächsten verschwörungsideologischen Ausnahmezustand

von Serdar Somuncu  28.02.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert