Fernsehen

Blinder mit Weitblick

Verbotene Liebe: Alice Licht (Henriette Confurius) und Otto Weidt (Edgar Selge) in der Blindenwerkstatt (2. u. 3. v.l.) Foto: NDR / Vincent TV / Beate Waetzel

Frühjahr 1944. Eine Bahnstrecke im heute polnischen Gebiet zwischen den Vernichtungslagern Theresienstadt und Auschwitz. Alice Licht, 28 Jahre alt, wirft aus einem Deportationszug Richtung Auschwitz eine unfrankierte Postkarte neben die Gleise.

Die Karte landet tatsächlich beim Adressaten, dem blinden Berliner Bürstenfabrikanten Otto Weidt, dessen rechte Hand die junge Jüdin war. Unter dem Vorwand, Ware verkaufen zu wollen, macht sich der Unternehmer auf nach Auschwitz, um die von ihm geliebte Frau zu retten.

spielhandlung Weidt und Licht sind die Protagonisten des Dokudramas Ein blinder Held, das die ARD am kommenden Montag, den 6. Januar, um 21.45 Uhr zeigt. Dokudrama ist ein dehnbarer Begriff, oft ist es eine Mixtur aus dokumentarischen Bildern, Zeitzeugen- und Experteninterviews und Reenactment, also nachgestellten Szenen.

Regisseur Kai Christiansen indes erzählt die Geschichte Weidts und Lichts als Spielhandlung mit Edgar Selge und Henriette Confurius in den Hauptrollen. Die einzige Zeitzeugin ist die Schriftstellerin Inge Deutschkron, die hier als Erzählerin fungiert. Christiansen greift zwar auch auf Archivbilder zurück, aber die machen nur einen kleinen Teil des Films aus.

Überraschend ist, dass es so lange gedauert hat, bis Otto Weidts Wirken in einem Film gewürdigt wird. Dass ein Mann nach Auschwitz reist, um jemanden zu befreien, wirkt allein schon schwer vorstellbar. Dass dieser Mann nicht einmal sehen konnte, macht die Geschichte erst recht zu einem Stoff, der sich für eine Verfilmung aufdrängt. Zumal sich die Situation noch verkompliziert, nachdem Weidt in Auschwitz eingetroffen ist. Er erfährt, dass Alice Licht mittlerweile im KZ-Nebenlager Christianstadt interniert ist, und tüftelt einen Fluchtplan aus. Als die SS angesichts der nahenden Roten Armee Christianstadt aufgibt und die Gefangenen Richtung Westen treibt, gelingt der jungen Frau im Januar 1945 tatsächlich die Flucht.

zeitzeugin Zu verdanken ist die posthume Würdigung zuvörderst Inge Deutschkron, die Sandra Maischbergers Produktionsfirma Vincent TV den Anstoß für das Projekt gab. Die heute 91-Jährige hat von 1941 bis 1943 für Weidts Firma in Berlin gearbeitet, sie hat miterlebt, was er nicht nur für Licht getan hat, sondern auch für seine anderen jüdischen Angestellten, von denen er einige in seiner Wohnung versteckte. Viele von ihnen waren, wie Weidt, blind, weshalb sich für den Betrieb der Begriff »Blindenwerkstatt« einbürgerte. Da Weidts Firma als »kriegswichtiger Betrieb« galt – sie verkaufte Besen und Bürsten auch an die Wehrmacht –, konnte er stets damit argumentieren, dass seine jüdischen Mitarbeiter gewissermaßen Dienst fürs Vaterland taten.

Weidt war auch ein Virtuose der Schattenwirtschaft. Durch Tauschgeschäfte kam er an Alkoholika, Zigarren und andere Luxuswaren. Damit korrumpierte er Gestapo-Mitarbeiter und bewahrte so seine Angestellten mehrmals vor der Deportation. Weidt habe die Gestapo-Leute »bestochen bis dort hinaus«, erzählt Deutschkron im Film. Der Bürstenfabrikant war auch in der Lage, jenen leutseligen Ton zu treffen, der bei den Nazis ankam.

Inge Deutschkron, als junge Frau im Film von Julia Goldberg verkörpert, berichtet temporeich, druckvoll, gelegentlich auch resolut, und stets mitfühlend. Kai Christiansen lässt ihre Erzählungen manchmal auch während der Spielszenen weiterlaufen. Er habe im Schnitt auch gedrehte Szenen weggelassen, wenn sich die Interviewpassagen als besser erwiesen, um bestimmte Dinge zu erzählen, sagt der Regisseur.

non-fiction Das Gespräch mit Deutschkron hat Produzentin Sandra Maischberger geführt. Ihre Fragen kommen nicht vor im Film, und zu sehen ist sie auch nicht, aber dass Deutschkron hier eine tragende Rolle spielen konnte, dürfte zumindest zu einem Teil der Gesprächsführung der Journalistin zu verdanken sein.

Ein blinder Held besteht zwar zu fast 80 Prozent aus Spielszenen, betreut haben die Produktion aber Redakteure, die in den beteiligten ARD-Anstalten – HR, NDR, RBB und WDR – für Kultur und Dokumentationen zuständig sind, darunter Esther Schapira (HR), die Autorin der Dokumentation Die Akte B. – Alois Brunner: Die Geschichte eines Massenmörders. Die Non-Fiction-Redakteure dürften einen Anteil daran haben, dass sich die Spielszenen durch eine gewisse dokumentarische Strenge auszeichnen.

Die Liebesbeziehung zwischen dem verheirateten »Arier« Weidt und der mehr als 30 Jahre jüngeren Jüdin Alice Licht, die ja aus unterschiedlichen Gründen nur im Verborgenen gelebt werden konnte, wird im Film erfreulicherweise nur dezent interpretiert. Regisseur Kai Christiansen macht auch deutlich, dass sich Weidt überschätzte. Der Unternehmer glaubte, er habe etwas in der Hand gegen die Nazis, die er so ausgiebig bestochen hatte.

Doch als sein Schutz- und Verstecksystem zusammenbricht, weil ein mit der Gestapo kooperierender jüdischer »Greifer« alles auffliegen lässt, erreicht er lediglich, dass Alice und ihre Eltern nach Theresienstadt kommen – ins »Privilegierten-KZ«, wie Inge Deutschkron schnoddrig kommentiert. Wenigstens konnte Weidt ihnen dorthin Lebensmittelpakete schicken.

Ein einziger möglicher Makel des Films könnte sein, dass Kai Christiansen seine Geschichte chronologisch erzählt. Das ist für die Zuschauer in der Regel keine besonders Herausforderung. Möglicherweise war aber das aber auch keine völlig falsche Entscheidung angesichts der turbulenten und unwahrscheinlichen Ereignisse, von denen Ein blinder Held berichtet.

»Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt«. Das Erste, Montag, 6. Januar, 21.45 Uhr

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026