»Es gibt kein Leben, das mehr für die deutsch-deutsche Geschichte steht, als jenes von Wolf Biermann«. Dieses Zitat aus der »New York Times« prangt auf dem Plakat zum aktuellen Biermann-Film. Es bringt die Ausnahmestellung des Liedermachers auf den Punkt, der sich mit seinem Schaffen immer wieder in die Politik in der DDR und der Bundesrepublik eingemischt und mit seinen kritischen Positionen wie kaum ein anderer provoziert hat.
Der Film von Regisseur Jens Meurer begleitet Biermann, der im November 90 Jahre alt wird, zu Begegnungen mit Künstlern wie Lina Maly und Wolfgang Niedecken, Politikern wie Joachim Gauck und mit Familienmitgliedern. Das gibt dem Liedermacher die Möglichkeit, seine Erinnerungen an Lebensstationen auszubreiten. Meurer zeigt Ausschnitte aus Konzerten und Vorträgen, präsentiert bekannte und teils unveröffentlichte Archivaufnahmen, Familienfotos, Fernsehinterviews und Bespitzelungsfilme der DDR-Staatssicherheit.
Die Bildquellen sind bemerkenswert vielgestaltig. Insgesamt werden 30 Lieder von »Gesang für meine Genossen« bis »Nur wer sich ändert« angespielt. Kombiniert wird dieser Materialmix mit Statements von Weggefährten und Zeitzeugen von Heinrich Böll bis Romy Schneider.
Die Ausbürgerung und ihre Folgen
Eine Schlüsselrolle spielt das berühmte Kölner Konzert vom 13. November 1976. Mehrere Ausschnitte rufen im Film den Auftritt in Erinnerung, der Auftakt zu einer Tournee durch die Bundesrepublik war. Doch schon drei Tage später beschloss das Politbüro der SED, Biermann wegen seiner Aktivitäten »gegen die DDR und den Sozialismus« auszubürgern.
Diese Entscheidung war nicht nur ein tiefer Einschnitt im Leben von Biermann, sondern hatte vor allem für die DDR weitreichende kulturpolitische Folgen. Erst protestierten 13 namhafte Schriftsteller und Schriftstellerinnen der DDR von Sarah Kirsch bis Heiner Müller gegen den Rauswurf, dann erklärten sich etwa 100 Intellektuelle aus der DDR mit Biermann solidarisch. Manche Protestierenden wie die Schauspieler Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl verließen daraufhin eher früher als später ihre Heimat und gingen in den Westen.
Unermüdlich mit fast 90
Neben dem Kölner Konzert zeigt der Film auch Ausschnitte aus einem weiteren Konzert in der Stadt vom November 2025, das paradigmatisch für die unermüdliche Schaffenskraft des Künstlers steht. Unter dem Titel »Warte nicht auf beßre Zeiten« gibt Bierman im Herbst 2026 mit Freunden drei Konzerte: einmal mehr in Köln, in Leipzig und in seiner Heimatstadt Hamburg. Fast gleichzeitig erscheinen ein Album mit neuen und alten, bisher unveröffentlichten Liedern sowie drei Bücher von ihm.
Der Regisseur versteht den Film als »ein Denkmal im Sinne des Wortschöpfers Luther, als eine Erinnerungsstütze und Stolperstein«. Er erzählt weitgehend chronologisch, nimmt sich aber auch die Freiheit für Zeitsprünge. So schildert er die Kindheitsjahre des jungen Hamburger Kommunisten, dessen Vater 1943 in Auschwitz ermordet wurde, die Übersiedlung 1953 in die DDR und die ersten Schritte in die Theaterszene.
Hier wie auch an anderen Stellen verbindet Meurer Biermanns persönliche Erinnerungen geschickt mit Ereignissen der Zeitgeschichte. Sympathisch wirkt dabei insbesondere, dass Biermann die Gelegenheit mitunter nutzt, sein früheres Ich im Rückblick zu korrigieren.
Zeit in Bundesrepublik unterbelichtet
Auch wenn Biermann durch seine kreativen Aktivitäten in der DDR und die Ausbürgerung berühmt wurde, umfasst diese Zeitspanne eigentlich nur rund 16 Jahre. Denn erst 1960 begann Biermann, Gedichte zu schreiben und Lieder zu komponieren. Der Aufenthalt in der Bundesrepublik erstreckt sich dagegen über 50 Jahre. Seltsamerweise bleibt diese Zeitspanne im Film verhältnismäßig unterbelichtet. Von seinem Ruhm in der DDR zehrte Biermann noch lange. Seine Furcht vor einem Verlust seiner kreativen Produktivität im Westen thematisiert der Film zwar kurz, greift sie aber nicht intensiver auf.
Weitere Leerstellen gibt es bei Biermanns komplexem Privatleben, wenn man von Statements seiner zweiten Frau Pamela absieht, die er 1989 geheiratet hat. Dass der Künstler mit vier Frauen zehn Kinder hat, wird zwar einmal kurz angeschnitten, aber ebenfalls nicht weiterverfolgt. Dabei hätte man gerne mehr erfahren, wie die Nachkommen ihren berühmten Vater heute sehen.