Bildung

»Wir müssen investieren«

Forscht als Chemiker: Uni-Präsident Arie Zaban Foto: Rolf Walter

Herr Zaban, Sie waren kürzlich in Berlin, um die Beziehungen Ihrer Universität zu Deutschland zu stärken. Warum rückt die Bundesrepublik in das Interesse der Bar-Ilan-Universität?
Wir interessieren uns für neue Forschungskooperationen, wollen bestehende Partnerschaften ausbauen und den Studierendenaustausch fördern. Das Wichtigste für uns ist die Zusammenarbeit. Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wir forschen nicht nur für Israel, sondern für eine bessere Welt. Das ist unser wissenschaftliches Selbstverständnis.

Sie kooperieren mit 35 Ländern. Welche Rolle spielt Deutschland in dem Netzwerk?
Der bedeutendste Partner sind die USA. Doch danach kommt Deutschland. Ein Grund, warum viele unserer Forscher gern mit deutschen Forschenden zusammenarbeiten ist, dass es eine positive Einstellung zu Wissenschaft und Forschung gibt.

Welches Programm aus der deutsch-israelischen Forschungszusammenarbeit ist für Sie strategisch am wichtigsten?
Alle Programme sind gut. Jedes hat seinen eigenen Zweck. Aber ehrlicherweise muss man konstatieren: Die Fördermittel reichen nicht aus. Gemessen an der Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für unsere Gesellschaft, brauchen wir zehnmal mehr Fördermittel. Wenn unsere Gesellschaft der Meinung ist, dass Wissenschaft wichtig ist, dann müssen wir mehr investieren und mehr Kooperationen eingehen.

Wo sehen Sie die größten Chancen für deutsch-israelische Forschungsprojekte?
Die Künstliche Intelligenz hält auf dramatische Weise Einzug in die Wissenschaft. Das gilt für die Hardware und für die Software. Im Bereich Chips oder Systeme sind wir an der Bar-Ilan-Universität in Israel führend. Hier würde ich mir mehr Zusammenarbeit mit Deutschland wünschen. Großes Potenzial hat auch die KI-basierte Materialforschung. Deutschland ist hier sehr stark. Gleiches gilt für Medizin und Gesundheit. Langlebigkeit (Longevity) ist ein großes Thema.

Die internationale Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten steht seit dem 7. Oktober 2023 unter erheblichem politischen Druck. Welche Erwartungen haben Sie an Deutschland?
Wir haben die Aufgabe, Wissenschaft und Politik zu trennen und uns auf die wissenschaftliche Wahrheit zu konzentrieren. Deshalb boykottieren wir keine Länder und sind gegen politischen Druck auf die Wissenschaft. Diese Grundregel wird immer wieder infrage gestellt. Wenn wir Politik an die Stelle von Menschlichkeit setzen, verlieren wir alle. Natürlich verlieren wir in Israel mehr, weil wir uns derzeit in der Defensive befinden. Aber wenn wir im Gespräch bleiben, ist das der Schlüssel. Wissenschaft kennt keine Grenzen. Sie baut Brücken. Wenn man die Brücken zerstört, verlieren wir alle. Israelische Wissenschaftler und Forscher haben schließlich viel zu bieten.

Wie erfolgreich ist Ihre Teilnahme am Erasmus+-Programm?
Sehr erfolgreich! Zu uns kommen Studierende aus ganz Europa, um einen Masterstudiengang zu absolvieren. Wir wissen das sehr zu schätzen. Wir würden mittelabhängig das Programm gern so weit wie möglich ausbauen.

Die Bar-Ilan-Universität ist die zweitgrößte Forschungsuniversität Israels. Der Anteil internationaler Studierender liegt bei nur vier Prozent. Ist dies ausreichend?
Wir verzeichnen mit 30 Prozent ein starkes Wachstum bei den Studierendenzahlen. Der Grund dafür ist, dass wir mit unserer Tradition verbunden sind. Gleichzeitig betreiben wir exzellente Forschung. Das ist für junge Menschen in Israel sehr attraktiv. Sie lieben ihr Land und wollen nicht von unserem Erbe, unserer Geschichte und unserer Tradition losgelöst sein. Im Moment haben wir etwa 800 internationale Studierende. Die Zahl ist aufgrund der aktuellen Lage zurückgegangen. Es ist derzeit nicht einfach, Studierende für Israel zu begeistern. Wir bieten nach wie vor ein intensives Programm, um mehr internationale Studierende zu gewinnen. Hoffentlich kehrt bald Frieden ein.

Lesen Sie auch

Welche Maßnahmen könnten die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel stärker befördern?
Es gefällt uns zwar nicht, aber Geld regiert die Welt. Ich halte eine hervorragende finanzielle Ausstattung von Wissenschaft und Forschung für essentiell. Von den Fachpolitikern erwarte ich, dass sie dies zu einer Priorität machen. Dass wir Wissenschaft und Forschung stärken, ist mittlerweile eine Frage der freien Welt, eine Frage der Widerstandsfähigkeit, der Demokratie.

Welche Botschaft richten Sie an deutsche Unterstützer?
Die Bar-Ilan-Universität ist ein einzigartiger Ort. Es kann verschiedene Formen von Partnerschaft geben. Wichtig ist, dass Spender und Forschung zusammenpassen, und das gemeinsame Ziel ist, eine positive Wirkung in der Welt erzielen.

Mit dem Präsidenten der Bar-Ilan-Universität sprach Gabriele Hermani.

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Mirjam Zadoff

Leiterin verlässt NS-Dokuzentrum München

Die Innsbruckerin geht zum 1. März 2027 ans Haus der Geschichte Österreich in Wien

 21.10.2026

Funfacts & Wissenswertes

10 Jahre

Zahl der Woche

 20.10.2026

Punk

»Gefilte Fuck« und andere Provokationen

Ein neuer Sammelband beleuchtet jüdische Identitäten, Antisemitismus und den Kampf dagegen in der Szene

von Pascal Beck  19.10.2026

Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Eine Würdigung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu ihrem 80. Geburtstag

von Christa Gürtler  19.10.2026

New York

Mike Tyson droht Supreme wegen verschwundener Israel-Flagge auf Hoodie

Bei dem Streit geht es um ein Hoodie, das neben dem Boxer mehrere Nationalflaggen zeigt. Plötzlich war nicht mehr die des jüdischen Staates darunter, sondern die Palästina-Fahne

 19.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Aufgegabelt

Salat mit gerösteten grünen Bohnen

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  18.10.2026