Theater Kassel

Beseelt von der Idee eines großen Plans

Emilia Reichenbach als Cellistin Alice Foto: Katrin Ribbe

Theater Kassel

Beseelt von der Idee eines großen Plans

Eine schwarze Komödie und ein hochaktuelles Stück über Antisemitismus: Avishai Milsteins »Friedensstifterin«

von Jakob Hayner  22.04.2023 21:25 Uhr

Über den leeren Hinterhof des Fridericia­nums, wo im Sommer noch ruangrupa die documenta mit lumbung zu beglücken versuchte, geht es in den Keller zur Nebenspielstätte des Staatstheaters Kassel. Hier wird die mit Spannung erwartete Uraufführung von Avishai Milsteins Die Friedensstifterin gezeigt. Milstein, der nach seinem Militärdienst in Israel in München studiert hat und inzwischen seit vielen Jahren das Beit-Lessin-Theater in Tel Aviv leitet, war selbst für den großen Tag aus Israel angereist.

Ein Stück über den Nahostkonflikt, und das in Kassel nach dem documenta-Skandal – kann das gut gehen? Mehr als das, es ist ein wahrer Glücksfall! Die Friedensstifterin ist eine rasante schwarze Komödie über die Deutschen, die Juden und Israel. Regisseur Josua Rösing jagt mit dem spielfreudigen Ensemble von Pointe zu Pointe, man kommt kaum hinterher. Emilia Reichenbach spielt die Cellistin Alice, kurz: Ali, die mit einem Husumer Streichensemble ein Konzert in Gaza geben will. Kurz darauf wird sie entführt und landet, wieder befreit, in Israel. Und ist beseelt von der Idee eines großen Friedensplans.

Mission Die große Mission in Alis Herzen wird beflügelt durch die klassische deutsche Musik. Wäre es nicht wunderbar, dadurch den Weltfrieden zu bringen? Gerade sie als Deutsche, die aus der Vergangenheit so viel gelernt hat? Das Gefühl der moralischen und kulturellen Überlegenheit führt dazu, dass Alice die Menschen in ihrer Umgebung nur als Objekte ihrer moralischen Fürsorge wahrnimmt. Wer sich ihr als Opfer präsentiert, darf mit ihrer vollen Zuneigung rechnen. Tote Juden und lebende Palästinenser hat sie in ihr Herz geschlossen, nur mit den lebenden Juden hapert es.

Das Stück wendet sich gegen Antisemitismus, indem es zeigt, wie vielfältig und zugleich einfältig er sich äußert.

Die Friedensstifterin zeigt mit bitterbösem Humor eine deutsche Seelenlandschaft, in der die reine Liebe zur großen Kultur mit allerlei Ressentiments einhergeht, nicht zuletzt gegen Juden. Die von der Weltfremdheit des deutschen Idealismus gespeiste Naivität kippt in einen unheimlichen Eifer, der wie einst den totalen Krieg nun den totalen Frieden einfordert. Es ist ein Stück über die sanfte Unmenschlichkeit der kulturellen Überhöhung, die mit einem gehobenen Antisemitismus einhergeht. Das muss man nicht, kann man aber auch als Kommentar zur documenta verstehen.

Und der große Plan vom Frieden durch klassische Musik? Ist am Ende nicht mehr als der Versuch, sich abermals zur moralischen Größe aufzublasen. Zwischen einem Coldplay-Konzert und einem Eiskunstlaufpärchen eingetaktet, ist er zum Scheitern verdammt. Hinderlich ist das nicht, im Gegenteil. Je unmöglicher das eigene Vorhaben, umso mehr kann man von der Wirklichkeit unberührt im romantischen Gefühl schwelgen – wie auch das eigene künstlerische Schaffen den Anschein größerer metaphysischer Weihen erhält.

Farce Es ist eine absurde Farce, der es nicht an Realität mangelt. Das liegt nicht nur an einzelnen Ereignissen, die man in Die Friedensstifterin wiedererkennen kann – von Daniel Barenboims Konzert in Gaza über Mahmud Abbas’ Rede von den »50 Holocausts« bis zur Entführung von Gilad Schalit. Ein Dokumentarstück ist es trotzdem nicht, wie Milstein betont. Es ist vor allem der Versuch, den deutschen Blick auf Israel mit aller Schärfe zu fassen zu bekommen. Und mit großer Lust all die Vorurteile, Ressentiments, Missverständnisse und sonstigen Absurditäten auf die Bühne zu bringen und gnadenlos abzuräumen.

Die Friedensstifterin wendet sich gegen Antisemitismus, indem das Stück zeigt, wie vielfältig und zugleich einfältig er sich äußert. Mit einem umfangreichen Begleitprogramm richtet sich das Theater an die Stadtgesellschaft in Kassel. Avishai Milstein will die Inszenierung zudem unbedingt nach Israel ins Theater bringen. Eine weite Verbreitung im deutschen Theater ist dem Stück darüber hinaus sehr zu wünschen. Eine solche Mischung aus großartigem Witz und politischer Brisanz sieht man selten.

Das Stück wird am 6. Mai und am 16. Juni erneut am Staatstheater Kassel aufgeführt.

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 11.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  11.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026