Hommage

Beschreibung des beschädigten Lebens

Jean Améry (1912–1978) Foto: dpa

Hommage

Beschreibung des beschädigten Lebens

Hanjo Kesting erinnert mit einem Essayband an den Philosophen Jean Améry

von Ludger Heid  11.11.2014 08:45 Uhr

Am 28. Oktober 2012 strahlte der NDR-Hörfunk eine O-Ton-Collage mit dem Titel »An den Grenzen des Geistes« aus. Anlass war der 100. Geburtstag von Jean Améry, Initiator war Hanjo Kesting, bis 2006 Leiter der Hauptredaktion »Kulturelles Wort« beim NDR. Kesting kannte Améry seit 1977. Die beiden waren befreundet, haben zusammengearbeitet, pflegten eine ausführliche Korrespondenz. Jetzt hat Kesting ein elegant geschriebenes essayistisches Erinnerungsbuch über Améry vorgelegt, eine Verbeugung vor einer großen intellektuellen Persönlichkeit, die aus dem deutschen Geistesleben des 20. Jahrhunderts herausragt.

Mit seinem Buch Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten hatte Améry 1966 die literarische Bühne Westdeutschlands betreten und genoss fortan allgemeine Wertschätzung, füllte die Spalten des Feuilletons. Was der 1912 bei Wien geborene Améry in diesem Frühwerk versuchte, war ein autobiografisch grundiertes Sittengemälde seines Heimatlandes in der Epoche des Austrofaschismus.

held Améry, der seinen Geburtsnamen Hans Mayer durch anagrammatische Buchstabenversetzung in Jean Améry geändert hatte, war der traurige, geschundene Held seines Eigenberichts, doch außerdem war er Journalist, Publizist, Essayist und Schriftsteller, Kulturkritiker und Philosoph.

Mit seinem Debütwerk schrieb Améry ein Schlüsselwerk über den »Zivilisationsbruch« – obwohl dieses Wort erst 25 Jahre später Eingang in die deutsche Sprache fand –, die erlittene Tortur, ihm zugefügt von Schergen, die der Nationalsozialismus hervorgebracht hat. 647 Tage Konzentrationslager und sechs Monate in der Folterstätte des flämischen Fort Breendonk waren die zentrale Erfahrung seiner Existenz und wurden zur Achse seiner spirituellen Autobiografie. Die Eruption des radikal Bösen in Deutschland in seiner fürchterlichen Rationalität erschien Améry als weltgeschichtlich singulär.

Auch wenn die Folter keine Erfindung des Nationalsozialismus war, heißt es bei ihm: »Sie war seine Apotheose«. Nie zuvor (und danach) hat ein Autor seine Erfahrung eines beschädigten Lebens so nachdrücklich niedergelegt, ist ein persönliches Geschick, wie er es zu erleiden hatte, mit solcher Präzision beschrieben worden. Améry hat die Niederschrift des Buches als »Katharsis« bezeichnet: Alles Verdrängte kam wieder hoch und wurde von ihm geistig durchgearbeitet.

meisterdenker Zu Lebzeiten stand Améry, der sich mit Blick auf Meisterdenker wie Adorno, Bloch oder Canetti in bodenloser Untertreibung als »bescheidener Lump« charakterisierte, im Schatten dieser intellektuellen Mandarine, von denen er sich durchaus selbstbewusst abgrenzte. Kesting resümiert: »Heute hat er aufgeholt und sie eingeholt, ein Großer des europäischen Geistes im 20. Jahrhundert. Beglückt konstatiert man 35 Jahre nach seinem Tod: Améry lebt.«

Und wie er lebte, das zeigt Kesting in acht großen Essays. Amérys Bücher sind Ausdruck einer moralischen und künstlerischen Revolte gegen das Ungeheuerliche und Unabänderliche, das ihrem Verfasser in den Folterstätten der Nazis widerfahren war. Die unverwechselbare Diktion seiner essayistischen Prosa tritt in seiner Philosophie des Existenzialismus in ein helles Licht. Mit 45 Jahren fiel sein Eigenurteil indes nicht gerade positiv aus – seine Lebensbilanz hatte bis dahin wenig Gewinn gezeigt.

Ihm war viel Zeit durch die Verfolgung genommen worden, und so sah er sich als bloßer »Schreibhandwerker«, als ein Gehetzter »wursteln«. Dieses Wursteln bestand im unablässigen Kampf um Aufträge, im Schreiben für Zeilengeld in atemberaubendem Pensum. Die alltägliche Misere als freier oder, wie er es nannte, »freischnorrender« Schriftsteller spürte er mit voller Wucht. Das durchdringende Gefühl einer »Luftexistenz« wurde er nie recht los. Indes: Seine Texte lassen nichts von Zeitdruck und Terminhatz spüren. Seine Essayistik ist ausgestattet mit einem Stil makelloser Reinheit: Améry schrieb große deutsche Prosa.

schicksalsirrtum Am 17. Oktober 1978 nahm sich Jean Améry mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Er, der 1945 in Bergen-Belsen Befreite, hatte es stets als Schicksalsirrtum empfunden, am Leben geblieben zu sein. Nachdem er 1975 einen viel beachteten Diskurs »Hand an sich legen« verfasst und darin den Freitod als den letzten »Weg ins Freie«, ja, sogar als unveräußerliches Menschenrecht reklamiert hatte, waren immer wieder Vermutungen ins Kraut geschossen, er habe von eigenen Absichten berichtet.

Améry hatte die Folter in den Nazi-Kerkern zwar überlebt, doch das Weltvertrauen hat er nicht wiederzufinden vermocht. Er konnte nicht mehr heimisch werden in der Welt. Auf dem Wiener Grabstein steht unter seinem Namen allein die Zeile »Auschwitz Nr. 172364«. Kestings Buch ist ein Plädoyer, Jean Améry wieder zu lesen.

Hanjo Kesting: »Augenblicke mit Jean Améry. Essays und Erinnerungen«. Wallstein, Göttingen 2014, 269 S., 22,90 €

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026

Zahl der Woche

85 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 24.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wenn das Leben dir Zitronen schenkt oder Kennst du das Land ...

von Katrin Richter  24.05.2026

Konzert

»Man muss richtig aus dem Vollen schöpfen«

Omer Meir Wellber bringt »Mass« von Leonard Bernstein auf die Bühne. Hamburgs Generalmusikdirektor erklärt, welche Faszination von dem Stück ausgeht

von Stephen Tree  24.05.2026

Kulturkolumne

Wenn Israelis anklopfen

Influencer haben das alte Israel für sich entdeckt – und feiern es online

von Sophie Albers Ben Chamo  24.05.2026

Medizin

Gemeinsam gegen Krebs

Von den Grundlagen zur Therapie: Seit 50 Jahren arbeiten deutsche und israelische Wissenschaftler bei der Erforschung von Tumoren zusammen

von Gabriele Hermani  24.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  24.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026