Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Anne Goscinny Foto: picture alliance / SIPA

René Goscinny starb nicht dort, wo er einen Großteil seines Lebens verbracht hatte - an seiner Schreibmaschine. Er starb auf einem Ergometer während eines Belastungstests beim Kardiologen. Er war 51 Jahre alt. Seine Tochter Anne war erst neun. Jahrzehnte später verfasste sie einen Brief an ihren Vater, den sie ihm nie schreiben konnte. Darin geht sie der Frage nach, wie man mit einem Verlust lebt, der ein ganzes Leben prägt.

Anlässlich des 100. Geburtstags des französischen Comicautors am 14. August erscheint nun das persönliche Buch »Das Klimpern der Schlüssel« (im Original: »Le bruit des clés«) der heute 58-jährigen Romanautorin auch auf Deutsch.

Das Werk ist kein klassisches Erinnerungsbuch an den Schöpfer von »Asterix«, »Lucky Luke« und »Der kleine Nick«. Anne Goscinny macht von Anfang an klar, dass sie keinen Mythos errichten will.

Ausdruck lebenslanger Abwesenheit

Auf nicht einmal hundert Seiten schreibt sie über die Trauer eines Kindes, über die Jahre ohne den Vater und über die Spuren, die seine Abwesenheit hinterlassen hat. Es ist der poetische Versuch einer Tochter, einer lebenslangen Abwesenheit Ausdruck zu verleihen.

Die Autorin erzählt in einer Sprache von großer Schlichtheit und poetischer Kraft. Nie wird sie pathetisch, nie sentimental. Ihre Sätze wirken zugleich leicht und eindringlich. Immer wieder findet sie Bilder für den Schmerz des Verlusts. Eines davon gab dem Buch den Titel: das Klimpern der Schlüssel, das einst die Rückkehr des Vaters ankündigte und nach seinem Tod für immer verstummte.

Albert Uderzo (links) und René Goscinny, die beiden Schöpfer des Comic-Helden Asterix, sind 1976 Ehrengäste bei der Deutschlandpremiere des Films »Asterix erobert Rom«.Foto: picture alliance / Sammlung Richter
Bittere Erkenntnis

Wenn sie schreibt, das Schwierigste sei gewesen, »alles neu lernen« zu müssen, verdichtet sie die Erfahrung eines trauernden Kindes auf wenigen Zeilen. Es geht um die Sonntage ohne den Vater, die Ferien ohne ihn, die Wohnung ohne ihn, schließlich sogar erwachsen zu werden ohne seinen Blick.

Wie verzweifelt das Kind den Vater festzuhalten versucht, zeigt eine der stärksten Szenen des Buches. Anne Goscinny kauft sein Parfum »Moustache«, hört alte Aufnahmen und sieht ihn auf Fernsehbildern wieder - doch am Ende bleibt die Erkenntnis, dass nichts die Lücke schließen kann, die sein Tod hinterlassen hat.

Mit der Zeit sucht sie andere Bezugspunkte. Sie bindet ihre Sehnsucht nach Schutz und Anerkennung an Ärzte, Lehrer und ältere Männer - an Ersatzväter, die den fehlenden Vater nicht ersetzen können, aber zeitweise Halt geben. Diese psychologische Genauigkeit gehört zu den großen Stärken des Buches.

Späte Konfrontation

Ein anderes Kapitel führt Anne Goscinny zu dem Kardiologen, bei dessen Belastungstest ihr Vater im November 1977 starb. An ihrem 18. Geburtstag sucht sie ihn auf. Mit einer Hand in der Manteltasche behauptet sie, eine Pistole dabei zu haben und ihn töten zu wollen.

Die Szene zeigt, wie lange sich Wut konservieren kann. Dass der Arzt ruhig bleibt und ihr erklärt, der Infarkt hätte ihren Vater möglicherweise sonst am Steuer des Autos ereilt und damit auch sie und ihre Mutter in Gefahr gebracht, verändert nichts schlagartig.

Lesen Sie auch

Ein Mann, der schwere Verluste ertrug

Neben der Geschichte der Tochter entsteht nach und nach auch ein anderes Bild von René Goscinny. Nicht das des gefeierten Humoristen, sondern das eines Mannes, der selbst schwere Verluste mit sich trug.

Anne entdeckt Briefe, erfährt vom Schicksal seiner während der Schoa deportierten und ermordeten jüdischen Verwandten und begreift, dass ihr Vater seine eigene Trauer nie wirklich ausgesprochen hat.

Ein Vater, den die Welt nicht kannte

Obwohl René Goscinny als weltberühmter Autor allgegenwärtig bleibt - Schulen, Bibliotheken und Straßen tragen seinen Namen, seine Figuren leben weiter -, kreist dieses Buch nie um Ruhm oder literarisches Erbe.

Im Gegenteil: Immer wieder zeigt Anne Goscinny, wie widersprüchlich es ist, Waise eines berühmten Vaters zu sein. Die ganze Welt kennt seine Figuren, aber niemand kennt den Vater, der seiner Tochter zum zehnten Geburtstag nicht mehr gratulieren konnte.

Anne Goscinny ist mit diesem Brief ein stilles, außergewöhnlich schönes Buch gelungen. Es ist persönlich und literarisch anspruchsvoll. Wer René Goscinny nur als Schöpfer unsterblicher Comicfiguren kennt, entdeckt hier den Menschen hinter dem Mythos.

Funfacts & Wissenswertes

10 Jahre

Zahl der Woche

 20.10.2026

Punk

»Gefilte Fuck« und andere Provokationen

Ein neuer Sammelband beleuchtet jüdische Identitäten, Antisemitismus und den Kampf dagegen in der Szene

von Pascal Beck  19.10.2026

Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Eine Würdigung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu ihrem 80. Geburtstag

von Christa Gürtler  19.10.2026

New York

Mike Tyson droht Supreme wegen verschwundener Israel-Flagge auf Hoodie

Bei dem Streit geht es um ein Hoodie, das neben dem Boxer mehrere Nationalflaggen zeigt. Plötzlich war nicht mehr die des jüdischen Staates darunter, sondern die Palästina-Fahne

 19.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Aufgegabelt

Salat mit gerösteten grünen Bohnen

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  18.10.2026

Ausstellung

Hinweise auf Hamas-Symbol - Museum Friedland verschiebt Schau

Bundespräsident Steinmeier war schon angekündigt, um die erweiterte Ausstellung des Museums Friedland bei Göttingen neu zu eröffnen. Nun verschiebt sich der Termin. Hintergrund ist ein antisemitisches Symbol

 18.10.2026

Großbritannien

Wegen Unterstützung von Palestine Action: Britischer Verlag nimmt Sally Rooneys Bücher vom Markt

Die irische Bestsellerautorin ist für ihre Unterstützung der in Großbritannien als Terrorgruppe eingestuften Organisation bekannt. Sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, sagt Rooney

 16.10.2026

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026