Demografie

Außenseiter, Blitzableiter

Vatermord: Für Teile der rebellischen Jugend ist das Establishment zu israelfreundlich. Foto: Frank Albinus / getty

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Außenseiter, Blitzableiter

Warum sich die Aufstände in Arabien häufig gegen Israel richten

von Gunnar Heinsohn  22.02.2011 10:53 Uhr

Seit der Gründung Israels im Jahre 1948 sind rund elf Millionen Muslime in Kriegen, Bürgerkriegen, Massakern, Attentaten und Genoziden umgekommen. Gut 56.000 von ihnen starben in den Kriegen gegen Israel. Gerade mal einer von 200 getöteten Muslimen stirbt im Kampf gegen Juden. Dennoch wird immer wieder der Palästinakonflikt als Hauptursache für Terror hingestellt. Aber niemand untermauert diese Sichtweise mit Zahlen. Auch US-Präsident Barack Obama verzichtete darauf in seiner Kairoer Rede vom 4. Juni 2009. Er sprach nur sehr allgemein von »zu viel vergossenem Blut«. Selbst ein Freund Israels wie Tony Blair äußerte am 17. Juli 2003 vor dem US-Kongress die Überzeugung: »Der Terror kann nicht besiegt werden ohne Frieden zwischen Israel und Palästina. Genau dort wird all das Gift ausgebrütet.«

Wenn nicht einmal Verteidiger Israels mit der Aufklärung beginnen, wer kann dann von den muslimischen Massen verlangen, den Palästinakonflikt nicht mehr zum Vorwand für Hass und Vernichtung zu nehmen? Dass der Konflikt nachrangig ist, zeigt sich derzeit bei den Aufständen in arabischen Ländern. Die Wut der Protestierer richtet sich zunächst gegen die eigenen Despoten. Erst in einem zweiten oder dritten Schritt kommt es zu Anklagen wegen »Zionismus«: Ein Mubarak, der nicht stante pede abtritt, wird als Agent Israels gebrandmarkt, um gewissermaßen eine Dosis Extrahass auf ihn lenken zu können. Diese sekundäre Verwendung der israelischen Juden als Blitzableiter oder als Waffe im innerarabischen Bruderkrieg dürfte in den kommenden Aufständen noch zunehmen.

nachwuchs Der Grund liegt darin, dass diese Erhebungen bestenfalls für eine Minderheit der Rebellen die erhoffte Lageverbesserung bringen können. Es kämpfen zu viele Ehrgeizige um objektiv zu wenige Posten. Ein Vergleich mit Deutschland illustriert das. Auf 4,6 Millionen Männer zwischen 45 und 54 Jahren, die heute Positionen in Wirtschaft, Staat und Armee innehaben, folgen nur noch 4,3 Millionen 20- bis 29-Jährige, die in den Lebenskampf eintreten. Auf 1.000 Männer folgen also nur 935 Jünglinge. Der Nachwuchs kann zuversichtlich einer Karriere entgegenblicken

Schauen wir dagegen nach Afghanistan. Dort herrscht seit 33 Jahren Krieg, und dennoch gibt es immer mehr Rekruten für neue Kämpfe. Denn auf 1.000 Männer zwischen 45 und 54 Jahren folgen 3.000 Jünglinge, für die selbst in einer Volkswirtschaft wie der deutschen kein Unterkommen wäre: Sieg oder Heldentod – statt ewig unten zu bleiben – werden dann zu ehrenhaften Optionen. Die jungen Afghanen können gewissermaßen niemals aufhören zu töten, sondern nur ihre Feinde wechseln.

Steht es in Afghanistan 3.000:1.000 für die Jungen, lautet das Verhältnis in Gaza oder im Jemen sogar 3.300:1.000. Da in beiden Gebieten auch 2010 noch fünf Kinder auf eine Frau kamen, wird auch dort der blutige Ausgleich zwischen Ambitionen und Positionen noch Jahrzehnte anhalten.

Ganz anders steht Tunesien da – dort sind die Geburtenzahlen zwischen 1970 und 2007 von 7,1 auf 1,7 gefallen. Das Verhältnis zwischen Jungen und Alten liegt bei 1.850 zu 1.000. Die Chancen auf Nachfolge der Jüngeren stehen so gut, dass in Tunesien nach wenigen Scharmützeln wieder Ruhe eingekehrt ist. Algerien, Marokko und übrigens auch der Libanon stehen nach den gewaltigen Tötungen zwischen 1975 und 2000 mittlerweile ähnlich da.

Und wie steht es mit Ägypten? Hier sieht es mit einem Verhältnis von 2.200: 1.000 für die Jungen konfliktträchtiger aus als in Tunesien, aber entspannter als in Gaza. Das 80-Millionen-Volk der Ägypter verfügt über 8,5 Millionen Männer zwischen 20 und 30 Jahren – im gleich stark bevölkerten Deutschland leben gerade fünf Millionen Männer in dieser Altersklasse. Und in Ägypten drängen 9,5 Millionen Knaben zwischen null und zehn Jahren nach – in Deutschland sind es nur 3,6 Millionen.

ideologie Nach dem Sturz Mubaraks organisieren ambitionierte Ägypter sich in Parteien, um bei Wahlen an Pfründen zu gelangen. Aber nach den für September geplanten Wahlen werden die attraktiven Stellen nicht zugenommen haben, während noch mehr Ehrgeizige nach oben wollen. Bis dahin mag Demokratie auf vielen Fahnen stehen. Danach aber werden die Verlierer des Konkurrenzkampfes nach Rechtfertigungen suchen, mit denen sie die Erfolgreichen angreifen können. Spätestens dann wird man verstehen, dass überzählige junge Männer durch mehr Freiheit nicht an Versorgung gelangen. »Die oder wir« heißt dann die uralte Devise der Unterlegenen.

Da ihre Motive mächtig, aber schnöde sind, müssen sie ideologisch überhöht werden. Dafür gibt es nicht beliebig viele Varianten. Wenn man die »Karrieristen« etwa als unfromm oder unislamisch attackiert, sind die acht Millionen christlichen Kopten in Gefahr. Mubarak hat sie vor Mord und Vertreibung immer wieder beschützt. Säkulare Demokraten werden es nicht anders halten wollen. Deshalb lassen die Christen sich leicht als Günstlinge des Regimes hinstellen, denen das Eigentum geraubt oder das Gotteshaus geschändet werden kann.

Man kann aber auch die Positionen der gerade Gewählten für sich fordern, indem man sie als Hochverräter hinstellt, die etwa die Entmilitarisierung des Sinai aufrechterhalten wollen und sich dadurch als »Zionistenknechte« zu erkennen geben. Dann stehen die Juden Israels im Visier. Es lassen sich unter der Fahne des Propheten die Angriffe auf Kopten und Juden aber auch kombinieren. Über Nacht würden dann viele junge Männer zum Islam finden, die vorher nicht viel mit Religion am Hut hatten.

Wer glaubt, so schnell änderten Menschen ihre Überzeugungen nicht, der denke an Deutschlands Grüne, die einst den Massenmörder Mao verherrlichten und heute Abgeordnete und Minister sind. Die Bundesrepublik hat diese Integration gut hinbekommen, weil hinter den erfolgreichen Amtsinhabern keine weitere Welle von Unversorgten Druck machte. In so glücklicher Lage ist Ägypten nicht – deswegen sind seine Minderheiten und Nachbarn auf der Hut.

Der Autor war bis zu seiner Emeritierung 2009 Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen.

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