Sachbuch

Altern als Bühne

Geschenkte Zeit: Roger Schawinski empfiehlt, die »Bonusjahre« als Chance zu begreifen. Foto: Getty Images

Roger Schawinski ist nicht dafür bekannt, leise zu sein. Genau so klingt auch sein neuestes Buch Hallo Boomer, so genießt du deine BONUS-JAHRE. Es ist kein stilles Alterswerk, sondern ein selbstbewusstes, stellenweise provokantes Plädoyer dafür, dass Älterwerden nicht als Abstieg, sondern als Erweiterung zu begreifen sei. Dass dieses Buch von einem 1945 geborenen Medienprofi kommt, der in essayistischem Ton, wie sonst eher im englischsprachigen Raum üblich, artikuliert, was er denkt, verwundert nicht. Schawinski packt niemanden in Watte und nimmt die Babyboomer-Generation ins Visier – also jene, die oft zwischen Selbstzufriedenheit und latenter Verunsicherung oszillieren.

Er, dem man seine 81 Jahre kaum anmerkt und der nicht müde wird, etwa gegen die Abschaffung des UKW-Radios zu kämpfen, erkennt die Widersprüchlichkeit der Babyboomer und macht sie zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Herausgekommen ist ein Ratgeber, der weder belehrend noch beschwichtigend ist, sondern eher die Tonalität eines klugen, leicht ungeduldigen Freundes hat, der einen gelegentlich wachrüttelt.

Tabubehaftete Themen

Dabei werden auch tabubehaftete Themen angesprochen. Demenz, der Umgang mit der vermeintlichen Erkenntnis »Ich werde nicht mehr gebraucht«, Sex oder assistierter Suizid (Schawinski schildert anonymisiert ein eindrückliches Beispiel aus seinem näheren Bekanntenkreis) werden genauso verhandelt wie die Frage, ob es gelingen kann, Depressionen im Alter zu vermeiden. Die Passage, in der Schawinski über seinen Vater schreibt, der die neugeborene Enkelin in den Armen hielt und »einfach nichts, gar nichts« spürte, ist vielleicht die persönlichste. Schawin­ski bekennt: »Diese Traurigkeit in seiner Stimme, als er dies sagte, verfolgt mich bis heute.«

An anderen Stellen im Buch wird es wieder leichter, wenn er zum Beispiel eingesteht, auf Geheiß seiner Frau Gabriella Pilates zu machen, wenngleich ihn diese Tätigkeit zu Tode langweile. Aber so falle er zumindest nicht in eine nach vorn gekrümmte Haltung. Ernährung, Sport, aber auch Geld sind Themen, die gerade im Alter wichtig bleiben und daher von Schawinski anhand vieler Beispiele skizziert werden.

Inhaltlich bewegt sich das Buch zwischen persönlicher Reflexion, gesellschaftlicher Analyse und praktischen Gedanken zum Älterwerden.

Das Buch hat einen gewissen Unterhaltungswert, zumal der Journalist und Medienunternehmer von Größen wie Tina Turner, Bob Dylan, Thomas Gottschalk oder Joe Biden erzählt. »Bei Leuten, die sehr lange in der Öffentlichkeit tätig waren und dort viel Zuwendung erhalten haben, sind die Gefühlsamplituden besonders groß«, resümiert er.

Aus dem eigenen Leben erzählen, ohne in Eitelkeit zu verfallen

Inhaltlich bewegt sich das Buch zwischen persönlicher Reflexion, gesellschaftlicher Analyse und praktischen Gedanken zum Älterwerden. Schawinski erzählt aus seinem eigenen Leben, ohne in Eitelkeit zu verfallen. Das macht sein Werk anschaulich und zeigt die Verletzlichkeit des Alters, mit dessen stiefmütterlicher Behandlung Schawinski aufräumen will.

Er übersetzt seine Erfahrungen in allgemeinere Fragen: Was bedeutet es heute, alt zu sein? Welche Chancen bietet diese Lebensphase? Wo lauern die bequemen Ausreden? Schawinski weigert sich, die »Bonusjahre« als eine Art verlängerten Ruhestand zu verklären. Stattdessen fordert er vielmehr Aktivität, Neugierde und auch eine gewisse Unbequemlichkeit ein.

Die größte Stärke des Buches zeigt sich vielleicht gegen Ende, nämlich dort, wo der Autor konstatiert, dass »die Zertrümmerung unseres tradierten Wertesystems von uns eine enorme intellektuelle Leistung« verlangt.

Kein Grund zur Verzweiflung

Das sei schmerzhaft, findet er. Und trotzdem gebe es keinen Grund zur Verzweiflung, eher »Anlass zur ernsthaften Analyse«. Wer sich nur zurücklehne, habe für ihn etwas missverstanden. Das Alter sei kein Schonraum, sondern eine Bühne – vielleicht eine der letzten, aber gerade deshalb eine, die man bewusst bespielen sollte.

Einige Gedanken wiederholen sich zwar, aber das gehört wohl auch zum Konzept dieses Buches, das ein Impulsgeber sein möchte. Es bleibt am Ende ein lebendiger, kluger und angenehm unruhiger Text, der dazu Anstoß geben möchte, die eigenen »Bonusjahre« weniger als Zugabe denn als Chance zu betrachten.

Roger Schawinski: »Hallo Boomer, so genießt du deine BONUS-JAHRE«. edition einwurf, Rastede 2026, 200 S., 22 €

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