Essay

Als der Krieg in unsere Straße kam

Tatort: die Simta-Bar in Tel Aviv, wo ein arabischer Attentäter vergangene Woche zwei Menschen erschoss und zehn weitere verletzte. Foto: Flash 90

Zwei Zahlen. 290 und 350. Zwei Zahlen, die mir im Kopf pochen, wie Hammerschläge. Von unserer Wohnung auf der Dizengoff zu der Bar Simta, vor der am Freitag ein Terroranschlag verübt wurde, sind es nur 290 Meter. Von der Bar zum Kindergarten meines Sohnes beträgt die Luftlinie 350 Meter.

Jeden Morgen, wenn ich mein Kind zum Kindergarten bringe, fahre ich dort entlang, wo am Freitag zwei Menschen ermordet und viele andere verletzt wurden. Morgen für Morgen. Am Superpharm, mit Blick aufs Japanika und Simta rechts herum. Ich erinnere mich, wie Bauarbeiter vor dem Simta noch vor einigen Monaten geschweißt haben, dass die Funken flogen.

Es ist eine der neueren Megabars, von der es auf der Dizengoff so viele gibt. Mit langen, hohen Tischen drinnen und draußen, immer voll, immer lustig, immer lebendig. Mir als Mutter ist natürlich der Bioladen direkt daneben vertrauter. Im »Anis« kaufen wir besorgten Eltern aus dem Kindergarten die Vollkornpasta und das Bio-Bamba.

verunsicherung Als erste Nachrichten von dem Anschlag die Runde machen, sitze ich mit Mann und Kind, wie fast jeden Freitag, bei den Schwiegereltern in der Nähe von Haifa. Wir schauen ungläubig auf den Fernsehbildschirm und versuchen herauszufinden, wo der Anschlag genau stattgefunden hat. In der WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Kita-Eltern aus: Yotams Eltern haben alles gehört, auch sie wohnen nur wenige Meter entfernt. Leos Schwester Kaya ist mit der Oma auf einer Toilette in einem Café eingesperrt.

Den Eltern meiner Freundin Sarah gehört der schöne Teeladen an der Ecke Dizengoff/Gordon. Sie hat sich dort mit ihrer Mutter und ein paar Kunden in einem kleinen Bad verschanzt, während ihr Bruder panisch die Dizengoff entlangrennt, um zu sehen, ob mit seinen Eltern alles okay ist. Wir versichern einander, dass wir alle okay sind. So okay, wie man eben sein kann, wenn der Krieg in deine Straße kommt.

Als wir am Freitagabend vor dem Haus parken, liegt unsere Straße, sonst der Inbegriff Tel Aviver Emsigkeit, wie ausgestorben da. Es ist dunkel, es regnet, es stürmt, und es ist Schabbat. Und trotzdem: Diese Ruhe ist ungewöhnlich. In dem Moment, als wir aussteigen wollen, überkommt mich die Panik. Was, wenn der Terrorist hier noch irgendwo herumläuft? Was, wenn er sich in unserer Wohnung verschanzt hat?

Mir gehen die absurdesten Gedanken durch den Kopf. Ich komme mir paranoid vor. Mein Mann sagt, das ist, weil ich Krimis schreibe. Ich denke, dieses Mal ist wirklich alles anders. Ich habe in Israel schon vier Kriege erlebt, Raketenalarme, mein Mann als Reservist an der Front, das ganze Programm. Aber nichts hat sich bisher so persönlich angefühlt. Da ist jemand in unsere Straße gekommen und hat wahllos Leute umgeschossen, als wären sie Pappfiguren auf einem Schießstand – das bleibt nicht ohne Wirkung.

vorsicht Nach all den Messerattacken in den letzten Monaten habe ich es mir angewöhnt, darauf zu achten, was die Leute, die mir entgegenkommen, in den Händen halten. Nach all den Angriffen, bei denen Autofahrer auf Bushaltestellen zurasten, um Menschen zu überfahren, habe ich es mir angewöhnt, nie direkt an der Ampel zu warten, sondern immer etwas nach hinten versetzt zu stehen.

An der Simta-Bar komme ich ständig vorbei. Nichts hätte mich vor diesem Monster schützen können, das dort am Freitag gewütet hat. Keine Vorsicht, keine Umsicht. Keine Sirene, die mich warnt, kein Bunkerraum und kein Raketenabwehrschild. Der Krieg ist persönlich geworden. Der Krieg ist jetzt vor meiner Haustür.

Am Tag nach dem Anschlag gehen wir zum Tatort, und eine ältere Dame stellt sich neben uns, während wir von der anderen Straßenseite fassungslos die Köpfe schütteln. »Wohnt ihr auch hier?«, fragt sie leise, und wir nicken. Sie schaut in den Buggy und fragt, wie alt unser Sohn ist. »Ein Jahr und acht Monate«, antwortet mein Mann, stolz wie immer. »Ich sehe Frauen mit ihren Kindern und Babys draußen herumlaufen. Das ist nicht gut«, raunt sie mir zu. »Aber wir leben doch hier! Was sollen wir denn machen? Nie mehr vor die Tür gehen?«, sage ich trotzig. Die alte Dame zuckt mit den Schultern und geht weiter.

Wir laufen zu einem Spielplatz und spielen Ball. Ich schaue mich ständig um, checke, dass um uns herum alles in Ordnung ist. Wie oft habe ich in Interviews erzählt, dass ich mich in Tel Aviv sicher fühle. Manchmal sicherer als in Paris oder London, wo niemand auf den Terror vorbereitet ist, wie wir hier. Die Wahrheit ist wohl, dass man in keiner Großstadt mehr so richtig sicher ist. Das ist der größte Erfolg des Terrorismus und unsere schmerzhafteste Niederlage. Dass dieser unerklärliche Hass es geschafft hat, in unseren Alltag einzudringen. Dass wir uns vor fremden Menschen fürchten müssen. Terror betrifft uns jetzt alle. Willkommen im Jahr 2016!

solidarität Ich scrolle durch meinen Facebook-Newsfeed, aber immer noch hat niemand sein Profilbild zu »Je suis Tel Aviv« geändert. All die Stimmen, die beim Anschlag in Paris mit lauter Solidarität aufgeschrien haben, scheinen verstummt, und einmal mehr wird mir klar, wie alleine wir in solchen Situationen dastehen. Auf meinem Telefon blinkt es. In Berlin hat meine beste Freundin ihr Kind bekommen. Ich möchte weinen vor Erleichterung darüber, dass das Leben weitergeht.

Am Sonntag bringe ich meinen Sohn wie immer in die Kita. Ich höre, dass manche Eltern, besonders im Norden der Stadt, wo der Attentäter noch irgendwo vermutet wird, ihre Kinder zu Hause lassen, und denke, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das jetzt noch einmal an unserer Ecke passiert, ja wirklich verschwindend gering ist. Der pragmatische Teil in mir hat wieder die Regie übernommen und wie gut ich damit in diese Stadt passe, sehe ich an all den anderen Menschen, die mir begegnen. Unerschütterlich weitermachend.

Tel Aviv ist wie eines dieser faszinierenden Tiere, die sich bei Verletzungen sofort selbst regenerieren. Ein Axolotl, ein Zebrafisch. Verletzte Teile fallen ab und gesunde wachsen nach. Wir trauern schmerzlich um die, die wir auf dem Weg verlieren. Aber wir lassen uns nicht das Leben nehmen. Wir leben und leben und leben. Zum Trotz und aus Prinzip. Nur so können wir diesen Krieg, der nicht zu gewinnen ist, gewinnen.

Katharina Höftmann lebt seit 2010 in Israel. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Der Rabbi und das Böse: Kommissar Rosenthal ermittelt in Tel Aviv«.

Berlin

Dieter Nuhr erhält Leo-Baeck-Preis 2026 des Zentralrats der Juden

Mit der höchsten Auszeichnung des Zentralrats würdigt die Organisation insbesondere Nuhrs Engagement gegen Antisemitismus in der deutschen Medienlandschaft

 11.05.2026

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

TV-Tipp

Vieldiskutierter Blockbuster »Barbie« bei RTL - Komödie um die legendäre Puppe und eine irrwitzige Identitätskrise

Greta Gerwigs Erfolgsfilm um die berühmte Puppe Barbie, deren sorgenfreies Leben durch dunkle Gedanken gestört wird, so dass sie sich mit ihrem Verehrer Ken in die Welt der Menschen aufmacht, um die Krise zu überwinden

von Michael Kienzl  11.05.2026

ESC-Kolumne

Israel beim ESC: Gesungene Geschichte

Viermal hat Israel den Europäischen Gesangswettbewerb gewonnen. Wie sieht es wohl diesmal aus?

von Martin Krauss  11.05.2026

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026